Jede Fahrt zur Tankstelle ist eine Begegnung mit dem Krieg. Der Preisschock an der Zapfsäule ist eine direkte und schmerzhafte Folge der amerikanisch-israelischen Angriffe gegen Iran. Denn die Straße von Hormus ist dicht. Bleibt die Handelsroute, die zu den weltweit wichtigsten gehört, Wochen oder gar Monate unpassierbar, kommt es noch schlimmer. Erst werden Öl und Gas knapp und immer teurer, danach Lebensmittel.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Millionen Tonnen Dünger stecken in der Straße von Hormus fest. Was kaum jemand weiß: Die Golfstaaten exportieren nicht nur fossile Brennstoffe wie Öl, sondern auch Kunstdünger. Der wird in ärmeren Ländern dringend gebraucht und hilft in Industriestaaten wie den USA dabei, günstigen Mais, Soja und Raps in großen Mengen für viele Länder der Welt zu produzieren.
Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost
Laut Weltbank sind die Energiepreise zuletzt um über 40 Prozent gestiegen, der Preis für Düngemittel um mehr als 26 Prozent. In den USA wurde Dünger bereits kurz nach Beginn der Angriffe auf Iran Ende Februar um rund 30 Prozent teurer. Für die Landwirte bedeutet das: weniger oder teurer düngen, beides hat enorme Auswirkungen.

Hormus-Blockade von Iran und den USA „bedroht Existenzen weltweit“
Was als Energie- und Düngemittelschock begonnen habe, werde bald Ernteausfälle und rasant steigende Lebensmittelpreise zur Folge haben, sagt Miriam Wiemers von der Welthungerhilfe im Gespräch mit dieser Redaktion. Nach Schätzungen des Welternährungsprogramms (WFP) sind zusätzlich 45 Millionen Menschen von Armut und Hunger bedroht, wenn der Krieg andauert und die Straße von Hormus sechs Monate geschlossen bleibt. „Die Folgen des US-israelischen Kriegs gegen Iran bedrohen Existenzen weltweit“, so Wiemers. Es kämen viele Faktoren ungut zusammen: „Das Risiko einer globalen Hungerkrise ist sehr hoch“, warnt die Expertin.
Auch interessant
Die Abhängigkeit von der Golfregion trifft viele Länder doppelt. Sie benötigen Öl und Gas für Autos und Lastwagen, für die Traktoren und Strom. Und sie brauchen die Düngemittel.
Kunstdünger und Pestizide: Landwirtschaft ist auf Gas und Öl angewiesen
Seit den 1960er-Jahren steigerten Kunstdünger und Pestizide sowie neue Pflanzensorten und verbesserte Bewässerung die Erträge deutlich. Indien zum Beispiel konnte seine Produktion an Weizen stark erhöhen und hatte genug zu essen für die schnell wachsende Bevölkerung. Für die Herstellung von stickstoffhaltigem Kunstdünger wird Erdgas genutzt. Ohne Gas und Öl sei die heutige Nahrungsmittelproduktion nicht mehr möglich, erläutert Adam Hanieh, Direktor des SOAS Middle East Instituts und Professor für politische Ökonomie und globale Entwicklung an der SOAS University in London. Auch für die Herstellung von fast allen konventionellen Pestiziden benötige man Öl und Gas.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten sei der Golf „zu einem wichtigen Lieferanten der Vorprodukte geworden, von denen die moderne Landwirtschaft abhängig ist“, sagt Adam Hanieh dieser Redaktion. Die staatlichen Ölkonzerne der Golfstaaten hätten ihr Angebot diversifiziert. „Etwa ein Drittel des weltweit produzierten Harnstoffs und Ammoniaks stammt vom Golf“, so der Experte – vor allem aus Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Der Krieg am Golf zeigt, wie verwundbar das globale Handelssystem ist
Saudi-Arabien ist der zweitgrößte Ammoniakexporteur der Welt. „Deshalb ist die Straße von Hormus ein entscheidender Engpass für Chemikalien und Düngemittel, die besonders in Asien und Afrika dazu beitragen, die Nahrungsmittelproduktion aufrechtzuerhalten“, erklärt der Professor.
Gleichzeitig kontrollieren die Golfstaaten wichtige Handelsrouten und Häfen. Orte wie Dubai sind zentrale Umschlagplätze für Lebensmittel aller Art, die in andere Regionen weitertransportiert werden. Der Krieg am Golf zeigt, wie verwundbar das globale System ist. Blockierte Seewege oder beschädigte Infrastruktur haben weltweite Folgen. Lieferketten können unterbrochen werden, Transportkosten steigen, Lebensmittel werden knapper und vor allem teurer.
Auch interessant
„Die größte Gefahr ist ein starker Anstieg der Kosten und eine geringere Verfügbarkeit von Düngemitteln“, sagt Adam Hanieh. „Das kann zur Folge haben, dass weniger Kunstdünger ausgebracht wird, er für die Bauern in den ärmeren Ländern kaum noch bezahlbar wird und die Erträge sinken. Dazu kommen steigende Energiepreise und höhere Frachtkosten.“ Viele der am stärksten betroffenen Länder, etwa Sudan oder Somalia, litten bereits heute unter Konflikten und massiver Vertreibung. „Wir haben es also mit einer Reihe Krisen zu tun, die sich überschneiden“, so Hanieh. Die Auswirkungen dieser Krise seien in diesen Ländern sehr viel schwerwiegender als in den wohlhabenderen Ländern.

