Die Revolution im Iran scheint vorerst gescheitert zu sein. Das Mullahregime hat den Protest zusammenkartätscht, Tausende, möglicherweise Zehntausende Menschen sind in den vergangenen Wochen gestorben. Mohammad Mohadessin glaubt dennoch an ein baldiges Ende der theokratischen Gewaltherrschaft. „Es ist exakt so wie in den letzten Tagen des Schahs.“ Beinahe ein halbes Jahrhundert ist es her, als im Iran eine Diktatur von einer anderen abgelöst wurde. Mohaddessin hat gegen beide gekämpft. Jetzt hofft er auf eine bessere Zukunft.

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Mohaddessin, 69, sitzt im großen Empfangszimmer im zweiten Stock eines üppigen Bürogebäudes im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Vor der Tür steht ein Polizeiauto, ein Sicherheitsmann wirft einen kritischen Blick auf Besucher. Im Foyer im Erdgeschoss stehen Tulpen vor einer Bilderwand, auf der einige der Opfer des jüngsten Aufstandes gegen das Mullahregime zu sehen sind. Männer und Frauen testen Megafone, sprechen über die Großdemonstration am Samstag, zu der Zehntausende am Brandenburger Tor erwartet werden.

Hier ist der Berliner Sitz des Nationalen iranischen Widerstandsrates (NWRI). Mohaddessin ist der außenpolitische Beauftragte der Organisation, die als vernetzt wie kaum eine andere Oppositionsgruppe im Iran gilt.

Eine Lebensgeschichte, geprägt von den Umbrüchen im Iran

Der 69-Jährige ist ein Mann mit leiser Stimme und freundlichem Lächeln, er trägt Anzug. Seine Lebensgeschichte ist geprägt von den Umbrüchen im Iran. Geboren wird er 1955 als Sohn eines Groß-Ayatollahs in Ghom, der Stadt, in der die wichtigsten schiitischen Gelehrten im Iran leben und lehren. Als junger Mann schließt er sich den iranischen Volksmojahedin (PMI) an, die gegen den Schah rebellieren. Ihre Ideologie ist eine wilde Mischung aus den Lehren des Islam und des Marxismus. Mohaddessin landet im Gefängnis, wird gefoltert, kommt kurz vor dem Sturz des Monarchen frei. Seine Bewegung unterstützt die Revolution, überwirft sich aber rasch mit dem religiösen Führer Khomeini. Am 20. Juni 1981 kommt es zum endgültigen Bruch, als das neue Regime eine Kundgebung in Teheran zusammenschießen lässt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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1982 verlässt Mohaddessin den Iran, heute lebt er in Paris, wo der NWRI seinen Hauptsitz hat. Kern des Widerstandsrat sind noch immer die PMI, die zwischenzeitlich in der EU, Kanada, Japan und den USA als Terrororganisation galten. Zuletzt haben die USA sie 2012 von ihren Terrorlisten genommen. Heute gelten sie als politische Kraft, für die sich prominente westliche Politiker einsetzen, etwa die kürzlich verstorbene Grande Dame der CDU, Rita Süssmuth, oder der frühere deutsche EU-Kommissar Günter Verheugen.

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„Wir sind dem Säkularismus verpflichtet“

„Wir sind dem Säkularismus verpflichtet“, sagt Mohaddessin. „Wir wollen Menschen nicht diktieren, was sie glauben sollen, Religionszugehörigkeit darf keine Privilegien bedeuten. Auch ein christlicher Kurde muss Präsident des Iran werden können, wenn es die Menschen wollen.“ Er selbst ist gläubiger Muslim. Die meisten Frauen in der Berliner Niederlassung tragen Kopftücher. „Aber keine Frau sollte dazu gezwungen werden.“

