
Viele Menschen reisen nach Indien, um sich dort bei Yoga und Meditation in spiritueller Atmosphäre selbst zu finden. Friedrich Merz ist aus anderen Gründen gekommen, er ist auf der Suche nach einem Partner – und begegnet doch sich selbst. Und das an jeder Ecke. Der Bundeskanzler schaut hundert-, vielleicht sogar tausendfach freundlich lächelnd von Bauzäunen, Brücken und Bushäuschen.
Indiens Ministerpräsident Narendra Modi hat den deutschen Kanzler in die westindische Metropole Ahmedabad eingeladen. An allen Straßen, auf denen die Merz-Kolonne fährt, hängen metergroße Plakate mit Bildern der beiden Regierungschefs. „Willkommen in Indien“ und „Es lebe die deutsch-indische Freundschaft“, wird der Gast begrüßt. Von einer so flächendeckenden Plakatierung hätte Merz im Bundestagswahlkampf nur träumen können, sie hätte jedes Parteibudget gesprengt.
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Besuche des Kanzlers in entfernten Staaten werden Wochen oder gar Monate im Voraus geplant. Die Kalender der Staats- und Regierungschefs müssen abgestimmt, sowohl außenpolitische als auch innenpolitische Termine bedacht werden. Dass Merz in global unruhigen Zeiten nach Indien reisen würde, war absehbar. Dass die Reise aber in einen derart turbulenten Jahresauftakt fällt, konnten Merz und sein Team bei der Organisation nicht ahnen.
Friedrich Merz in Indien: „Es wehen raue Winde“
In der Kanzlerdelegation wird es jedoch als passender Zufall gesehen, dass Merz gerade jetzt für seinen Antrittsbesuch nach Indien kommt. Russland, China und die USA läuten die Ära der Großmächte ein. Sie stecken ihre Claims ab, als wäre der Rest der Welt eine große Weite, die es nach Belieben in Besitz zu nehmen gilt. Die konstanten Drohungen von US-Präsident Donald Trump gegen Grönland nach dem Militäreinsatz in Venezuela haben die Europäer zu Beginn des Jahres geschockt. „Es wehen raue Winde“, sagt Merz im Beisein von Modi.
Das Besuchsprogramm des Kanzlers beginnt am Morgen in einem früheren Gehöft am Ufer des Sabarmati-Flusses, die Sonne müht sich durch den smogverhangenen Himmel. Modi führt Merz über das Gelände, auf dem Indiens Nationalheld Mahatma Gandhi einst mehr als zehn Jahre lebte. Von hier startete Gandhi seinen gewaltfreien Kampf für Indiens Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft.

In den Bäumen über dem Kanzler tschilpen grüne Sittiche, als sich Merz in das Gästebuch einträgt. „Mahatma Gandhis unerschütterlicher Glaube an die Kraft der Freiheit und an die Würde jedes Menschen inspiriert uns bis heute“, heißt es in dem vorab von einer Mitarbeiterin des deutschen Generalkonsulats geschriebenen Eintrag, unter den Friedrich Merz dann noch mit einem Füllfederhalter seine Unterschrift mit lang geschwungenem „F“ setzt. „Dieses Menschheitserbe verbindet Inder und Deutsche als Freunde in einer Welt, die Gandhis Lehre vielleicht nötiger hat denn je.“
Danach geht es für Merz und Modi zu einem traditionellen Winddrachen-Festival, wo sie demonstrativ gemeinsam eine Leine halten. Gemeinsam fahren die Regierungschefs dorthin auf der Rückbank einer schwarzen Mercedes-Limousine mit getönten Scheiben. Merz hat viel mit Modi zu besprechen, er will jede Minute mit dem indischen Premierminister nutzen. Bis zu 40 Minuten reden die beiden unter vier Augen. Der Kanzler will wissen, auf wen er sich in Zukunft verlassen kann.

