Ottomar Weinrich ist Vermessungsingenieur und könnte mit seinen 66 Jahren eigentlich schon Rentner sein. Sein Büro war unter anderem für die Vorbereitung der aktuellen Landesgartenschau (LGS) in Leinefelde-Worbis tätig. Nun will er auf der LGS einen Tag lang junge Leute für Vermessung begeistern, denn die Branche hat Nachwuchssorgen. Zusammen mit dem Thüringer Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformation (TLBG) und diversen Berufsverbänden hilft er mit, den Tag der Geodäsie am 12. Juni in Leinefelde-Worbis vorzubereiten. 

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Sanft schlängelt sich der Fluss Ohne durch das Gelände der Landesgartenschau in Leinefelde-Worbis. „Das war vorher nur ein Rinnsal. Jetzt ist hier eine attraktive Auenlandschaft entstanden mit Brückchen und fließendem Wasser“, sagt Weinrich, dessen Büro vermessungstechnisch die Renaturierung der Ohne begleitet hat. „Die Bäume standen hier schon vorher. Sie wurden in die Neugestaltung integriert. Wir haben vermessen, wo jeder Baum steht, sogar wie dick er ist.“ Sein Büro hat auch abgesteckt, wo der Fluss langfließen soll. „Wir haben außerdem die Entwurfsvermessung für das gesamte LGS-Gelände gemacht, Sichtachsen und Wege festgelegt. Zusammen mit anderen Vermessungsbüros waren wir Teil der Vorbereitungen, damit die Planer der LGS loslegen konnten. Ohne Vermesser gäbe es keine Landesgartenschau“, sagt Weinrich.

Azubi-Suche bleibt schwierig trotz Investitionen und Bemühungen

Doch beim Nachwuchs sieht es schlecht aus. Dabei hat Weinrich noch Glück. Zehn Leute arbeiten in seinem Büro, zwei davon sind Azubis. „Sechs lange Jahre davor gab es keine einzige Bewerbung“, sagt Weinrich. Seine Azubis lernen den Beruf des Vermessungstechnikers bei ihm und im Staatlichen Berufsschulzentrum Gotha-West. Hier gehen auch die Geomatikerinnen und Geomatiker, die das Thüringer Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformation ausbildet, zur Berufsschule.

„Wir müssen sehr viel investieren, um jedes Jahr genügend Auszubildende zu finden“, sagt Uwe Köhler, Präsident des TLBG. Die Berufe Vermessungstechniker und Geomatiker unterscheiden sich nur graduell. „Im ersten Lehrjahr sind noch alle Inhalte gleich. Die Geomatiker spezialisieren sich ab dem 2. Lehrjahr auf Datenverarbeitung und Datenpräsentation. Trotzdem ist es möglich, im späteren Berufsleben zwischen der Verwaltung und den Vermessungsbüros zu wechseln“, so Köhler.

Die Berufsschule in Gotha wurde 1991 neu gegründet. Zu DDR-Zeiten gab es am selben Standort auch schon eine und hier hat Weinrich gelernt, bevor er später in Dresden studierte. Nach der Wiedervereinigung hat er sich selbstständig gemacht als Öffentlich bestellter Vermessungsingenieur, kurz ÖbVI. Dazu war ein Studium notwendig, das mit dem 2. Staatsexamen abschließt. ÖbVI sind wie Notare, beliehen mit einem öffentlichen Amt, oder wie Weinrich sagt: „Wir beurkunden Tatbestände an Grund und Boden.“ Als ÖbVI darf man ein Vermessungsbüro, das hoheitliche Aufgaben wahrnimmt, leiten und man darf auch ausbilden. Zu DDR-Zeiten war Weinrich schon im Prüfungsausschuss der Berufsschule. Da lag es nahe, eines Tages selbst Ausbilder zu werden. Zwölf Azubis hat er über die Jahre in seinem Büro ausgebildet.

Verwaltung und Vermessungsbüros vor dem Generationswechsel

„Jetzt haben wir in der Branche fast schon einen Auftragsstau und könnten mehr Nachwuchs gebrauchen“, so Weinrich. Von den 47 in Thüringen zugelassenen ÖbVI, bilden derzeit 13 aus und haben insgesamt 15 Azubis. Doppelt so viele ÖbVI würden gerne ausbilden, wenn sie Berufsinteressierte finden würden. Um diese Gruppe kämpfen auch die freien Vermessungsbüros, die keine hoheitlichen Aufgaben wahrnehmen. Bei denen finden derzeit sogar die meisten Lehrlinge eine Ausbildungsstelle.