Auf dem Tisch im Empfangssaal der Berliner Niederlassung liegt ein schweres, dickes, rotes Buch. Darin stehen die Namen und Bilder von etwa 20.000 Männern und Frauen, die in den 1980er-Jahren im Kampf gegen das Mullahregime gestorben sind. „Es ist für mich nicht nur ein Buch, das mich traurig macht. Es ist auch ein Zeugnis des organisierten Widerstands.“ In den vergangenen Wochen sei es Gruppen des NWRI im Iran gelungen, kleinere Städte und sogar Stadtteile der Hauptstadt Teheran für Stunden oder sogar Tage unter Kontrolle zu bringen, berichtet Mohaddessin. „Sie haben das Regime gezwungen, sich zurückzuziehen.“

Keine Gemeinsamkeiten mit dem Sohn des Schahs

Iran-Demo
Tausende Menschen versammeln sich am 7. Februar bei der großen Iran-Demo am Brandenburger Tor in Berlin.© Berliner Morgenpost | Julia Lehmann

Der jüngste Aufstand gegen das Regime sei „ein Erdbeben“ gewesen. Er habe auch, betont Mohaddessin, dazu geführt, dass unterschiedliche Oppositionsgruppen näher zueinander gefunden hätten. Bislang fehlt eine gemeinsame Vision für die Zeit nach einem möglichen Sturz des Regimes. „Jetzt demonstrieren wir zusammen mit kurdischen Parteien.“ In einem künftigen Iran, von dem er träumt, würde den Kurden im Westen oder den Belutschen im Osten weitgehende Autonomie zugestanden.

Einzig mit den Gefolgsleuten des in den USA lebenden Schah-Sohns Reza Pahlavi, der aktuell vielerorts als Hoffnungsträger gehandelt wird, sieht Mohaddessin keine Gemeinsamkeiten. „Wir wollen eine Herrschaft der Menschen, keine Herrschaft von Königen oder Mullahs.“

„Der Winter des Regimes hat begonnen“

Trotz der Niederschlagung der Proteste ist er überzeugt: „Der Winter des Regimes hat begonnen. Es hat keine Zukunft.“ Eine Intervention von außen, wie sie jetzt möglicherweise durch einen US-amerikanischer Angriff droht, lehnt der 69-Jährige ab. „Freiheit kann man nicht mit Bomben erzwingen. Das Regime muss von den Menschen selbst gestürzt werden.“ Im Irak habe sich gezeigt, dass ein gewaltsamer Regimesturz von außen durch den massiven Einsatz von Bodentruppen abgesichert werden müsse – und ein Land ins Chaos stürzen könne.

Statt Bomben brauche es mehr politische Unterstützung für die Opposition und mehr Sanktionen gegen das Regime. Die Listung der iranischen Revolutionsgarden sei ein überfälliger Schritt gewesen, aber nicht ausreichend. Er ahnt auch: Je mehr die Mullahs unter Druck geraten, desto gefährlicher wird es für die Exiloppositionellen. Mohaddessin hat 1990 einen Anschlagsversuch auf ihn in Istanbul überlebt, in der türkischen Metropole, in Genf oder Rom wurden Funktionäre des NWRI ermordet. „Jetzt ist die Bedrohung wieder größer geworden.“

Multiethnische Übergangsregierung soll Wahlen vorbereiten

Falls das Mullah-Regime tatsächlich fallen sollte, dann soll nach Ansicht von Mohaddessin eine multiethnische zusammengesetzte Übergangsregierung Wahlen vorbereiten, die nach sechs Monaten stattfinden sollen. Erstes Ziel müsste dann die Verabschiedung einer neuen Verfassung sein. Die US-amerikanische schwebt ihm als Vorbild vor. Er selbst will, sollte der Iran jemals zu seinen Lebzeiten frei sein, auf den großen Friedhof nach Teheran gehen. „Da ruhen die Toten der achtziger Jahre und die der jüngsten Proteste.“ Er räuspert sich, stockt plötzlich, seine Augen schimmern, er nimmt sich ein Taschentuch und wischt sich eine Träne ab. Der Kampf für die Freiheit im Iran hat einen fürchterlich hohen Preis.