Indien ist ein attraktiver Handelspartner für Deutschland
Der Kanzler und sein Team wollen die Beziehung zu den USA erhalten, so eng und so gut und solange es nur geht. Merz‘ Befürchtung ist aber, dass Deutschland und Europa unter die Räder geraten, wenn sie jetzt nicht Stärke zeigen und neue, politisch und wirtschaftlich verlässliche Kontakte im Rest der Welt aufbauen. „Wir müssen ein weiteres Netz an Partnerschaften knüpfen – und zwar schnell“, sagt Merz. „Indien ist dabei ein Wunschpartner für Deutschland.“
Das mit mehr als 1,4 Milliarden Menschen bevölkerungsreichste Land der Welt ist eine Demokratie mit einer dynamisch wachsenden Wirtschaft. Das macht Indien für Deutschland nicht nur zu einem attraktiven Handelspartner, sondern auch zu einem strategischen Verbündeten. Genau wie die Europäer will Indien sich neben Russland, China und den USA behaupten. „Wir teilen wesentliche Interessen“, ist sich Merz sicher. „Wir setzen uns für eine internationale Ordnung ein, in der wir frei und sicher leben können.“

Das Bedürfnis nach einer weiteren Annäherung ist auch von indischer Seite groß, Modi betont die zahlreichen Felder: Bildung, Fachkräfteaustausch, aber auch Sicherheit und Verteidigung. Beide Länder unterzeichnen am Rande des Kanzlerbesuchs eine Erklärung für eine engere Rüstungskooperation. Insgesamt 27 unterschriebene Absichtserklärungen und Ankündigungen bringt Merz mit nach Hause.
EU und Indien: Kommt es im Januar noch zu einer Sensation?
Deutschland und Indien wollen nicht nur beim Abbau Seltener Erden zusammenarbeiten – sondern auch bei der Förderung des Hockey-Nachwuchses. Merz zeigt sich nach seiner Autofahrt mit Modi zudem zuversichtlich, dass es noch im Januar zu einem Durchbruch in den Gesprächen über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien kommen könnte. Das wäre eine Sensation.
Die Dramatik, mit der die bisherige Weltordnung derzeit im Zeitraffer durcheinandergerüttelt wird, lässt auch Indien nicht kalt. Das Bedürfnis nach einer engen Partnerschaft mit Deutschland ist an dem Empfang abzulesen, den Modi dem Gast bereitet. Nicht wegen der vielen Plakate, die für Merz ein erfreuliches Stadtbild ergeben – sondern wegen des Ortes.

Es sei ein „besonderes Zeichen der persönlichen Wertschätzung“, dass Modi den Gast in seinen Heimatbundesstaat Gujarat eingeladen hat, anstatt ihn in der Hauptstadt Neu-Delhi zu empfangen, heißt es aus dem Kanzler-Team. Diese Ehre hat Modi bislang nur wenigen Gästen wie US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping erwiesen. Modi nennt Merz einen „Freund“ und freut sich, dass der Kanzler für seine erste Asien-Reise Indien als Ziel ausgewählt hat. Und nicht China.
„Ich will damit ein Zeichen setzen für die strategische Partnerschaft mit Indien“, beteuert Merz. Dafür ist Merz auch bereit, gegenüber Modi ein Auge fest zuzudrücken: Indien kauft trotz stetiger Ermahnungen immer noch in großem Umfang Waffen, Öl und Gas von Russland – und finanziert so den russischen Krieg gegen die Ukraine. Modi pflegt wegen dieser Abhängigkeiten seines Landes enge Beziehungen zu Kremlchef Wladimir Putin.
Doch in diesen Zeiten bleibt Merz nichts anderes übrig, als auf das Verbindende zu blicken. Den wunden Punkt spricht der Kanzler bei einem gemeinsamen Auftritt mit Modi vor der Presse nicht offensiv an. Die engere Zusammenarbeit im Bereich Rüstung könne aber dazu beitragen, dass Indien weniger angewiesen sei auf Russland, gibt der Kanzler einen Fingerzeig und räumt ein: „Nein, wir sind nicht immer in allen Fragen einer Meinung.“ Die gemeinsamen Übereinstimmungen seien aber „sehr groß“. Und das ist doch schon viel in Zeiten, in denen die Gemeinsamkeiten mit den USA immer mehr infrage stehen.



