Die Preis-Explosion bei Öl und Gas beschert Russland unerwartete Milliarden-Einnahmen. Wie sehr profitiert Kremlchef Wladimir Putin vom Iran-Krieg? Und wie wirkt sich das auf den Ukraine-Krieg aus? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

In welchem Maße profitiert die russische Wirtschaft von der Ölpreis-Explosion?

Die rasant gestiegenen Preise für Öl und Gas sind für Putin wie ein unerwarteter Lottogewinn. Traditionell tragen die Einnahmen aus dem Öl- und Gasverkauf ganz wesentlich zur Finanzierung des russischen Haushalts bei. Im vorigen Jahr waren das umgerechnet 107 Milliarden Dollar, etwa 23 Prozent des Gesamtetats. Klar ist aber auch, dass Sanktionen wie der Preisdeckel im Westen auf russisches Öl und das Vorgehen gegen Moskaus Schattenflotte weiter wirken.

Russland geht in seinem Haushalt für 2026 davon aus, dass ein Barrel Öl im Durchschnitt 59 Dollar kostet. Weil aber zu Jahresbeginn die Preise unter diesen Wert fielen, vergrößerte sich das ohnehin eingeplante Haushaltsloch noch einmal. „Aufgrund des Preisrückgangs für russisches Urals-Öl und der Stärkung des Rubels sind die Steuereinnahmen aus der Förderung und dem Verkauf von Öl und Gas massiv geschrumpft. Im Januar und Februar sanken sie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 47,1 Prozent auf nur noch umgerechnet zehn Milliarden Dollar“, sagte Nikolai Petrov, Abteilungsleiter an der Londoner Denkfabrik New Eurasian Strategies Centre (NEST), unserer Redaktion.

Mehr rund um Russland – für Sie recherchiert

Doch die Krise in der Straße von Hormus und Ölpreise, die die 100-Dollar-Marke pro Barrel überspringen, sorgen in Moskau für Euphorie. Kirill Dmitrijew, Putin-Vertrauter und Chef des russischen Staatsfonds, träumt bereits von einem möglichen Preis von 200 Dollar je Barrel. „Da die Öl- und Gasinfrastruktur im Nahen Osten angegriffen wird und die Förderung begrenzt ist, wird die Energiekrise leider viel tiefer und länger sein, als viele erwarten“, meint er. Bislang schätzten Experten, dass der Staat bei einem Durchschnittspreis für russisches Urals-Öl von 70 Dollar je Barrel zusätzlich 25 Milliarden Dollar einnehmen könnte, schreibt die kremlnahe Zeitung „Iswestija“. Allerdings verkauft Russland sein Öl mit großen Rabatten – etwa an seine Hauptkunden China und Indien –, weil viele andere Staaten wegen der Sanktionen weggefallen sind.

Auch interessant

Zusätzlichen Rückenwind bekommt Putin durch einen Kurswechsel im Weißen Haus. Washington erhöhte noch im Herbst den Druck auf die russische Ölindustrie, weil Moskau in den Verhandlungen zur Ukraine keine Zugeständnisse gemacht hatte. Doch in der Nacht zu Freitag teilte US-Finanzminister Scott Bessent auf X mit, dass Länder zeitweise russisches Öl kaufen dürften, das sich bereits auf Schiffen befinde. Ziel sei, das Angebot auf dem Weltmarkt zu verbessern. Dmitrijew, der erst diese Woche für Wirtschaftsgespräche in den USA war, sprach nun von rund 100 Millionen Barrel russischem Öl, das sich im Transit befinde. „Die USA erkennen faktisch das Offensichtliche an: Ohne russisches Öl kann der globale Energiemarkt nicht stabil bleiben“, schrieb Dmitrijew bei Telegram. Die befristete Ausnahme von US-Sanktionen soll bis 11. April gelten und den Frust bei den US-Verbrauchern über rasant steigende Benzinpreise lindern – vor den Zwischenwahlen zum Kongress im November ist das Gift für die Republikaner.

Russland ist weitgehend unabhängig von der de facto blockierten Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent der weltweiten Öltransporte gehen. Seine Schifffahrtsroute verläuft zum großen Teil durch den Suezkanal.

Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost

Welches Risiko hat die unerwartete Geldschwemme für Russland?

