Wolfgang Kubicki ist neuer Parteichef der FDP. Der 74-Jährige, der als Urgestein seiner Partei gilt, tritt in die Reihe von prägenden Politikern wie Theodor Heuss, Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher, Guido Westerwelle und Christian Lindner. Er soll nun die neue Richtung der Liberalen bestimmen. Der Delegierten auf dem 77. Bundesparteitag der FDP in Berlin wählten Kubicki am Samstag in Berlin mit knapp 60 Prozent, also 390 von insgesamt 658 abgegebenen Stimmen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Kubicki nahm die Wahl an mit den Worten, er spüre die Bürde der Erwartungen, und er wolle diesen Erwartungen gerecht werden. „Die erste Herausforderung heißt Sachsen-Anhalt“, sagte er mit Blick auf die Landtagswahlen in dem Bundesland im September. Es dürfe nicht nur die Wahl geben, „zwischen Volksfront und völkischer Front“.

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Kampfkandidatur bei FDP-Parteitag: Strack-Zimmermann forderte Kubicki heraus

Der Parteitag der FDP hatte zunächst eine unerwartete Wendung genommen. Neben dem schon als sicherer neuer FDP-Chef gehandelte Kubicki stellte sich überraschend seine Parteikollegin Marie-Agnes Strack-Zimmermann (68) zur Wahl. Es kam zur Kampfabstimmung. Die Europa-Politikerin hatte ursprünglich den FDP-Landesvorsitzenden Henning Höne aus Nordrhein-Westfalen als Gegenkandidaten zu Kubicki unterstützt. Der Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag zog seine Bewerbung jedoch frühzeitig zurück, Kubicki galt danach in den vergangenen Wochen als einziger Kandidat als gesetzt.

Strack-Zimmermann sagte in ihre Bewerbungsrede, sie habe sich über den Rückzug des 39-jährigen Hönes „tierisch geärgert“ und das tue sie immer noch. Sie machte sich im weiteren Verlauf der Rede vor allem für ihn und für die jungen Mitglieder in der Partei stark. „Wir brauchen euch alle, um die FDP wieder groß zu machen.“ Das sei der Grund, warum sie sich so kurzfristig für eine Kandidatur entschieden habe. Sie hielt eine emotionale Rede, die über 37 Minuten dauerte. Es gab viel Applaus, aber auch Buhrufe. Viele Delegierte nahmen es Strack-Zimmermann übel, dass sie sich so spät zur Kandidatur entschied.

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Strack-Zimmermann erhielt 259 Stimmen. Vier Delegierte enthielten sich, fünf stimmten für sie und Kubicki mit Nein. 

Kubicki sprach nur 16 Minuten. Doch der Volkswirt und Steuerstrafverteidiger verschaffte sich dennoch damit das von ihm erwünschte Amt, in dem er die Partei, der er im Alter von 19 Jahren beitrat, aus der politischen Bedeutungslosigkeit herausführen will. Nach der verlorenen Bundestagswahl 2025 und den genauso erfolglosen Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz strebt die FDP eine personelle Neuorientierung an, die nun zumindest bis zum nächsten Parteitag in einem Jahr vollzogen ist.

Neuer FDP-Chef Kubicki will Partei mit „neuem Selbstbewusstsein“ führen

Kubicki war Landtagsabgeordneter in Schleswig-Holstein, Mitglied im Bundestag und dessen Vizepräsident. Seit 2013 war er stellvertretender FDP-Chef. Der neue Parteivorsitzende ist Vater von zwei Töchtern und in dritter Ehe mit der Strafverteidigerin Annette Marberth-Kubicki verheiratet, die während der gesamten Zeit bis zu seiner Wahl am Nachmittag an seiner Seite saß.

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#39 Wolfgang Kubicki über die Wiederbelebung der FDP, die populistische Versuchung - und den ‚Eierarsch‘
Meine schwerste Entscheidung
 

Sein Sendungsbewusstsein ist unbestritten. Immer wieder hatte Kubicki vor dem Parteitag gesagt, er wolle eine Partei schaffen, „die mit neuem Selbstbewusstsein die politischen Debatten in diesem Land anführt, statt ihnen hinterherzulaufen“. Er fühlt sich in der Passivität des Verlierers offensichtlich nicht wohl.

