In Cherson am Dnipro hofften die Menschen vor langer Zeit, dass die Ukraine die russische Armee zurückdrängen würde. Am 11. November 2022 erklärte das ukrainische Militär, der Teil Chersons am westlichen Flussufer sei befreit. Immerhin. Die Menschen jubelten den einfahrenden ukrainischen Soldaten am Straßenrand zu. Für viele fühlt es sich heute an, als sei dieser Tag eine Ewigkeit her. Die russische Vollinvasion des Landes geht ins fünfte Jahr. Und von der Ostseite des Dnipro schießen die Russen pausenlos weiter.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Chersons Militärverwalter Oleksandr Prokudin sieht müde aus. Das mag an der Taktung der Gespräche auf der Münchner Sicherheitskonferenz liegen. Sicher aber auch an der Situation in seiner Oblast. Deren Gouverneur ist er seit drei Jahren. „700.000 Geschosse sind seit Kriegsbeginn in unsere Region gefeuert worden.“ Jede Woche: 2500 Drohnenangriffe. „Jeden Tag verlieren wir Menschen.“ Erst am Tag zuvor wurde eine Person getötet, vier weitere wurden verletzt. 2025 habe es 97.000 Drohnenangriffe allein auf seine Oblast gegeben.

Save Space für Kinder
Ein Keller in Cherson, umfunktioniert zu einem Rückzugsort speziell für Kinder: Die Einwohner können nicht aufatmen.© FUNKE Foto Services | André Hirtz

Ukraine: Russen gehen mit Drohnen auf „menschliche Safari“

In dem Gebiet blicken die Menschen heute desillusioniert auf den Friedensprozess. Von den einst rund 280.000 Einwohnern der Stadt Cherson ist noch ein Bruchteil vor Ort. 6000 Kinder und Jugendliche, so schätzen Sozialarbeiter, sind noch da. Für sie ist die Lage besonders schlimm. Alltag, wie wir ihn kennen, ist nicht möglich. „Wir haben alles Mögliche unter die Erde verlegt“, sagt Prokudin. Schulen, Krankenhäuser, Schutzräume.

Wer sich auf die Straße wagt, kann von einer russischen Drohne aufgespürt werden. „Sie nennen das ‚menschliche Safari‘ und filmen es, wie sie Menschen mit der Drohne jagen und abschießen“, sagt Prokudin. „Sie filmen ihre eigenen Kriegsverbrechen und teilen sie bei Telegram. Sie finden das lustig.“ Die Region Cherson dient als Testgelände für Russland, sagt der 42-Jährige. Man versuche, sich so gut wie möglich an die technologischen Fähigkeiten der Russen anzupassen. Mit Erfolg: Cherson schneidet durch sein Mehr-Ebenen-System landesweit am besten bei der Drohnenabwehr ab, berichtet er.

Chersons Militärverwalter Oleksandr Prokudin.
Chersons Militärverwalter Oleksandr Prokudin.© FUNKE Foto Services | Kherson Regional Military Administration.

Die Hoffnung, die im November 2022 zu spüren war, ist aufgebraucht. „Wir sind alle ein bisschen müde davon, auf die Besetzung des linken Flussufers zu warten“, sagt Oleksandr Prokudin. Nur eins ist besser als in Kiew: In Cherson haben sie schon sehr früh angefangen, ihre kritische Infrastruktur zu schützen, etwa mit Betondeckeln. Es gibt Strom, Heizung und Gas. Nachdem die Russen vor gut drei Jahren abgezogen waren, waren sämtliche Transformatoren, Umspannwerke und Leitungen zerstört. „Wir mussten alles neu aufbauen, und zwar anders als vorher“, sagt Prokudin. Besonders stolz ist er auf den Schutz eines Heizkraftwerks: Einmal wurde es binnen eines Tages rund 100 Mal von Drohnenattacken getroffen – die Versorgung lief trotzdem weiter.

Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert

Krieg in der Ukraine: Sie zeigen anderen Ländern, wie man sich vorbereitet

In Cherson sind sie so erfolgreich dabei, Drohnen abzuwehren und ihr Leben im Krieg fortzusetzen, dass sie mit einer Handreichung durch Europa touren: „Unbreakable“ steht auf dem A4-Heft, unzerstörbar. Darin haben sie Tipps gesammelt für den Zivilschutz. Wie baut man ein Krankenhaus wieder auf? Wie schafft man es, dass die Kinder im Krieg weiter in der Schule lernen können?

Wie gut ist Deutschland auf einen bewaffneten Konflikt vorbereitet, Herr Gouverneur?

„Überhaupt nicht!“ Die meisten Länder dächten bei einem Krieg an einen vorübergehenden Zustand. Die Ukraine zeige, dass sich so etwas auch jahrelang hinziehen könne.

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Die leisen Verletzungen: Psychologinnen im Krieg in der Ukraine
Im Krisenmodus
 

Ukraine: Gouverneur wirft Europäern mangelnde Unterstützung vor

Für die Menschen in Cherson gibt es keinen Grund zum Aufatmen. Sie leben irgendwie weiter. Doch es zeichnet sich bereits ab, dass Russland eine neue Offensive vorbereitet. In der angrenzenden Oblast Saporischschja nehmen die Gefechte zu. Für Oleksandr Prokudin ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch in Cherson heftiger werden. Er rechnet mit einer Sommeroffensive der Russen. Die Lage ist schon jetzt dramatisch. „Wir haben keine Raketen mehr, nur kleine Drohnen, die wir selbst herstellen. Was unsere Partner liefern, reicht einfach nicht.“ Bei der Artillerie kommen auf ein ukrainisches Geschoss fünf russische. „Natürlich zweifeln wir daran, wie ernst die Europäer ihre Unterstützung meinen.“ Sie sollten ihre eigene Waffenproduktion dringend anschieben, findet Prokudin – oder ansonsten schon mal Russisch lernen. Ein böser Witz, der viel über die Gemütslage der Ukrainer verrät.

Glaubt Prokudin noch an echte Unterstützung durch die USA?

Er seufzt. Das sei eine schwierige Frage. „Offen gesagt, habe ich schon letztes Jahr nicht mehr daran geglaubt. Vielleicht ändert sich die Lage, wenn die Midterms in den USA kommen.“ Wenn er nur einen Wunsch frei hätte, dann wäre es dieser: „Ich will nur bis zum nächsten Jahr durchhalten.“

Mitarbeit: Jan Jessen