Das Info-Mobil parkt am Domplatz direkt vorm Lebensmittelladen: eine große silberne Blechkiste auf zwei luftbereiften Speichenrädern mit ausklappbarem Tisch und großem grünen Sonnenschirm. „Mach mit uns Erfurt klimaneutral! Deine Stimme zählt!“ Es ist Samstag, und die Leute bummeln entspannt über den Wochenendmarkt. Doch kaum jemand verweilt am Klima-Stand. Dabei war es noch nie so heiß in der Stadt. Noch nie hat es hier so viele Sonnenstunden und so wenige Regentage gegeben wie im Sommer 2022. Robert Bednarsky, der mit Nadine Baumann die Aktion initiiert hat, tritt aus dem Schatten und spricht Vorübergehende an. Die meisten hören dem älteren Herrn kurz zu und gehen dann weiter, ohne unterschrieben zu haben. „Was wollt ihr? Uns mit Windrädern zuballern?“ ruft jemand aus sicherer Entfernung. Robert bleibt ruhig und erklärt, dass man Unterschriften für einen Klimaentscheid sammle. Erfurt soll bis 2035 klimaneutral werden.

Robert Bednarsky arbeitet für den Klimaentscheid

Nachmittags um vier ist die von der Stadtverwaltung genehmigte Standzeit abgelaufen. Nur 30 Unterschriften an einem Tag! „Das reicht nicht“, sagt Robert. „Wir brauchen mindestens 500 pro Woche.“ Er klappt den Schirm zusammen, hängt das Info-Mobil an sein Fahrrad und steigt in den Sattel. „Na dann, bis zum nächsten Mal!“

Als sie sich später im Café „Nerly“ treffen, hat sich die Zahl der Sammler verdoppelt, doch die Bilanz bleibt ernüchternd. Die Hälfte der Zeit sei rum, stellt Robert fest. „Wir müssten bei über 3000 Unterschriften sein. Stand heute haben wir nicht einmal 500.“ Stille und betretene Gesichter. Das sei kein Grund, gleich den Kopf hängenzu lassen. „Wir dürfen nicht nur auf öffentlichen Plätzen und in der Fußgängerzone sammeln, sondern müssen dorthin, wo unsere potenziellen Unterstützer sind. In die Szene-Treffs, in die Kneipen und Event-Räume.“ Auch in der Erfurter Universität sieht Robert Potenzial. „Sprecht die Studierenden direkt an. Von alleine unterschreibt niemand mehr was.“

Unterschriften-Ansturm hilft bei der Zielsetzung

In den nächsten Wochen läuft es besser, dennoch fehlen 24 Stunden vor Fristablauf noch 1500 Unterschriften. Die Sammler schwärmen schon am Morgen aus, doch es tröpfelt nur. Bis sich am Nachmittag plötzlich ein Umschwung andeutet. Als Robert den BUND-Briefkasten öffnet, traut er seinen Augen nicht: Ein ganzer Schwung von Listen! Einige Sammelstellenleiter hatten sich erst jetzt auf den Weg zur Zentrale gemacht. Gegen 19 Uhr ist die Mindestzahl von 7000 Unterschriften erreicht. Doch man braucht eine Reserve. „Macht weiter!“ Um 20 Uhr sind es 8000, um 22 Uhr 9000 Stimmen. „Nicht nachlassen, Leute!“ Um Mitternacht werden 9145 Stimmen ausgezählt, gut 2000 mehr als erforderlich.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die Übergabe findet bei klirrender Kälte vorm Rathaus statt.   Pünktlich treten die Stadtoberen vor die Tür, Oberbürgermeister Andreas Bausewein und der Umweltbeigeordnete Andreas Horn (Anm. d. Red.: Diese Szene trägt sich schon 2022 zu. Inzwischen ist Andreas Horn Erfurter OB und Andreas Bausewein Innenstaatssekretär.)

Klares Bekenntnis für mehr Klimaschutz in Erfurt

Erst spricht Nadine. Dann Robert. Bauseweins frostrote Hände umklammern den Ordner. Er sei froh, erklärt Robert, so viel geballte Fachkompetenz anbieten zu können. Die eigentliche Arbeit fange aber erst an. Um zu erreichen, dass Erfurt eine grüne, blühende Stadt bleibe, werde man einen langen Atem brauchen.

Bausewein nickt. „Wer den Klimawandel leugnet, lebt auf einem anderen Planeten“, sagt der SPD-Mann. Der CDU-Beigeordnete Horn ergänzt: Zwar habe man schon ein Klimakonzept für Erfurt, aber das lasse sich natürlich noch verbessern.

„Dann wollen wir es gemeinsam verbessern“, sagt Robert.

