Alice Weidel steht am DJ-Pult, nickt den Kopf im Takt, wippt ihren Körper, als der Bass durch die Arena wummert. Sie lächelt den Discjockey an. Dann geht sie los, hinter der Bühne reicht ihr Büroleiter ihr die Redemappe, Treppe runter, durch dunkle Flure, beleuchtet nur mit blauem Neonlicht. Die Techno-Beats hämmern. Alice Weidel marschiert in den Saal ein wie eine Boxerin in den Ringkampf.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die AfD-Chefin winkt in die Menge, Applaus, die Leute stehen, Handys gehen in die Luft. Heimspiel für die Rechtsaußen-Politikerin. In Deutschland redet sie oft unter Gegenprotest und Polizeischutz. Hier in Ungarn hofiert man sie. „Nach diesem schönen DJ-Set“, sagt Weidel ins Mikrofon, „hören wir jetzt eine weitere schöne patriotische Rede.“
„Auf zum Sieg!“ prangt als Slogan über Alice Weidel an der Videoleinwand
Es ist erst wenige Wochen her, als Weidel Budapest besuchte. Viktor Orban, am Wochenende als Ministerpräsident des Landes abgewählt, hatte sie eingeladen zur „CPAC“, einer Konferenz von Konservativen und Rechtsautoritären, die Orban nach US-Vorbild vor einigen Jahren zu einem Gipfeltreffen der internationalen Rechten in Europa ausgebaut hat. „Auf zum Sieg!“ prangt über Weidel an der Videoleinwand.
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Weidel spricht in akzentfreiem Englisch, lobt als Erstes Orban. Was sie dann sagt, überrascht kaum. Kriege, Gewalt und Lügen würden den europäischen Kontinent zerstören. Die „teuflische Gefahr“ komme von den „globalistischen Eliten in Brüssel“. Die „einzige Lösung“, so sagt Weidel, sei der „unabhängige, demokratische Nationalstaat“. Wieder Applaus, jedenfalls ein wenig. Vielleicht auch, weil Weidel wenig innovativ die üblichen Feindbilder der neuen Rechten inszeniert.
Die Rede ist nicht sehr überraschend. Interessant ist aber die Achse, die hier auf der Bühne einen innigen Höhepunkt findet. Das Regime von Viktor Orban und die Spitze der AfD pflegen seit vielen Jahren eine enge Partnerschaft. Mitten im Bundestagswahlkampf 2025 besucht Weidel Orban in Ungarn. Handshake vor Kameras, deutsche und ungarische Flaggen an jeder Ecke, Empfang im Budapester Burgviertel. Orban inszeniert das Ganze wie den Besuch einer Staatspräsidentin. Wahlkampfhilfe für die Verbündete. Bis heute schmückt Weidel ihr Social-Media-Profil mit einem Bild dieses Tages.
Hintergründe zur AfD – für Sie recherchiert
Alice Weidel erzielt bei der Wahl ein Rekordergebnis. Viktor Orban aber muss nun abtreten. Am Wochenende verliert er gegen seinen Gegner Peter Magyar – so deutlich, dass Orban noch am Abend seine Niederlage eingestehen muss.
Was bedeutet Orbans Niederlage für die AfD?
Auch Weidel wollte Orbans politische Karriere retten, postete vor der Wahl Slogans, warb für ihn, so wie es auch die US-Regierung unter Donald Trump tat. Auf der Konferenz im März nennt Weidel den ungarischen Regierungschef einen „unerschütterlichen Kämpfer für die Freiheit“.
Nun aber ist Orban Geschichte. Und in der AfD fragt man sich, was diese Niederlage bedeutet. Denn wie kaum ein anderer war Ungarns Ex-Premier eine Galionsfigur der radikalen Rechten in Europa. Ein Vorbild, auch für die AfD. Orban stellte sich vehement gegen die EU-Asylpolitik, agitierte gegen Migranten, sperrte sich gegen Sanktionen gegen Russland, beschnitt die Rechte von queeren Menschen. Er schleuste loyale Richter in den Justizapparat, untergrub unabhängige Medien. Orban teilte die Agenda rechter Parteien in Europa – vor allem aber hatte er die Macht, diese Agenda umzusetzen.
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In der AfD heißt es nun an mancher Stelle, man verliere mit Orban eine wichtige Säule der politischen Vernetzung. „Für uns ist es schlecht, das müssen wir zugeben“, sagt der AfD-Abgeordnete Maximilian Krah auf der Plattform X. „Aber jetzt geht es darum, den Blick nach vorne zu werfen.“ Man müsse die Niederlage auswerten. Der Rechtsextremist Jürgen Elsässer sieht im Wahlausgang gar einen „schwarzen Tag für die patriotischen Kräfte in Ungarn und Europa“.
Brisant ist: Vor allem mit dem Vorwurf der Korruption machten die Orban-Gegner im Wahlkampf mobil. Glaubt man den Analysten, motivierte der Kampf gegen das „System Orban“ viele Wählerinnen und Wähler. Auch die AfD ringt aktuell mit einer Debatte über Vetternwirtschaft in den eigenen Reihen. Das Ausmaß ist nicht zu vergleichen mit den Vorwürfen gegen Orban. Und doch zeigt der Fall Ungarn, wie schmerzhaft gerade diese offene Flanke für die AfD ist.
