Keine Frage: Silvester übt auf viele Menschen eine magische Faszination aus. Der Jahreswechsel vereint, wenn es gut läuft, Optimismus mit Glanz, ist voller Kraft und Schönheit, reißt uns aus der Stille der Weihnachtstage, lässt uns dem neuen Jahr zujubeln, ganz nach dem Motto: jetzt erst recht. Gerne darf es von allem ein wenig zu viel sein: Ob es der Crément ist, das Make-up oder der Bass aus dem Wohnzimmer-Subwoofer. Es muss laut sein, es muss prickeln und glitzern an Silvester. Der Alltag holt uns ja doch wieder ein, dafür sorgen schon die wirtschaftlichen Aussichten, die geopolitische Lage und das Privatleben. Da wird man ja wohl auch noch in Ruhe böllern dürfen, sagen diejenigen, die sich in diesen Tagen eindecken mit allem, was knallt und zischt.

Böllerverbot gewinnt an Zustimmung – Pyro-Branche wächst trotzdem

Wer nicht böllert, würde sich freuen über organisierte Feuerwerks-Shows statt kriegsähnlicher Zustände zwischen Mehrfamilienhäusern. Tatsächlich hat das Böllerverbot Konjunktur; laut Umfragen ist die Mehrheit der Deutschen dafür, privates Feuerwerk zu verbieten. Die Pyro-Branche boomt aber auch: Sie rechnet mit Top-Umsätzen, die auch noch mal zwischen 10 und 15 Prozent höher liegen als im vergangenen Jahr.

Was zeigt: Die Sensibilisierung steigt, etwa gegenüber der Geldverschwendung (zehn Minuten Böllern kosten schnell 500Euro), den unnötigen Unfällen vor allem durch illegales Feuerwerk aus Polen und Tschechien, den Psychosen, die die Knallerei bei Hunden und Katze auslösen, sowie der immensen Feinstaubbelastung. Parallel dazu steigt die Ignoranz der Böllerfreunde, die auf Tierschutz, Klimaschutz, Lärmschutz pfeifen. Böllern oder nicht: Diese Frage spaltet die Gesellschaft ebenso wie die Debatte um den Krieg zwischen Israel und Gaza, den Umgang mit illegaler Migration oder den Klimawandel.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Egal, auf welcher Seite man bei diesen Debatten steht: Es ist härter geworden, mehr schwarz-weiß, weniger Grautöne. Und mit dem Gedanken erinnere ich mich an die Nachbarschaft meiner Kindheit: Die Jungs mit den Tüten voller Böller gab es auch damals schon. Mit kalt gefrorenen Fingern zündeten sie ihre Chinakracher an. An den drei Raketen aus dem Familiensortiment, die mein Vater spendierte, hatten sie kein Interesse. Sie wollten Wumms. Einer bastelte selbst, er war vielleicht zwölf Jahre alt, wedelte zu lange mit der entflammten Zündschnur – und verlor seine Hand. Das ist 40 Jahre her. Die Rettungssanitäter, die ihm das Leben retteten, waren die Helden der Nacht.

Birgitta Stauber
Birgitta Stauber, Textchefin der FUNKE Zentralredaktion© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Silvesterknaller: Angriffe mit Feuerwerk gefährden Gesellschaft

Für uns war es ein einzigartiger Unfall, entstanden aus purer Unvernunft. Inzwischen verletzen sich aber die Feuerwerksliebhaber nicht nur selbst, was ja schon schlimm genug ist. Sondern sie zielen auf andere. In eine Wohnung, so wie in Berlin im vergangenen Jahr. Auf Polizisten. Auf die Retter. Und damit auf die Gesellschaft. Genau das ist der Kipppunkt.

Wer selbst Hand anlegt an eine Zündschnur, trägt Verantwortung. Für sich, für die Menschen drumherum. Diejenigen, die auf diese Verantwortung pfeifen, sind die eigentlichen Spielverderber, die jeder Silvesternacht den Glanz rauben. Denn ohne all die gefährlichen und auch tödlichen Exzesse in den vergangenen Jahren wäre ein Böllerverbot nicht die Debatte wert.