Die Bilder sind tief verankert im kollektiven Gedächtnis: Tausende Demonstranten zogen im März 1998 im beschaulichen Ahaus im Münsterland auf. Sie blockierten Gleise, schossen mit Leuchtraketen. Am Ende wurde es einer der bis dato größten Polizeieinsätze in der Geschichte der Bundesrepublik. Und der Höhepunkt eines jahrzehntelangen Streits um die Altlasten der Atomenergie.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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28 Jahre ist das her – und doch waren die Bilder sehr präsent in der Nacht zum Mittwoch. Rund 2500 Polizisten sicherten einen Atommüll-Transport vom ehemaligen Kernforschungszentrum in Jülich ins Zwischenlager nach Ahaus. Vier Kilometer lang war die Kolonne, mehr als 80 Fahrzeuge sicherten den Castor.
„Das ist kein Kindergeburtstag“, hatte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) im Vorfeld erklärt. „Das ist kein Routineeinsatz, sondern eine hochkomplexe Lage, bei der wir die ganze polizeiliche Klaviatur spielen.“
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Die Sicherheitsbehörden hatten sich auf drei Szenarien eingestellt. Erstens: auf Störeraktionen wie Blockaden, Abseilaktionen, Festkleben von Aktivisten oder Farbbeutel-Würfe. Zweitens: auf Sabotage des Transports. Drittens: auf Anschläge, möglicherweise sogar aus der Luft. „Wir leben in einer hybriden Bedrohungslage. Drohnen können plötzlich auftauchen, und gerade ein großer Einsatz mit viel Öffentlichkeit kann grundsätzlich zum Ziel eines terroristischen Anschlags werden“, hatte Reul gewarnt.

Gemessen daran verlief die Nacht dann ziemlich reibungslos. Um kurz nach 22 Uhr verließ der 30 Meter lange, drei Meter breite und 130 Tonnen schwere Spezial-Laster das Forschungszentrum in Jülich. Kurz nach 0 Uhr passierte der Konvoi das Ruhrgebiet. Um 2 Uhr kam er schließlich in Ahaus an. 30 Minuten früher als im Optimalszenario geplant. Ohne größere Zwischenfälle.
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Das gescheiterte Reaktor-Projekt
Der Verlauf dürfte zu Erleichterung in den Sicherheitskreisen führen – denn der Transport war erst der Auftakt. Gewissermaßen der Testlauf für das, was noch kommt. In der Nacht zum Mittwoch wurde ein einziger Castor transportiert – in Jülich stehen aber noch 151 weitere Castorbehälter, die nach Ahaus müssen.
An ihnen zeigt sich der lange Streit um das radioaktive Erbe des Atomzeitalters. In Jülich, im südwestlichen Zipfel von NRW, befand sich von 1967 bis 1988 ein Atomversuchsreaktor. Wissenschaftler, Energieunternehmen und Politik wollten hier einen neuen Reaktortyp entwickeln: Deutschlands ersten Hochtemperatur-Reaktor.
Das Vorhaben scheiterte. Vom Traum geblieben sind rund 300.000 radioaktive kugelförmige Brennelemente, die noch immer auf dem Gelände in Jülich liegen. Was mit diesem strahlenden Abfall passieren soll, darüber gibt es seit Jahrzehnten ein politisches und juristisches Hickhack.
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Ahaus ist seit Jahren die Kompromisslösung für Brennstäbe
Bereits 2014 verfügte das NRW-Wirtschaftsministerium als zuständige Aufsichtsbehörde, dass das Zwischenlager in Jülich „unverzüglich“ geräumt werden soll, unter anderem fehle der Nachweis der Erdbebensicherheit. Die „Aufbewahrungsgenehmigung“ war schon 2013 abgelaufen. Passiert ist seither: nichts.
