Es gibt Leute, die reisen extra nach Nordnorwegen, um grüne Polarlichter zu sehen. Friedrich Merz hat andere Gründe – und seit dem Wahlsonntag im Südwesten hat der Kanzler von spektakulären grünen Phänomenen ohnehin erst mal genug. Merz will in Norwegen Deutschland absichern – zivil und militärisch. Bei der Energie und immer stärker auch im Weltraum. Auf einer einsamen Insel am Nordatlantik entscheidet sich gerade Deutschlands Rolle im All.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Merz steht am Freitagmorgen bei vier Grad im steifen Wind an der nordnorwegischen Küste. Hinter ihm das Polarmeer, an den Füßen braune Wanderschuhe, in der Parkatasche eine Wollmütze, die er nach ein paar Minuten im Wind über die Ohren zieht. Neben ihm frieren Verteidigungsminister Boris Pistorius und Forschungsministerin Dorothee Bär. Der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Støre dagegen braucht nicht mal eine gefütterte Jacke. Hinter der Gruppe, etwas vorgelagert auf einer Betonplattform, soll in wenigen Tagen zum ersten Mal eine deutsche Orbitalrakete Satelliten vom europäischen Festland aus ins All schicken.
Merz schlägt später den Bogen vom gemeinsamen Weltraumbahnhof über die Energiesicherheit bis zur gemeinsamen Abschreckung: „Wir können uns auf Norwegen ohne jede Einschränkung verlassen“, sagt Merz mit Blick auf Deutschlands wichtigsten Gaslieferanten. Und: „Wir werden nicht zulassen, dass Russland die Nato an der Nordostgrenze testet. Wir sind wach und präsent.“
Merz in der Arktis: Vier Grad, Wanderschuhe, Parka, Wollmütze
Merz hatte seine Reise am Donnerstag mit einem kleinen Umweg begonnen, für eine Rede zum 75. Geburtstag des Bundeskriminalamts. Doch dieser Umweg passt in die Zeit. Sicherheit ist das zentrale Thema von Merz‘ Kanzlerschaft. Die Reise beginnt auf dem polierten Parkett des Kurhauses in Wiesbaden und endet am Freitagnachmittag im Schlamm eines nordnorwegischen Manövergeländes. Gefahrenabwehr nach innen, Gefahrenabwehr nach außen. „Sicherheit ist kein stabiler, kein garantierter Zustand“, sagt Merz in Wiesbaden. Eine Stunde später fliegt er mit der Luftwaffe 2000 Kilometer Richtung Norden. Am anderen Morgen steht Merz bei vier Grad am Nordatlantik.
Sicherheit bedeutet in Merz‘ Sicht immer auch europäische Eigenständigkeit: Der Andøya Space Port liegt auf der Insel Andøya, nördlich des Polarkreises. Hier oben in der Arktis arbeiten Deutsche und Norweger daran, einen Raketenstartplatz auf dem europäischen Festland zu schaffen. „Wir haben uns viel zu lange auf andere verlassen“, sagt Merz. Die Abhängigkeit von amerikanischen Trägerraketen ist gefährlich groß geworden. Von Andøya aus sollen die Trägerraketen des deutschen Unternehmens „Isar Aerospace“ starten – der norwegische Kronprinz Haakon hatte den neuen Weltraumbahnhof vor zwei Jahren eröffnet.

Der erste Start einer deutschen Orbitalrakete musste jedoch immer wieder verschoben werden – bis es im März 2025 endlich zu gelingen schien: Doch die 30 Meter lange Rakete geriet ins Trudeln und stürzte nach wenigen Sekunden ab. Der nächste Flug soll nun am 19. März oder in den Tagen darauf stattfinden – sobald der Wind es zulässt.
Raketenstart im Polarmeer: Die Norweger sperren tagelang die ganze Region
Die Norweger sperren dafür tagelang den Luftraum und das Seegebiet in der Region. Fischer müssen im Hafen bleiben, die Küstenstraße wird dichtgemacht. Die Gegend ist allerdings auch ohne Sperrungen so dünn besiedelt und weitab von allen Hauptrouten, dass die beiden Reisebegleiter des Kanzlers, Pistorius und Bär, am Morgen ohne Sicherheitstross und vollkommen unbehelligt über die Hauptstraße laufen können – im 2500-Einwohner-Nest Andenes.
Geht alles gut, kann die deutsche Rakete fünf europäische Satelliten in die Umlaufbahn befördern. Sind sie erst mal auf 700 Kilometer Höhe, umkreisen sie in rasantem Tempo die Erde – eine Umrundung dauert gerade mal 90 Minuten.
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Wie riskant Raketenstarts in den Himmel der internationalen Polarregion sein können, wissen sie hier in Nordnorwegen, seit Russland vor exakt 30 Jahren den Start einer Forschungsrakete als amerikanischen Nuklearangriff missdeutete. Doch die Flugbahn der Rakete erwies sich gerade noch rechtzeitig als harmlos, Moskau gab Entwarnung. Diesmal seien hoffentlich alle Stellen informiert, sagt der Betreiber.

Am Nachmittag reist Merz weiter zum Militärstützpunkt Bardufoss, auf dem norwegischen Festland. Hier herrscht ein anderes Klima als an der Küste – härter, kälter, mit Unmengen von Schnee im Winter. Ein idealer Ort, um unter arktischen Bedingungen zu trainieren. Sollte Russland die Nato-Mitglieder Norwegen und Finnland hier oben angreifen, braucht es andere Fähigkeiten als bei einem Angriff in Mitteleuropa. Die Sorge ist aktuell groß: Je stärker sich die US-Amerikaner im Iran verkämpfen, desto eher könnte Putin die Lage hier oben im Norden ausnutzen.
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Merz trägt jezt eine Jacke in grünem Flecktarn. „Auch an dieser Stelle verteidigt die Bundeswehr Deutschland“, sagt der Kanzler. Die Nato übt hier regelmäßig. In diesem März beteiligen sich weit mehr als 25.000 Soldaten aus 14 Staaten am Bündnis-Manöver „Cold Response“. Auch 1600 Bundeswehrsoldaten sind dabei. Merz und sein norwegischer Gastgeber treffen hier auf Kanadas Ministerpräsidenten Mark Carney. Der Kanadier sucht den engen Schulterschluss mit den Europäern – er hält den transatlantischen Pakt hoch, während Donald Trump zunehmend sein eigenes Spiel spielt. Wie an diesem Freitag: Während sich die Merz, Carney und Støre gegen Russland wappnen, lockert Trump die Sanktionen gegen Putin.