Jetzt erst recht wird er gedacht haben, als die FDP 2025 aus dem Bundestag flog, obwohl er sich zunächst komplett aus der Politik zurückziehen wollte. Gegen alle Schwierigkeiten, wir er gedacht haben, Anecken ist das Prinzip des als Querulant geltenden, wortgewandten Polit-Profis. Freiheitlich und liberal denken heißt für ihn, es gibt immer Hoffnung darauf zu gewinnen. Sich anzupassen und die Dinge laufen zu lassen – das passt nicht in Kubickis Vorstellungswelt.

FDP ringt um Profil – „Freiheit“ prägt Parteitag in Berlin

Das freiheitlich-liberale Prinzip war auch das alles bestimmende Thema auf dem Parteitag. Die Rednerinnen und Redner beschäftigten sich vor allem mit der derzeitigen Bundesregierung und deren fiskalischen und reformpolitischen Problemen. Zu viel Staat, zu viele Schulden. Freiheit war das meistgenutzte Wort auf dem Parteitag.

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Dazu beschäftigte die Delegierten die Konkurrenz aus dem politisch rechten Lager. Die AfD sei das Gegenteil von Freiheit, sagte der ehemalige niedersächsische Bundestagsabgeordnete Konstantin Kuhle in seiner Rede und erhielt dafür von den Delegierten einen langen Applaus mit wohlwollenden Zurufen und unterstützenden Pfiffen. Kuhles Auftritt war während der rund zweistündigen Aussprache ein seltener Höhepunkt an Lautstärke und Stimmung.

Es war bislang ein Parteitag der Selbstvergewisserung. Deutschland brauche eine liberale Partei, war der meistgenutzte Satz der Rednerinnen und Redner. Kritik an der Vorgängerregierung kam selten, die Ampelregierung erscheint nur noch als Schatten der derzeitigen von Kanzler Friedrich Merz (CDU) und Vize-Kanzler Lars Klingbeil (SPD) geführten Bundesregierung.

Ex-Parteichef Dürr kritisiert die Bundesregierung scharf

Der damalige Bundesfinanzmister der Ampel und frühere FDP-Chef Christian Lindner war ebenfalls auf der Veranstaltung. Er saß für ein paar Minuten in der ersten Reihe der Landesverbandes NRW auf dem Stuhl von Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Sie war kurzzeitig aufgestanden und führte Gespräche und gab Interviews. Die Delegierten applaudieren Lindner, als er vom Tagungspräsidium vorgestellt wird. Er hielt jedoch keine Rede. Von der aktiven Parteiarbeit hat er sich zurückgezogen. Sich an seiner Rolle in der Ampel abzuarbeiten kam keinem Delegierten in den Sinn.

FDP Bundesparteitag
Christian Dürr, Vorgänger von Wolfgang Kubicki als Parteivorsitzender der FDP.© Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler

Zuvor hatte Lindners Nachfolger und Kubickis Vorgänger im Amt, Christian Dürr, in seiner Abschlussrede auf dem Parteitag die Bundesregierung scharf kritisiert. Er warf ihr eine maßlose Schuldenpolitik vor. Deutschland stecke ein Jahr nach Start der schwarz-roten Bundesregierung mehr denn je in einer wirtschaftlichen Krise. Die Hoffnung von vielen, dass der Bundeskanzler das Heft in die Hand nehme, sei enttäuscht worden. „Nach nur einem Jahr schon unbeliebter zu sein als Olaf Scholz am Ende seiner Amtszeit, das muss man erst mal hinkriegen.“

Dürr warf Kanzler Merz vor: „Wenn jetzt der Chef der unbeliebtesten Regierung in der Geschichte unseres Landes sagt, der liberale Mitbewerber, die FDP sei tot, dann halten wir das aus, aber wir halten Ihnen entgegen, jeder sollte vor seiner eigenen Haustür kehren.“ Dürr hatte seine eigene erneute Kandidatur zurückgezogen, nachdem Kubicki seine Bereitschaft angekündigt hatte, sich zum neuen Chef der FDP wählen zu lassen.

Der Parteitag endet an diesem Sonntag.