Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist ernst. Wir haben uns zu lange darauf verlassen, dass wir uns im Wandel behaupten können, ohne uns selbst zu verändern. Diese Zeit ist vorbei. Die Bundesregierung muss zu klaren Reformen kommen. Wir brauchen verlässliche Energiepreise, weniger Regulierung, schnellere Verfahren. Meine Landesregierung wird deshalb nicht aufhören, für die Interessen Thüringens zu streiten – ob in Berlin oder Brüssel. Gleichzeitig können wir nicht warten, dass Lösungen von woanders kommen. Auch wir in Thüringen müssen handeln – dort, wo wir es selbst in der Hand haben.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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35 Jahre nach der Wiedervereinigung gilt: Es gibt keinen Bonus mehr. Jeder Standort steht im Wettbewerb. Wir müssen uns entscheiden: Wollen wir ein Industrieland bleiben – oder ein Industriemuseum werden?
Wir haben ein klares Ziel vor Augen: Thüringen 2035 – eine der wachstumsstärksten Regionen Deutschlands, ein wettbewerbsfähiges Industrieland, getragen von einem starken, modernen Mittelstand, eng verzahnt mit Wissenschaft und Forschung und unterstützt von einem Staat, der funktioniert. Wenn die Wirtschaft läuft und der Staat funktioniert, entsteht Vertrauen – und die Bereitschaft, den Wandel mitzutragen. Und genau diese Bereitschaft zeichnet Thüringen aus: Thüringen lebt von den Menschen, die hier arbeiten, Unternehmen führen, Ideen entwickeln. Sie tragen dieses Land – sie haben beste Bedingungen verdient. Genau da setzen wir jetzt an.
Erstens: Der Staat muss vom Hemmnis zum Standortvorteil werden. Zu viel Bürokratie, zu langsame Verfahren – das können wir uns nicht mehr leisten. Wir wollen die Verwaltung konsequent digitalisieren. Unser Ziel: ein Drittel weniger Bürokratieaufwand für die Unternehmen. Thüringen soll die unkomplizierteste Verwaltung Deutschlands haben. Deshalb haben wir ein erstes Entlastungsgesetz in den Landtag gebracht – ein zweites folgt noch dieses Jahr.
Zweitens: Wir wollen unseren Beitrag für eine zukunftsfeste Wirtschaft leisten. Dieses Land und seine Menschen verdienen, dass wir es entfesseln. Dabei haben wir vor allem unseren Mittelstand im Blick: Er ist unser Rückgrat – über 99 Prozent sind kleine und mittlere Unternehmen, viele hochspezialisiert. In unseren Firmen zeigt sich, was Thüringen ausmacht: die enge Verbindung von Unternehmen und Forschung. Wir sind ein Land der kurzen Wege, in dem Innovation nicht im Elfenbeinturm bleibt, sondern direkt in die betriebliche Anwendung kommt. In dieser Verbindung liegt gigantisches Potenzial für gezielte Spezialisierung auf dem Weltmarkt – und damit für nachhaltige Wertschöpfung. Dieser Stärke fühlen wir uns verpflichtet. Deshalb müssen wir ehrlich sein: Wir werden den Möglichkeiten des Standorts und dem Potenzial der Menschen in Thüringen noch nicht gerecht. Zu lange haben wir nicht gezielt genug investiert, unter anderen in die öffentliche Infrastruktur Zu wenig Investitionen flossen in neue Anlagen, Automatisierung und digitale Produktion – also genau dorthin, wo Produktivität im 21. Jahrhundert entsteht. Genau das müssen wir jetzt gemeinsam angehen. Wir wollen Innovation schneller in die Anwendung bringen. Es muss in allen Bereichen gezielt in Digitalisierung und Künstliche Intelligenz investiert werden. Wir wollen für die Unternehmen bessere Rahmenbedingungen schaffen, damit sie investieren können. Dabei gilt: Keine Gießkanne. Sondern noch stärkere Konzentration auf vielversprechende Bereiche rund um die potentiellen industriellen Kerne der Zukunft: Photonik, Mikroelektronik, Maschinenbau, Batterietechnologie und ähnliches. Und vor allem: Konzentration auf die die Erhöhung der Produktivität. Es geht um Wachstum und Wohlstand für die Menschen. Das Wohlstandsniveau wird mit weniger Erwerbstätigen eben nur zu halten sein durch eine höhere Produktivität!
Drittens: Wir kümmern uns um ein tragfähiges Konzept für den Umgang mit dem demographischen Wandel. Bis 2035 werden rund 136.000 Erwerbstätige fehlen. Deshalb ist das Gebot der Stunde mehr Produktivität, unter anderem durch Künstliche Intelligenz – und die gleichzeitige Investition in Fachkräfte und Bildung. Denn Technologie wirkt nur, wenn Menschen sie anwenden. Wir stellen die Meisterausbildung weitgehend kostenfrei. Außerdem stärken wir gezielt unsere Forschungseinrichtungen – auch durch die Förderung der Exzellenzcluster der Friedrich-Schiller-Universität. Denn Innovation entsteht, wo wir wissenschaftliches Potenzial konsequent ausbauen und mit unserer Wirtschaft vernetzen. So entsteht unsere wirtschaftliche Stärke für Thüringen 2035: von der Forschungsförderung über die Anwendung bis zur industriellen Wertschöpfung in unseren Unternehmen – aus einem Guss.
Wir stehen an einem Kipppunkt. Ein Teil unserer wirtschaftlichen Basis wird sich verändern. Nicht alles wird bleiben. Und zur Wahrheit gehört auch: Wenn allerorten von „Strukturwandel“ gesprochen wird, wird meist verschwiegen, dass dieser auch an vielen Stellen mit großen Härten und Herausforderungen einhergeht, für einzelne, für Familien, für ganze Gemeinden. Diesen Wandel aber auch als Chance zu begreifen und gezielt unsere Möglichkeiten darin zu nutzen – genau darin liegt der Thüringer Geist. Er ist in den letzten 35 Jahren gewachsen. Wir haben erlebt, wie ganze Strukturen verschwinden – und neue entstehen. Wir sind noch da. Das heißt: Wir wissen, wie Wandel geht. Thüringen kann Strukturwandel.
Es geht nicht darum, uns für oder gegen den Strukturwandel zu entscheiden. Er passiert. Aber wir wollen durch kluge Entscheidungen gemeinsam dafür sorgen, dass wir als Freistaat Thüringen stark aus dieser Phase herauskommen werden. Die Entscheidung fällt jetzt – und sie fällt hier.
Zum Tag des Lokaljournalismus am Dienstag, 5. Mai, laden wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, um 19 Uhr in die Sendehalle Weimar, Humboldtstraße 36a, ein. Präsentiert wird eine neue repräsentative Umfrage, die erhellt, was den Thüringerinnen und Thüringer wirklich wichtig ist. Mit auf dem Podium: Ministerpräsident Mario Voigt. Anmeldung jetzt möglich unter www.tlz.de/tdl