Hohe Energiepreise bescheren den nationalen Budgets der Exportstaaten wie Russland ein „Sugar High“. Doch langfristig besteht das Risiko, dass sie die Konjunktur abwürgen, da die Produktionskosten steigen. „Die derzeitigen finanziellen Gewinne für Russland könnten durch die negativen Auswirkungen der sinkenden weltweiten Nachfrage nach den von ihm exportierten Ressourcen zunichtegemacht werden, wenn sich der Krieg hinzieht und eine globale Rezession auslöst“, bilanziert der Russland-Experte Petrov.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Doch auch die erwarteten Mehreinnahmen können Russlands Schuldenloch nicht zuschütten. Zuletzt veranschlagte das russische Finanzministerium das konsolidierte Defizit für das abgelaufene Haushaltsjahr auf beispiellose 105 Milliarden Dollar. Grund sind die horrenden Ausgaben für den Ukraine-Krieg. Auch in diesem Jahr wird ein hohes Minus erwartet. Um tatsächlich einen positiven Effekt auf das Budget zu haben, müssten die Ölpreise mindestens drei bis sechs Monate auf dem derzeitigen Niveau verharren, schreibt die regierungsnahe Zeitung „Iswestija“.

236686_569_cover.jpg
USA und Israel greifen Iran an: Ölpreis und Nahost in Gefahr – mit Carlo Masala
Im Krisenmodus
 

Wie wirkt sich Putins verbesserte Kassenlage auf den Ukraine-Krieg aus?

Wenn der Ölpreis für längere Zeit hoch bleibt, hat Russland mehr Mittel für seinen seit gut vier Jahren andauernden Angriffskrieg gegen die Ukraine. Nach Ansicht des Russland-Analysten Petrov bietet der Konflikt im Nahen Osten noch einen weiteren Vorteil für Putin: „Der Krieg in der Ukraine ist in den Hintergrund getreten, und die Lieferung von Waffen und Munition an die Ukraine ist zurückgegangen.“

Dennoch bleiben die Ausgaben für den Ukraine-Krieg eine enorme Last. Sie verschlingen 40 Prozent des russischen Staatshaushalts. Tendenz: steigend. Nach der traumatischen Militärmobilisierung von 2022 entschied sich Putin für die Rekrutierung von Freiwilligen – und lockte mit satten Bonus-Zahlungen. Zu Beginn des Einmarsches in die Ukraine kostete ein Berufssoldat den Staat rund 45.000 Rubel im Monat (damals etwas über 500 Euro) und eine Sterbegeldleistung von fünf Millionen Rubel (60.000 Euro) für die Familie. Im vergangenen Jahr verdiente ein Freiwilliger, der seinen ersten Vertrag mit der Armee unterzeichnete, 215.000 Rubel im Monat (2300 Euro), zuzüglich einer Anwerbungsprämie von bis zu 3,5 Millionen Rubel (fast 40.000 Euro) und einer Sterbegeldleistung zwischen 12 und 16 Millionen Rubel (130.000 bis 175.000 Euro). Der russische Ökonom Wladislaw Inosemzew prägte den Begriff „Smertonomika“, die Wirtschaft des Todes.

Für ein Land, in dem das Durchschnittsgehalt bei 73.400 Rubel liegt – umgerechnet etwa 800 Euro im Monat –, sind dies schwindelerregende Summen. Und dennoch reichen diese Maßnahmen nicht aus: Der Pool an Freiwilligen schrumpft. Etliche Regionen haben begonnen, die Zahlungen weiter zu erhöhen.

Höhere Öleinnahmen scheinen allerdings keinen Einfluss auf Putins Kalkül für den Ukraine-Krieg zu haben. „Hier besteht kein direkter oder unmittelbarer Zusammenhang. Putin verfügt bereits über ausreichende finanzielle Mittel, um den Krieg mindestens noch ein bis eineinhalb Jahre lang aufrechtzuerhalten“, erklärt Petrov. Daran ändert auch die hohe Inflation nichts. Nach einem Bericht der russischen Zentralbank hat die Bevölkerung den Preisanstieg 2025 auf 14,5 Prozent geschätzt. Das Jahr 2026 begann mit einer umfassenden Steuererhöhung – dem ersten Schritt in der vom Kreml eingeschlagenen neuen Richtung: Die Russen müssen für ihren Krieg deutlich größere Opfer bringen.