Am Nachmittag des 10. April posten die Eigentümer der Münchner „Eclipse Grillbar“ bewegende Worte auf ihrem Social-Media-Profil. Man sei „unendlich dankbar“, dass bei dem „feigen Anschlag“ niemand verletzt wurde. Und dann: „Was passiert ist, erschüttert uns – aber es hält uns nicht auf.“

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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In der Nacht zuvor, laut Ermittler gegen 0.45 Uhr, knallte es in der Heßstraße in der Maxvorstadt. Dreimal hintereinander. Kurze Zeit später fuhren Streifenwagen vor. Die Polizisten entdeckten drei „gewaltsam beschädigte“ Fensterscheiben. Pyrotechnik sei in das Restaurant geworfen worden.
Die Generalstaatsanwaltschaft hat den Fall übernommen, der Staatsschutz ermittelt. Das hat einen Grund: Die „Eclipse Grillbar“ ist ein israelisches Restaurant. „Schalom und Servus“, so grüßen die Betreiber ihre Gäste. Die Strafverfolger gehen davon aus, dass der Angriff auf die Bar kein Zufall war – sondern eine gezielte antisemitische Attacke.
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Ashab al-Yamin: Seit Wochen hält die Gruppe die Nachrichtendienste in Alarmbereitschaft
Mehrere Tage nach dem Angriff taucht auf Profilen im Messenger-Dienst Telegram ein Video auf, etwa eine halbe Minute lang, gespickt mit Drohungen gegen die „Zionisten“, man könne auch am hellen Tag zuschlagen. Das Restaurant wird als „Target“ gebrandmarkt, ein Lageplan des Geschäfts veröffentlicht. Untermalt ist das Video mit dramatisch klingender Musik. Mit dem Video reklamiert eine Gruppe den Angriff für sich, die seit Wochen Polizei und Nachrichtendienste in Alarmbereitschaft hält. In Deutschland, aber vor allem in den Beneluxstaaten und Großbritannien. Sie heißt: Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya, kurz HAYI. Ein Netzwerk von irakisch-schiitischen Extremisten, das dem iranischen Mullah-Regime in Teheran nahestehen soll.
Die Strafverfolger bestätigen die Existenz des Videos, es ist Teil der Ermittlungen, zu denen sich die Staatsanwälte auf Nachfrage nicht äußern wollen. Nach Informationen unserer Redaktion gehen die Sicherheitsbehörden davon aus, dass HAYI tatsächlich hinter der nächtlichen Attacke auf die Grillbar steckt. Es wäre die erste Attacke der islamistischen Gruppierung in Deutschland. Die Polizei hat für Hinweise zu den Tätern eine Belohnung ausgerufen: 5000 Euro.
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Zwar enthält das Video kein Täterwissen, das nur die Angreifer haben können. Auch der späte Zeitpunkt der Veröffentlichung ist ungewöhnlich für die Gruppe. Zugleich passen sowohl das Ziel als auch die Tatbegehung zu früheren Anschlägen der Gruppe. Und davon gab es in den vergangenen Wochen reichlich: London, Rotterdam, Paris, Lüttich – immer wieder verübten Täter Brandanschläge auf jüdische, israelische oder amerikanische Einrichtungen. Immer wieder bekannte sich HAYI zu den Taten. Oftmals veröffentlichten sie Videos, die teilweise nur die Täter selbst gefilmt haben können.
Dass die deutschen Nachrichtendienste die Gewalt der Gruppe sehr ernst nehmen, ist bekannt. Behörden haben einzelne Personen, die hinter dem Netzwerk stehen sollen, bereits länger im Visier. Nun macht eine Meldung die Runde, die offenbar eine neue Welle der Anschläge auch für Deutschland vorhersagt. Die Gruppe kündigte laut Bundesamt für Verfassungsschutz an, sich nicht mehr nur auf „einfache Angriffe“ zu beschränken, sondern „langfristig auch gefährliche Tatmittel“ zu nutzen – sprich: Anschläge mit Waffen oder Sprengstoff. Zuerst hatte das „Handelsblatt“ darüber berichtet.
HAYI: Was Staatsschützer besonders beunruhigt, ist die hohe Gewaltbereitschaft
Konkrete Angaben macht der Verfassungsschutz nicht. Das ist nicht unüblich, und vermutlich hat der Dienst keine konkreten Hinweise auf bevorstehende Anschläge. Aber offenbar sehen die Behörden eine bedrohliche Dynamik im Aktionsradius von Ashab al-Yamin.
Was Staatsschützer besonders beunruhigt, ist die hohe Gewaltbereitschaft. Die Gruppierung verbreitet offenbar nicht nur Drohungen – sie schreitet auch zur Tat. Seitdem USA und Israel mit dem Iran im Krieg stehen, agiert die Ashab al-Yamin in Europa offen. Islamismus-Experten wie Adrian Shtuni berichten im Wochentakt von Übergriffen, Sachbeschädigungen, Brandanschlägen. Besonders groß war der Angriff auf vier Krankenwagen einer jüdischen Hilfsorganisation in London. Mittlerweile konnte die englische Polizei mehrere Tatverdächtige festnehmen.