Die Brennstäbe sollen nach Ahaus, das ist seit Jahren die Kompromisslösung, die kaum jemand gut findet. Dort betreibt die in Essen ansässige BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung eines der zentralen Zwischenlager in Deutschland. Drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt stehen Hallen, in denen Brennelemente aus Atomkraftwerken und Forschungsreaktoren sowie weitere schwach- und mittelradioaktive Abfälle aufbewahrt werden. Bis 2036 dürfen dort nach jetzigem Stand Brennstäbe gelagert werden.
Wie sinnvoll ist es, hochradioaktiven Müll durch das bevölkerungsreichste Gebiet Deutschlands zu fahren – wenn es nicht einmal eine dauerhafte Lösung ist? Diese Frage stellen Umweltschützer seit Jahren. Allen voran der BUND hat immer wieder vor Gericht versucht, die Transporte zu stoppen. Vor wenigen Wochen hatte die Umweltorganisation per Eilantrag ein weiteres Mal versucht, die Transportgenehmigung auszuhebeln, war aber vor Gericht gescheitert.
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Die Wut und der Protest der Atomkraftgegner nähren sich aus der Tatsache, dass Atommüll noch über viele Jahrzehnte in den bundesweit 16 Zwischenlagern aufbewahrt werden muss. Denn trotz des vollzogenen Atomausstiegs in Deutschland ist bislang kein Endlager gefunden, das auf Hunderttausende Jahre hinweg gefährliche Abfälle sicher verwahren kann.
In der Nacht zum Mittwoch blieben die Demonstranten dennoch weitgehend unsichtbar. In Jülich kamen wenige Dutzend Protestierende zusammen, in Duisburg waren es etwa 40 Teilnehmer, die dem Aufruf des BUND gefolgt waren. „Die Transporte sind völliger Irrsinn. Es geht nur darum, Geld zu sparen, weil der Bau eines neuen Zwischenlagers in Jülich teurer sein soll als die Fahrten nach Ahaus“, sagte die Duisburger BUND-Aktivistin Kerstin Ciesla bei der Mahnwache.
In Ahaus sprach die Polizei von 380 Demonstrierenden, die an einer Mahnwache teilnahmen. Einige Dutzend davon begrüßten den Transport schließlich spät in der Nacht am Zwischenlager.
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Transport oder Neubau: Eine Frage der Millionen
Nach dem erfolgreichen ersten Transport dürften bald weitere folgen. Die verbleibenden 151 Behälter müssen innerhalb der kommenden zwei Jahre transportiert werden – so lange gilt die Genehmigung. Da es nur wenige entsprechende Spezialtransporter gibt, können aber immer nur maximal drei Castorbehälter gleichzeitig transportiert werden.

Richtig glücklich ist mit den Transporten unterdessen niemand. „Wenn es nach mir ginge, könnte ich auf die anstehenden Castor-Transporte gerne verzichten“, hatte Herbert Reul im Vorfeld erklärt. Ursprünglich wollte die schwarz-grüne Landesregierung ein neues Zwischenlager in Jülich bauen. Allerdings konnte NRW sich mit dem Bund nicht über die immensen Kosten und die komplizierte Genehmigung eines neuen Zwischenlagers verständigen.
Polizei ist frustriert über Transporte
Etwa 150 Millionen Euro kosten Vorbereitung und Castor-Transporte nach Ahaus, schätzt die Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen (JEN). Viel Geld sei das, sagte JEN-Geschäftsführerin Beate Kallenbach-Herbert, „aber immer noch günstiger als am Forschungszentrum Jülich ein neues Zwischenlager zu bauen.“ Die Kosten beziffert das Bundesunternehmen auf 400 Millionen Euro bei 50-jähriger Zwischenlagerung.
Und in den Kosten für die Transporte ist ein wichtiger Posten nicht enthalten: die Polizei. Viele der Beamten sind derweil auch frustriert über die Transporte. Die Einsatzkräfte seien ohnehin mit massiven anderen Aufgaben und einer sich ändernden Sicherheitslage konfrontiert, erklärte die Polizei-Gewerkschaft GdP am Rande der Transporte. Die zusätzliche Belastung sei schwer nachvollziehbar. Die nächsten Transporte werden dennoch kommen.







