Ihre Worte gingen um die Welt. Einen Tag nach der Amtseinführung des US-Präsidenten im Januar traute Mariann Edgar Budde sich etwas, was in ihrem Land die wenigsten wagen: Donald Trump direkt ins Gewissen zu reden – vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Die Bischöfin der episkopalen Diözese von Washington, D.C. blickte in ihrer Predigt Trump direkt ins Gesicht und sagte: „Im Namen unseres Gottes bitte ich Sie, Erbarmen mit den Menschen in unserem Land zu haben, die jetzt Angst haben.“ Budde führte dann aus, dass die meisten Einwanderer keine Kriminellen seien, sondern Steuerzahler und gute Nachbarn.

National Cathedral Holds A Service Of Prayer For The Nation
„Im Namen Gottes bitte ich Sie, Erbarmen zu haben“: Bischöfin Mariann Edgar Budde ermahnt Donald Trump im Januar 2025. © Getty Images via AFP | Chip Somodevilla

Es war ihre Antwort auf die Ankündigung des US-Präsidenten, Massenabschiebungen von Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus durchzuführen. Trump musste der Bischöfin von der Kirchenbank aus schweigend zuhören. Nicht eine Oppositionspolitikerin, nicht ein Staatschef, nicht ein Konzernlenker hatte Trump die Leviten gelesen, sondern eine Kirchenfrau.

Wie bedeutend dieser Moment für führende christlichen Glaubensvertreter in aller Welt war, zeigte sich nicht nur anhand der gigantischen Aufmerksamkeit, die Budde danach erhielt. Die Dimension ist größer: Die Kirchen stehen weltweit politisch unter Druck – aus mehreren Gründen. Wie sollen sie mit Parteien und Regierungen umgehen, die mit Gott Politik machen? Ist etwa Trumps Kreuzzug im Namen Gottes dank seiner treuesten Wähler, den evangelikalen Christen, erst der Anfang einer weltweiten Bewegung?

Lieben Sie gut recherchierte Geschichten, spannende Interviews und Reportagen?

Textchefin Birgitta Stauber sucht sie in ihrem Newsletter „Das Beste am Sonntag“ für Sie aus, eingebettet in ein persönliches Editorial. Kostenlos abonnieren können Sie den Newsletter hier.

Weltkirchenrat: Bedford-Strohm warnt vor Missbrauch des Christentums

Kaum jemand kann zu diesen Fragen besser Auskunft geben als der Mann, dessen Aufgabe es als Vorsitzender des Weltkirchenrats ist, christliche Strömungen im ständigen Dialog zu halten. Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, hat seit 2022 als erster Deutscher das hohe Amt inne. Der Weltkirchenrat, auch Ökumenischer Rat der Kirchen genannt, ist ein Zusammenschluss von mehr als 350 evangelischen, anglikanischen und orthodoxen Kirchen mit 600 Millionen Mitgliedern. Ein Seismograf des Christentums.

Gottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag in Bayern
Mahnt vor dem Missbrauch des Christentums: Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Weltkirchenrats und ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche.© picture alliance/dpa | Sven Hoppe

Nicht nur wegen Trump ist Bedford-Strohm daher tief besorgt: „Ich sehe mit Entsetzen den zunehmenden politischen Missbrauch des Christentums“, sagt der frühere bayerische Landesbischof im Gespräch mit dieser Redaktion.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Die USA sind für ihn nur das krasseste Beispiel einer globalen Entwicklung. Dass Trump sogar eine eigene Bibel herausgebe, gleichzeitig aber grundlegende Orientierungen des Christentums mit Füßen trete, Menschen als Tiere oder als Abschaum bezeichne und brutal gegen Flüchtlinge vorgehe, macht Bedford-Strohm fassungslos. „Wir müssen gerade an Weihnachten dafür kämpfen, dass diese komplette Instrumentalisierung des Christentums für die eigenen politischen Zwecke aufhört. Wer die kostbaren Grundorientierungen des Christentums so in den Dreck zieht, darf damit nicht durchkommen.“

Missbrauch von Religion: Politik instrumentalisiert christlichen Glauben

Der Theologe, selbst mit einer Amerikanerin verheiratet, kann die Verhältnisse in den USA gut einschätzen. Er erkennt in den dortigen evangelikalen Kreisen sehr deutlich, wie politische Verantwortungsträger ganz bewusst Gottesdienste nutzen, um politische Ideologie zu verbreiten. „Ich habe nichts dagegen, dass Christen sich in die Politik einmischen. Im Gegenteil, ich wünsche mir, dass die Kirchen deutlich Stellung beziehen.“ Nur es müsse in die richtige Richtung passieren. Christen könnten vom Evangelium her deutliche Aussagen in die Politik machen. „Es darf aber nicht sein, dass die Politik das Christentum für eigene Zwecke missbraucht“, erklärt er.

Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert

Auch Wladimir Putin präsentiert sich öffentlich als tiefgläubiger Christ. Dabei kann er sich auf die Unterstützung der einflussreichen russisch-orthodoxen Kirche in Russland verlassen. Der Herrscher im Kreml greife, so Bedford-Strohm, „unter Berufung auf die christliche Kultur“ ein anderes Land brutal an und töte jeden Tag mit Bomben Zivilisten. „Da wird mit christlicher Religion etwas legitimiert, was das Gegenteil von Christlichkeit ist“, betont er. Weihnachten ist für ihn daher „ein guter Wahrheits-Check“ für diesen Missbrauch der christlichen Kultur.

Ceremony to present government awards at Kremlin
Gemeinsamer Auftritt in Moskau: Der russische Präsident Wladimir Putin (l.) und der Vorsteher der Russisch-Orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I. im November. © picture alliance / TASS | Sergei Karpukhin

Was Putins vermeintliche christliche Legitimation seines Handelns angeht, macht sich die in Rom lehrende, österreichische Soziologie-Professorin Kristina Stoeckl nichts vor: Staat und Kirche seien in Russland miteinander verbunden. „Die Kirche unterstützt den russischen Staat aktiv im Krieg, segnet Soldaten, geht gegen abweichende Priester vor“, erklärt Stoeckl in einem Interview. Patriarch Kyrill habe eine Kirche geschaffen, die völlig von oben nach unten durchstrukturiert sei. Er könne staatliche Autoritäten dazu bringen, Priester zu verhaften, wenn sie sich nicht an die Siegesgebete halten, die er ausgegeben habe. Laut Stoeckl gibt es in Russland noch mutige, kritische Priester –„eine winzige Minderheit, oft im Exil“.

Auch die AfD nutzt Christentum für politische Zwecke

Für den Weltkirchenratsvorsitzenden Bedford-Strohm sind es vor diesem Hintergrund auch die kleinen Signale, die ihm dennoch Hoffnung machen. Gut erinnert er sich noch an eine Sitzung vor drei Jahren. „Bei dem Beschluss der Vollversammlung 2022, in dem wir scharfe Kritik an der russischen Invasion übten, haben auch die russisch-orthodoxen Vertreter am Ende nicht die blaue Karte gehoben, die für Dissens steht“, sagt er. Der Beschluss ging durch. Auch die weltweiten, klerikalen Kreise leben von der Kunst der Diplomatie.

214688_1325_214688_cover.jpg
Das Beste aus dem ersten Jahr
Meine schwerste Entscheidung
 

Ist die Sorge vor dem wachsenden Missbrauch des Christentums durch die Politik allerdings auch in Deutschland berechtigt? Da richtet sich der Blick des Weltkirchenratsvorsitzenden vor allem auf eine Partei: die AfD. Diese behaupte, „das Christentum in unserem Land zu schützen, vor allem gegen muslimische Flüchtlinge“, sagt Bedford-Strohm. „Mit dem, wofür Jesus Christus steht, hat das nichts zu tun.“

Zu ihren Unterstützern auf ihrem vermeintlich christlichen Kurs gehört die Vereinigung „Christen in der AfD“, die sich mit dem Islam genauso kritisch auseinandersetzt wie mit Abtreibungen. So schreibt die Gruppe in ihrer Grundsatzerklärung: „Nach wie vor werden in Deutschland Jahr für Jahr während der Schwangerschaft skandalös viele Kinder getötet. Jährlich fällt eine mittlere Großstadt der herrschenden Praxis von Abtreibungen zum Opfer.“

AfD und Christentum: Streit um Deutungshoheit eskaliert im Bundestag

Die ARD schenkte dem Missbrauch des Christentums durch die Politik erst vor wenigen Tagen eine längere Sendung. Darin ist zu sehen, wie der freikirchliche Baptistenpastor Tobias Riemenschneider auf Einladung der AfD im Bundestag ausholt: „Wir schaffen uns selbst ab und werden ersetzt durch Menschen aus Kulturen, die ihre Kinder nicht töten, sondern die sich vermehren.“ Die Einladung an Riemenschneider erfolgte aus gutem Grund. Die „Christen in der AfD“ feierten im Herbst ihr zehnjähriges Bestehen. Und sie spüren Rückenwind.

Lesen Sie auch

Die Konflikte mit den Vertretern der Kirchen könnten noch eskalieren: Wer bestimmt, was christlich ist? Es geht um nicht weniger als die Deutungshoheit weit über konfessionelle Weltanschauungen hinaus. Dem Dialog mit den Anhängern der AfD will Bedford-Strohm daher auf keinen Fall ausweichen: „Wenn ich mit AfD-Wählern spreche, dann sehe ich immer zuerst den Menschen, nicht seine Worte oder Taten.“ Aber seine Haltung sei klar: „Die Politik der AfD steht im klaren Widerspruch zu dem, wofür das Christentum steht.“