Politischer Wechsel nach 16 Jahren an der Macht? „Völlig normal“, sagt die AfD
Benedikt Kaiser, der vor allem für den radikalen Flügel um Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke ein Vordenker ist, schreibt nach der Ungarn-Wahl: „Rechte Wähler verzeihen auf Dauer keine Korruption, keine Vetternwirtschaft, keine Selbstbereicherung, keine vermeintliche oder tatsächliche Verfettung der herrschenden Klasse.“ Mit der Niederlage mischt sich auf einmal auch Orban-Kritik in die Kommentare aus dem AfD-Umfeld.
Zugleich sehen mehrere hochrangige Vertreter der AfD im Gespräch mit unserer Redaktion die Lage weniger dramatisch. Man werde weiter mit Orbans Partei Fidesz kooperieren, die Vernetzung vorantreiben. Zugleich pflege man enge Bündnisse zu anderen Rechtsaußen-Parteien in Europa, etwa der FPÖ in Österreich. Sogar in den mutmaßlich neuen Regierungschef in Ungarn, Peter Magyar, setzen manche in der AfD Hoffnungen. Dieser sei alles andere als ein Linker, vertrete eine ähnliche Migrationspolitik wie sein Vorgänger.
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Dass Menschen in Ungarn nach 16 Jahren Orban-Regierung einen „politischen Wechsel“ wollen, sei „völlig normal“, sagt Außenpolitikerin und Vizefraktionschefin Beatrix von Storch unserer Redaktion. Orban sei wegen „Verkrustungen abgewählt worden“, die nach so langer Zeit an der Macht „fast zwangsläufig“ auftreten würden. Das sehe man auch überall in Deutschland, wo Parteien Jahrzehnte an der Macht seien, so von Storch. „Die Niederlage Orbans hat auf die AfD keine Auswirkungen“, hebt die Politikerin hervor.
Was der AfD imponiert, ist Orbans freundschaftliche Verbindung zu beiden Machthabern – in Washington und in Moskau. US-Vize Vance kam im Wahlkampffinale eigens nach Budapest. Anfang April empfing Autokrat Putin Orban im Kreml – während in Orbans Heimat zugleich der Verdacht die Runde macht, dass die ungarische Regierung Moskau mit Informationen aus EU-Sitzungen versorgt haben soll.

Russland ist die eine Flanke der AfD. Die andere sucht Rückendeckung bei Trump
Auch die AfD sucht die Nähe zu Russland, wendet sich gegen Waffenlieferungen an die angegriffene Ukraine, sperrt sich gegen Sanktionen gegen Moskau, gibt sich als „Friedenspartei“. Ein großer Teil der einflussreichen Ost-Verbände sowie Co-Parteichef Tino Chrupalla stehen für diese Russland-Politik.
Das ist die eine Flanke der AfD. Die andere sucht Rückendeckung bei der Trump-Administration. Mehrere ranghohe AfD-Politiker pflegen enge Kontakte zur Maga-Bewegung, fliegen in die USA. Im Wahlkampf 2025 lud Elon Musk, der damals noch enge Vertraute von Trump, die AfD-Spitzenkandidatin Weidel zum „Talk“ auf seine Plattform X ein.
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Für die rechte Partei erschien die Außenpolitik der zwei Pole lange Erfolg versprechend. Doch die Strategie gerät ins Wanken, seitdem Trump den Iran angegriffen hat. Der Krieg des US-Präsidenten ist unpopulär – nicht nur in den USA, nicht nur unter seinen Gegnern. Mit Rückhalt für Trumps Iran-Politik lasse sich nichts gewinnen, heißt es in der AfD-Spitze. Die Partei distanziert sich von dem Vorgehen des Präsidenten. Zugleich sagen Politiker wie von Storch: „Das ändert nichts daran, dass wir die US-Regierung als Verbündete sehen.“
AfD-Politiker Maximilian Krah bereitet schon eine neue Achse nach Ungarn vor
Die AfD geht einen schmalen Grat zwischen Ost und West. Zeitweise schienen die Transatlantiker in der Partei im Aufwind, nun wirken sie zurückhaltend. In dieser Woche zog sich AfD-Bundestagsabgeordneter Rüdiger Lucassen vom Amt des verteidigungspolitischen Sprechers zurück – auf Druck anderer Abgeordneter aus den eigenen Reihen. Lucassen stand für die Westbindung der AfD, für die Nato und die Wehrpflicht. Genau dieser Kurs, gepaart vor allem mit Lucassens angeblich rigider Gangart in der Fraktion, scheint nicht mehr gewünscht, besonders in den Ostverbänden der AfD.
Die Nähe zu Russland, die Abkehr von der Nato einerseits, ein Abschied von Viktor Orbans Macht und ein Hadern mit den ideologischen Verbündeten in Washington – die AfD muss ihren außenpolitischen Kompass neu justieren. Und dabei glaubhaft bleiben.
AfD-Politiker Krah, der am Wahlabend durch Budapest tourte, hat diesen Kompass nun schon einmal in seine Richtung kalibriert. Krah wirbt in einem Video für die Partei „Mi Hazank“. Sie sei die „Zukunft“, sie sei nah bei den jungen Leuten, so Krah. Die Partei zieht mit ein paar wenigen Mandaten ins neue Parlament ein. Laut Fachleuten steht „Mi Hazank“ noch weiter rechts als Orbans Fidesz, vertritt einen radikal nationalistischen Kurs.













