Einmal wischen, und auf dem Bildschirm erscheint ein brutales Gewaltvideo. Einmal weiter, und es kommt ein harmloser Beitrag von Gleichaltrigen. Oder Werbung. Oder Inhalte, die Essstörungen glorifizieren. Oder extremistische Propaganda. Jugendliche verbringen einen großen Teil ihres Lebens online. Und während vieles, was ihnen dort begegnet, harmlos ist, birgt anderes ernsthafte Gefahren. Politisch läuft deshalb inzwischen eine intensive Debatte: Müssen Kinder und Jugendliche online besser geschützt werden? Und wenn ja, wie kann das gehen?

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) hatte im Herbst 2025 eine Expertenkommission eingesetzt, die genau das untersuchen soll. Den ersten Teil ihrer Arbeit hat die 18-köpfige Gruppe jetzt abgeschlossen und einen Sachstandsbericht erarbeitet, für den zahlreiche Studien ausgewertet wurden. Die Ergebnisse liegen dieser Redaktion vor. Auf 128 Seiten zeichnen die Expertinnen und Experten ein differenziertes Bild: Die Kommission benennt klar Risiken, die für junge Menschen mit Social-Media-Nutzung einhergehen, betont aber auch, dass digitale Medien ihnen wichtige Zugänge öffnen können.

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Mehr als vier Stunden täglich: So häufig hängen Kinder und Jugendliche an Handys

Smartphones und Tablets sind aus dem Alltag von Kindern und Jugendlichen nicht mehr wegzudenken, und das Alter, in dem sie mit den Geräten in Berührung kommen, sinkt. Schon Kleinkinder haben oft ein Tablet oder Smartphone der Eltern in der Hand. 12- bis 13-Jährige kommen laut Bericht auf fast drei Stunden Smartphone-Nutzung am Tag, mit dem Alter steigt diese Zahl: Bei 18- bis 19-Jährigen sind es mehr als viereinhalb Stunden.

Der Zugang zum Internet und vor allem zu sozialen Netzwerken ist dabei laut den Experten mit erheblichen Risiken verbunden. Jugendliche können – unter anderem – gewaltverherrlichenden oder extremistischen Inhalten ausgesetzt sein, sexuelle Belästigung, Stalking oder Mobbing erleben oder Ziel von Identitätsdiebstahl werden. Und selbst wenn die Inhalte und Interaktionen harmlos sind – schon auf den Plattformen unterwegs zu sein, kann riskant werden, wenn sie zu viel Raum in den Leben der Jugendlichen einnehmen.

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Laut dem Bericht ist eine problematische Nutzung der Medien mit zahlreichen negativen Gesundheitsauswirkungen verbunden – von einem erhöhten Risiko für Übergewicht und damit verbundenen Stoffwechselstörungen über Folgen für den Schlaf der Jugendlichen bis hin zu psychischen Auswirkungen.

Diese gesundheitlichen Risiken lauern für junge Online-User

Dabei sind den Fachleuten zufolge nicht alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen verwundbar. Jugendliche mit Depressionen oder Angststörungen zum Beispiel nutzen soziale Netzwerke online oft stärker als andere Jugendliche und berichten, dass sich die Rückmeldungen dort – etwa über Likes – stärker auf ihre Stimmung auswirken.

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Auch das Geschlecht spielt eine Rolle, in der Art der angezeigten Inhalte ebenso wie in deren Auswirkungen. Für Mädchen spielt das Thema Körperbild und der Vergleich mit anderen eine größere Rolle: Schon kurze Kontakte mit Inhalten, die Essstörungen glorifizieren, können ungesunde Schönheitsideale fördern. Die Autorinnen und Autoren des Berichts sprechen von einem „Sensitivitätsfenster“ bei Mädchen zwischen 11 und 13 Jahren, in dem intensive Social-Media-Nutzung besonders stark mit einem Rückgang der Lebenszufriedenheit verbunden sei. Bei Jungen liege dieses Fenster bei 14 bis 15 Jahren.

Experten: Nicht jede Handynutzung ist problematisch

Was die Expertinnen und Experten allerdings auch festhalten: Trotz vieler Studien zum Thema ist die Datenlage nicht immer eindeutig, unter anderem, weil Begriffe häufig nicht einheitlich verwendet werden – was zum Beispiel als „problematische“ Mediennutzungszeit gilt, kann von einer Untersuchung zur anderen variieren.

Und die Forschung zeigt auch: Online gibt es auch wichtige Chancen. Jugendliche, die queer sind oder anderen Minderheiten angehören, profitieren laut dem Bericht überdurchschnittlich stark von digitalen Räumen, in denen sie eine Gemeinschaft finden können, zu der sie offline vielleicht keinen Zugang finden, zum Beispiel, weil sie auf dem Land wohnen.

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Der Erziehungswissenschaftler und Psychologe Olaf Köller, Co-Vorsitzender der Expertenkommission, sagt deshalb: „Nicht die Bildschirmzeit allein ist entscheidend, sondern welche Inhalte Kinder und Jugendliche sehen, wie Plattformen gestaltet sind und wie gut Kinder und Jugendliche begleitet werden.“

Eltern fühlen sich oft im Stich gelassen

Eine wichtige Rolle bei der Begleitung spielen Eltern. Kinder und Jugendliche orientieren sich am Verhalten der Erwachsenen. Doch die fühlen sich der Kommission zufolge selbst nur schlecht darauf vorbereitet, ihren Nachwuchs durch Online-Welten zu begleiten.

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„Viele Eltern fühlen sich alleingelassen“, sagt Familienministerin Karin Prien (CDU) dieser Redaktion. „Die Unterstützungsangebote sind oft unübersichtlich und nicht flächendeckend vorhanden, die Technologien entwickeln sich rasant weiter.“ Eltern müssten nicht belehrt, sondern befähigt werden. „Sie brauchen verständliche Informationen, niedrigschwellige Beratungsangebote und klare Orientierung im Alltag.“ Angebote für Medienbildung sind ihrer Einschätzung nach nicht flächendeckend gleich gut, und in Schulen etwa oft abhängig vom persönlichen Interesse von Lehrkräften. „Für ein Thema dieser Tragweite ist das zu wenig.“

Konkrete Handlungsempfehlungen für die Politik enthält der Bericht noch nicht. Die sollen in einer zweiten Arbeitsphase der Kommission bis Ende Juni vorgelegt werden.