Energiekrise zwingt Länder zu Notmaßnahmen und Einschränkungen
Schon jetzt sei der Schaden immens, betont die Welthungerhilfe. In Madagaskar und auf den Philippinen wurde der Energienotstand ausgerufen. In Bangladesch und in Myanmar rationiert die Regierung das Benzin, die Menschen müssen oft stundenlang an den Tankstellen warten. In Pakistan wurde die 4-Tage-Woche für Staatsbedienstete angeordnet, die Universitäten stellen auf Online-Unterricht um, Schulen wurden geschlossen. In Sudan kletterte der Benzinpreis um 78 Prozent. Transporte mit Lastwagen sind zu teuer, man greift auf kleine Motorräder und Eselskarren zurück.
In Ländern wie Äthiopien läuft den Menschen die Zeit davon. Die Regenzeit (Juni/Juli) steht bevor. Selbst wenn Düngerlieferungen über den Hafen von Dschibuti bald eintreffen, blockiere die Treibstoffknappheit den Transport. In Kenia läuft die Aussaat von Mais bereits – überwiegend ohne Dünger. „Bleibt die Nachdüngung bis zur Schulterhöhe nach etwa acht bis zehn Wochen aus, sind die Ertragseinbußen irreversibel“, so Miriam Wiemers von der Welthungerhilfe.
Auch interessant
Das gilt auch für Indien. Das Land bezieht fast zwei Drittel seines Stickstoffdüngers und einen großen Teil seines Harnstoffdüngers aus den Golfstaaten. Mit dem Monsun beginnt die Aussaat. Trifft der Dünger bis dahin nicht ein, steigen die Kosten für den Anbau von Grundnahrungsmitteln wie Reis oder Weizen – das trifft 1,45 Milliarden Menschen. Betroffen sind auch die Golfstaaten selbst. Sie importieren bis zu 90 Prozent ihrer Lebensmittel. Eine dauerhafte Blockade der Straße von Hormus würde ihre Reserven in wenigen Monaten zusammenschmelzen lassen.
Selbst wenn der Krieg morgen beendet wäre, kehrt keine Normalität ein
Selbst wenn der Krieg morgen beendet wäre, wonach es nicht aussieht, und die Straße von Hormus dauerhaft geöffnet bliebe, „würde das die Normalität nicht wiederherstellen“, sagt Adam Hanieh: „Lieferketten, die Fahrpläne der Schifffahrt, Versicherungskosten und die Logistik für Hilfslieferungen brauchen Zeit, um sich zu erholen.“

Zudem habe es in der Golfregion erhebliche Schäden an der Infrastruktur gegeben, deren Reparatur lange dauern werde. „Ich gehe daher davon aus, dass ärmere Länder noch Wochen oder Monate mit erhöhten Kosten und anhaltendem Druck auf ihre Ernährungsversorgung konfrontiert sein werden, auch wenn sich die Lage sehr bald normalisiert“, sagt der Experte aus London. Doch eine Normalisierung ist nicht in Sicht. Die Straße von Hormus ist weiter geschlossen.