Alle zusammen lernen in der Berufsschule Gotha. Hier kommt aber pro Jahrgang insgesamt nur eine Klasse zusammen mit durchschnittlich 25 Azubis. „Die Landesvermessungsverwaltung hat derzeit 21 Geomatikerinnen und Geomatiker verteilt über drei Lehrjahre in Ausbildung. In diesem Jahr haben wir alleine zehn Azubis für das kommende Ausbildungsjahr 2026/27 eingestellt. Wir müssen uns steigern und den demografischen Wandel mitdenken“, sagt TLBG-Präsident Köhler. In der Thüringer Landesverwaltung steht ein Generationswechsel an. Insgesamt gesehen geht die Hälfte des Personals in den kommenden zehn Jahren in Rente.

Beginn der Landesgartenschau Leinefelde-Worbis
Blumiges Willkommen: Die Landesgartenschau Leinefelde-Worbis steht unter dem Motto „Aussöhnung zwischen Stadt und Landschaft“. © Martin Schutt/dpa | Martin Schutt

Das TLBG bietet deshalb seit einigen Jahren auch ein duales Bachelorstudium für Vermessung und Geoinformation in Kooperation mit der Hochschule Anhalt in Dessau für bis zu 15, oder jetzt neu bis zu 18 Studierende jährlich an. „Das ist sehr attraktiv. Schon während des Studiums gibt es Geld vom TLBG, die Übernahme ist so gut wie garantiert. Und seit diesem Jahr ist es auch möglich, einen dualen Master anzuschließen“, so Köhler.  

Vermessung spielerisch erleben und digitale Technik kennenlernen

Geodäsie ist die Wissenschaft von der Ausmessung und Abbildung der Erdoberfläche. Am Freitag, 12. Juni, am Tag der Geodäsie, wird Ottmar Weinrich auf der Landesgartenschau mit einem vollausgestatteten Vermessungsbus anreisen. Vier Leute, davon seine zwei Auszubildenden, bringt er mit, um Schulklassen und jungen Gartenschau-Gästen die Freuden der Vermessung mit ein paar Spielen näherzubringen. Mit dabei ist ein modernes Messgerät aus der Praxis, das dabei helfen wird, die geschätzten Höhen und Längen während des Spiels zu überprüfen.

Viele Vermessungstechniken sind heute digital und hochautomatisiert. Das TLBG präsentiert neben einem neu ausgestatteten Vermessungsbus eine Vermessungsdrohne und eine sogenannte Augmented-Reality-Brille. Die AR-Brille wird im Alltag der Vermesser nicht eingesetzt, aber sie kann perspektivisch dazu dienen, die Daten anschaulich zu präsentieren, beispielsweise wenn es um Bebauungspläne geht. Digitale Daten werden auf die Brille gespielt, sodass man auf der LGS unter anderem darauf einen Stadtplan von Leinefelde-Worbis auf ungewohnte Weise sehen kann.

Das Landesamt wie die Vermesser eint die Hoffnung, dass es weiterhin genug Vermesserinnen und Geomatiker geben wird, denn nicht nur eine Landesgartenschau ist ohne die nicht denkbar. Jede Infrastrukturmaßnahme setzt die Arbeit der Vermesser voraus.

Tag der Geodäsie

Am Tag der Geodäsie wird es auf der Landesgartenschau Leinefelde-Worbis viele Informationen zum Berufsbild und zur Ausbildung im Vermessungswesen geben. Mit vor Ort an den Ständen sind Mitarbeiter aus dem Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformation (TLBG) und Vertreterinnen und Vertreter der Berufsverbände, die vor allem junge Menschen ansprechen wollen. Es gibt Einblicke in die Berufsfelder.

Der Tag der Geodäsie ist am Freitag, 12. Juni, von 10.30 bis 16 Uhr auf dem Gelände der Landesgartenschau Leinefelde-Worbis im und vor dem Pavillon des Landkreises Eichsfeld.

Autorin Antje Hellmann ist Journalistin aus Thüringen und arbeitet beim Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformation (TLBG).