Bei der Stadtratssitzung ist Robert an Corona erkrankt. An seiner Statt bedankt sich Nadine für die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Behörde. Der Sitzungsleiter bittet um Stellungnahmen. Eine Vertreterin der Grünen nennt den ausgehandelten Kompromiss einen „Masterplan für Erfurt“ und spricht von einer Entscheidung im Sinne unserer Kinder und Enkel.

Es gibt eine hitzige Debatte im Stadtrat

 Der Versammlungsleiter will schon abstimmen lassen, als sich ein Mitglied der blauen Antiklimaschutz-Partei erhebt und erklärt, warum seine Fraktion die Vorlage strikt ablehne. Weil es sich um „eine Verkettung unglaublicher Zumutungen“ und um „Eingriffe in die Freiheit der Erfurter Bevölkerung“ handele. Der Bürger würde gezwungen, weniger Auto zu fahren, und dürfte bei großer Hitze seinen Pool nicht mehr füllen. Eine Linken-Stadträtin weist darauf hin, dass der Entscheid von den Bürgern selbst initiiert wurde. Ja, poltert es zurück, weil man die Bürger belüge und manipuliere. Klopfen von rechts. Kopfschütteln links und in der Mitte. Mit großer Mehrheit folgen die Stadträte den gemeinsamen Klimazielen von Bürgerbündnis und Verwaltung.

Ich sitze mit Robert und Nadine im Café Eichholz, weil ich mehr über die Beweggründe der Initiatoren des Klimaentscheids erfahren möchte. Nadine Baumann wurde im Jahr des Mauerfalls geboren. Doch in Haßloch in der Pfalz, wo sie aufwuchs, war die deutsche Teilung nur ein Randthema. „Wie ich zur Klimabewegung gekommen bin? Ich hatte das Gefühl, dass es nicht so weitergehen kann. Jedes Jahr Hitzerekorde und Umweltkatastrophen. Bei einer Wanderung in den Alpen habe ich das Abschmelzen der Gletscher gesehen. Es ist dramatisch…“ Auch soziale Missstände, weltweit wie vor der Haustür, treiben die junge Frau um, die für den Verein „Zukunftsfähiges Thüringen“ tätig ist.

Vom Arbeiterkind zum Umweltschützer und Visionär

Robert wurde 1949 in Flensburg geboren und wuchs in Rendsburg auf. Die Mutter war alleinerziehend, lebte von der Sozialhilfe. Elektrikerlehre, Abendschule und Studium der Elektrotechnik. „Ich habe viel gelesen, vor allem über die Sozialgeschichte Europas.“ Nachdem 1972 der „Club of Rome“ seinen Bericht über die Grenzen des Wachstums veröffentlicht hatte, trat Robert den Naturfreunden bei. Mit jedem Ehrenamt, das er bekleidete, wuchs sein Erfahrungsschatz, der ihn prädestinierte, die Leitung des BUND in Thüringen zu übernehmen. Als Ortsteilbürgermeister vom Johannesplatz hat er bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, als er vorschlug, den Zebrastreifen um 90 Grad zu drehen, um Fußgänger besser zu schützen. Einmischung sei weiterhin garantiert, verspricht der Methusalem des Erfurter Klimaentscheids und will nun endlich seine Doktorarbeit über die Postwachstumsgesellschaft schreiben.

 Klimaentscheid-Plenum am Mittwoch, 25. Februar, ab 18 Uhr beim BUND Erfurt, Trommsdorffstraße 5

Frank Quilitzsch
Der Schriftsteller Frank Quilitzsch, Jahrgang 1957, war viele Jahre Kulturredakteur der Thüringischen Landeszeitung und lebt in Erfurt. Mehr zu ihm gibt es unter: http://www.frank-quilitzsch.de© Frank Quilitzsch | Frank Quilitzsch

Zur Serie

2025 bat der Thüringer Literaturrat 18 Autorinnen und Autoren, für die Reihe „Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft“ über Personen oder Situationen zu schreiben, die mitten in unserer Gesellschaft stehen und doch nicht immer im Mittelpunkt.

Die Thüringische Landeszeitung veröffentlicht diese Texte jetzt in gekürzter Form. Die vollständigen Fassungen lassen sich auf www.literaturland-thueringen.de nachlesen.

Die TLZ dankt dem Thüringer Literaturrat für die gute Zuarbeit – und allen Mitwirkenden für ihre Arbeit und ihr Vertrauen. Der Thüringer Literaturrat dankt der Kulturstiftung Thüringen für die Förderung des Projekts.

Mittendrin
Robert Bednarsky im Sommer 2022 mit dem Info-Mobil des Klimaentscheids unterwegs in Erfurt.© Frank Quilitzsch | Frank Quilitzsch