Wann immer Rettungssanitäter oder Notärzte über die Menschen sprechen, die während ihrer Einsätze gestorben sind, kommen sie ziemlich schnell an einen Punkt, an dem sie von jenen Menschen erzählen, die hätten gerettet werden können. Jedenfalls dann, wenn etwa Angehörige Erste Hilfe geleistet hätten, statt denjenigen, die zum Beispiel einen Herz-Kreislauf-Stillstand hatten, beim Sterben zuzusehen. Echte, wirksame Erste Hilfe, die viel mehr ist, als Menschen gut zuzureden und darauf zu warten, dass professionelle Helfer kommen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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„Es ist ein strukturelles Problem, dass wir keine Gesundheitserziehung haben“, sagt Sebastian Lang, der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes Jena. „Wenn hier in Deutschland jemand auf der Straße umfällt, setzt vielleicht noch jemand den Notruf ab und dann …“ Lang hebt die Hände in die Luft. In anderen europäischen Ländern sei ein solches Verhalten undenkbar.

Es ist deshalb kein Zufall, dass die sogenannte Laien-Reanimation ein zentrales Element im neuen „Masterplan Rettungsdienst“ ist, auf den sich die Landesregierung vor wenigen Tagen verständigt hat. Darin sind verschiedene Ideen aufgeführt, deren Umsetzung dazu führen soll, dass der Rettungsdienst in Thüringen noch besser wird, als er jetzt schon ist.
Dass die Laien-Reanimation sowohl in den mittel- als auch in den langfristigen Maßnahmen dieses Plans auftaucht, ist dabei schlicht den Umständen geschuldet, unter denen medizinische Notfälle im Alltag meistens passieren. Wenn Menschen verunglücken, sind nämlich in aller Regel keine professionellen Rettungskräfte in unmittelbarer Nähe. Sie müssen erst alarmiert werden und dann auch noch zu den Notfallpatienten gelangen. Selbst in den größeren Städten entlang der A4 dauert das oft sieben, acht, neun Minuten. In ländlichen Regionen, wo die Fahrtwege länger sind, vergeht oft noch deutlich mehr Zeit.
Laienhilfe rettet Leben in den ersten Minuten nach Herzstillstand
Darüber, ob Notfallpatienten – im besten Fall ohne schwere Folgeschäden – überleben, entscheiden insbesondere bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand die ersten maximal fünf Minuten. Dass Rettungssanitäter oder Notärzte so schnell vor Ort sind, ist im Alltag nahezu unmöglich. Zum Herzstillstand komme es in weit mehr als der Hälfte der Fälle zu Hause, sagt Lang. Wenn die Angehörigen dann nicht sofort mit einer Herzdruckmassage beginnen, haben professionelle Rettungskräfte kaum mehr eine Chance, wenn sie am Ort des Geschehens eintreffen.
Um die Versorgung von Verunglückten in den so kritischen Minuten vor dem Eintreffen des Rettungsdienstes durch Angehörige, Passanten, Kollegen oder Nachbarn zu verbessern, will und muss die Landesregierung deshalb eben auf Laien und deren Kenntnisse in der Ersten Hilfe sowie deren Willen zum Helfen setzen. Dabei sei es enorm hilfreich, dass die technischen Möglichkeiten heute so viel besser seien als in der Vergangenheit, sagt Thüringens Innenstaatssekretär Andreas Bausewein.
Eine der technischen Möglichkeiten dazu sind Erst-Helfer-Apps, die in anderen Bundesländern bereits genutzt werden und deren Einsatz nun auch in Thüringen erprobt werden soll; zunächst in Jena. Die Idee: Menschen, die in Notfällen schnell helfen wollen und können, installieren auf ihrem Handy eine App, über die eine Rettungsleitstelle sie orten und informieren kann, wenn in ihrem unmittelbaren Umfeld jemand dringend Hilfe braucht. Über die App bekommen diese Ersthelfer dann alle für sie relevanten Informationen und können sich sofort auf den Weg zum Notfallpatienten machen, an dem sie viel näher dran sind als der Rettungsdienst.
App bringt Ersthelfer schneller als Rettungsdienst zum Einsatz
Das vor einigen Jahren gegründete Projekt „Region der Lebensretter“ hat eine solche App entwickelt und damit bislang nur positive Erfahrungen gemacht. In 101 Landkreisen in sieben Bundesländern ist das System nach Angaben des ersten Vorsitzenden des gemeinnützigen Trägervereins, Michael Müller, bereits implementiert. Etwa 53.000 Ersthelfer sind dort insgesamt registriert. Jena könnte sein nächster Einsatzort werden.
Die Zahlen, auf die Müller inzwischen verweisen kann, sind beeindruckend: Das Projekt habe erst vor Kurzem etwa 3500 Einsätze in mehreren Bundesländern ausgewertet, bei denen die Projekt-App genutzt worden sei, sagt er. Ergebnis: In mehr als 50 Prozent der Fälle seien die alarmierten Ersthelfer vor dem Rettungsdienst am Patienten gewesen, nach im Durchschnitt gerade einmal 3 Minuten und 11 Sekunden.
Die Ersthelfer-Alarmierung per App soll den Rettungsdienst nicht ersetzen, sondern ergänzen
Robert Büssow , ist Landesgeschäftsführer der Barmer Thüringen
Den Rettungsdienst ersetzen oder billiger machen können und sollen Ersthelfer-App-Systeme freilich nicht. Das ist aber auch überhaupt nicht ihr Sinn, worauf nicht nur Müller verweist, sondern auch Robert Büssow, der Landesgeschäftsführer der Barmer in Thüringen. „Die Ersthelfer-Alarmierung per App soll den Rettungsdienst nicht ersetzen, sondern ergänzen“, sagt er.
So klar diese ergänzende Perspektive ist, so sehr muss im Zuge des Masterplans Rettungsdienst noch darüber diskutiert werden, wer eigentlich genau in Thüringen die Laien sind, die in den nächsten Jahren dabei helfen sollen, Leben zu retten. Bei der „Region der Lebensretter“ sind zum Beispiel sehr viele Menschen registriert, auf die die Bezeichnung „Laien“ nur bedingt passt. Vorwiegend arbeite das Projekt mit Menschen, die eine medizinische Grund- oder Vorbildung haben und die Reanimationen regelmäßig üben, sagt Müller. Feuerwehrleute, Polizisten, Krankenschwestern, Medizinstudenten, Arzthelferinnen … Auch er sei am Anfang skeptisch gewesen, ob es möglich sein werde, solche Nicht-wirklich-Laien dafür zu gewinnen, auch noch in ihrer Freizeit für Hilfseinsätze zur Verfügung zu stehen. Gerade im ländlichen Raum. Die Erfahrungen aber seien sehr gut.
Für das Thüringer Pilotprojekt in Jena hält Lang diesen Ansatz ebenfalls für richtig. Statt mit völligen Laien sei es besser, mit Menschen mit medizinischen Grund- und Vorkenntnissen zu arbeiten, sagt er.