Was auffällt: Die mutmaßlichen Angreifer sind jung, im Alter zwischen 17 und 20 Jahren. Nach Informationen unserer Redaktion gehen die Behörden davon aus, dass die Gruppierung ihre „Agenten“ nicht aus dem Irak oder Iran nach Europa entsendet, sondern hier vor Ort lokal rekrutiert. Sogenannte „Low-Level-Agenten“ oder „Wegwerf-Agenten“, die deutsche Dienste bereits von Sabotageaktionen Russlands in Europa kennen. Diese nicht offiziell ausgebildeten Geheimdienstmitarbeiter rekrutieren staatliche Stellen meist über Messenger-Dienste wie Telegram, gezahlt werden eher kleinere Summen, mehrere Hundert Euro, teilweise nur Dutzende Euro für einzelne Aktionen.
Neben dem iranischen Geheimdienst MOIS ist auch die berüchtigte Quds-Brigade der Iranischen Revolutionsgarden in Europa aktiv, verantwortlich für Operationen im Ausland. Was westlichen Nachrichtendiensten in der Vergangenheit auffiel: Iranische Stellen rekrutieren ihre „Agenten“ auch im Milieu der organisierten Kriminalität, suchen nach Tätern in Drogenbanden oder in der Rockerszene.
Fast 60.000 Dollar „Honorar“ für das Ausspähen von Zielen im Ausland
Interessant ist ein Fall in London, bei dem ein österreichischer Mann mit tschetschenischer Herkunft verurteilt wurde. Der Mann heißt Magomed-Husejn Dovtaev, soll einen iranischen Oppositionssender im englischen Exil ausspioniert haben, filmte das Gebäude, auch die Sicherheitsvorkehrungen. Vor Gericht machte der Mann eine brisante Aussage: Er habe für die Spionagearbeit ein Honorar erhalten, angeblich 58.000 Dollar.
Stimmen die Angaben, zeigt sich einerseits, wie sehr iranische Stellen bereit sind, ihre Spionage und Sabotage in Europa zu verstärken – teilweise mit einem Budget, das deutlich über das für „Low-Level-Agenten“ hinausgeht.
Andererseits bleibt vieles im Unklaren. Ob es überhaupt eine feste Organisationsstruktur hinter Ashab al-Yamin gibt, die Operationen gezielt steuert, ist offen. Vielmehr kann es ein loses Netzwerk an Extremisten sein, die sich mit einzelnen Aktionen nur dem „Label“ der Gruppe anschließen. Über Kanäle in den sozialen Medien verbreiten proiranische Akteure dann massenhaft die Propaganda, sie nennen sich „Ashab al-Kahf“ und „Jaysh al-Ghadab“ oder „Shabab al-Islam“.

Die Angriffe auf jüdische und amerikanische Einrichtungen feiern sie als „Heldentaten“. Das Ziel: Andere zu Taten anstacheln und sich zum Iran bekennen. Fachleute sprechen vom „Franchise-Terrorismus“, einem Online-Ökosystem militanter Mullah-Anhänger, einer online organisierten selbst ernannten „islamischen Widerstandsbewegung“.
Die Profile zeigen oft eine Verbindung der Nutzer zur Quds-Einheit der iranischen Revolutionsgarden und zu vom Iran unterstützten Milizen, die bereits seit Jahren existieren. Mehrere Kanäle, die HAYI-Propaganda verbreiten, sind jedoch mittlerweile gelöscht oder gesperrt. Bei Recherchen unserer Redaktion fällt ein Kanal auf Telegram allerdings weiterhin auf: „Al-Mihwar-News“, die Macher posten ständig Videos und Pressemitteilungen der HAYI. Der Kanal steht dem Mullah-Regime im Iran nah. Allein seit Anfang April hat der Kanal sechs Beiträge veröffentlicht, darunter Videos von den Angriffen auf jüdische Einrichtungen in den Niederlanden und in London. Der Kanal verbreitet auch Drohschreiben, die sich gegen Ivanka Trump, die Tochter des US-Präsidenten, richten – jeweils auf Arabisch und Englisch, nicht auf Persisch. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Propagandisten nicht im Iran sitzen, sondern mutmaßlich im Irak. Auch am 29. April, als im Norden Londons mindestens zwei Menschen bei einem Messerangriff verletzt wurden, hat der Telegram-Kanal „Al Mihwar News“ den Angriff direkt gemeldet und ihn HAYI zugeordnet.
- Teil 1: „Niemand stellt sich den echten Krieg vor – bis zur ersten Bombe“
- Teil 2: „Im Moment kann ich nur träumen von den Tagen ohne Angst“
- Teil 3: „Es wirkt, als sei die ganze Stadt in Schwarz gehüllt“
- Teil 4: „Ich denke an den Alltag und die kleinen Schönheiten“
- Teil 5: „Hier stirbt man nicht nur durch den Einschlag einer Granate“
Es ist diese Radikalität in der Sprache, die hohe Bereitschaft zu Aktionen und das weit ausgeworfene Netz an Sympathisanten und Unterstützern, das die deutschen Sicherheitsbehörden alarmiert. Der Fall in München ist bisher nur ein Indiz dafür, dass die Ashab al-Yamin die Gewalttaten in Deutschland verstärken könnte.
Vor dem Münchner Restaurant versammelten sich nach dem Übergriff in der Nacht einige Menschen und zeigten sich solidarisch mit den israelischen Gastronomen. „Juden sollen nicht alleinstehen im Kampf gegen Antisemitismus“, heißt es auf einem Plakat der Demonstranten. Die Besitzer der „Eclipse Grillbar“ haben mittlerweile neue Fensterscheiben eingebaut. Und auch sie wollen sich nicht einschüchtern lassen. Stolz posten sie auf Facebook den reparierten Laden, schreiben: „Es kann wieder weitergehen!“








