Der 1. Januar 2009 erscheint zunächst wie ein ganz normaler Neujahrsdienst in der Redaktion: Es ist nicht viel los, die Polizei zieht Bilanz der Silvesternacht, es gibt Fotos von den Neujahrsbabys aus den Krankenhäusern der Region. Die TLZ-Ausgabe ist an diesem Tag fast fertig, als gegen 18 Uhr die ersten Eilmeldungen eintrudeln: Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus hat einen Skiunfall, mehr weiß man im Moment noch nicht. „Thüringen unter Schock: Althaus schwer verletzt“, titelt die TLZ am nächsten Tag.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Erst später wird klar, was sich ereignet hat: Althaus war auf einer österreichischen Skipiste mit einer 41-jährigen slowakischen Skifahrerin zusammengestoßen, die noch an der Unfallstelle verstarb. Im März 2009 wurde Althaus wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Er zahlte eine Geldstrafe sowie ein Schmerzensgeld an den Witwer.
Althaus brauchte mehrere Monate, um sich gesundheitlich wieder zu erholen. Im April kehrte er in die Staatskanzlei zurück und stürzte sich in den darauffolgenden Monaten, gesundheitlich angeschlagen, in einen kräftezehrenden Wahlkampf. Althaus wollte es noch einmal wissen.
Die Quittung der Wähler kam am 30. August. Die CDU erlitt eine verheerende Niederlage, die Partei verlor fast 12 Prozent und damit die absolute Mehrheit, blieb aber dennoch die stärkste Kraft in Thüringen. Die TLZ titelte am anderen Tag: „Matschie entscheidet über die Zukunft Thüringens.“ Denn in den Händen des SPD-Spitzenkandidaten und seiner Partei lag die Entscheidung, entweder mit der Union zu koalieren oder ein rot-rot-grünes Bündnis zu wagen. Die SPD war mit 18,5 Prozent drittstärkste Kraft hinter den Linken mit 27 Prozent und den Grünen mit etwas mehr als sechs Prozent geworden. Die TLZ forderte schon am Tag nach der Wahl eine andere, geänderte Politik der CDU und verlangte von Althaus, den Übergang zu gestalten. Der machte wenige Tage später den Weg durch seinen Rücktritt frei.
In politisch so aufregenden Zeiten gelingen auch journalistische Coups. Einer davon war ein spontaner Handy-Anruf bei Christine Lieberknecht am 7. September abends. Eigentlich wollten wir uns nur nach dem Stand der Dinge erkundigen. Aber Lieberknecht erzählte sofort, dass sie sich soeben bei einem Abendessen mit Birgit Diezel für den Fall einer schwarz-roten Koalition auf die Ämterverteilung geeinigt hätten: Lieberknecht solle Ministerpräsidentin, Diezel Landtagspräsidentin werden. Es war kurz vor 22 Uhr abends – und mit dieser Exklusivnachricht wurde die Titelseite noch einmal neu gemacht. „Christine Lieberknecht soll Althaus beerben“, hieß jetzt die neue Schlagzeile. Die SPD tat sich noch tagelang schwer, mit der neuen politischen Situation klarzukommen. Christoph Matschie beharrte auf einem SPD-Ministerpräsidenten im Fall von Rot-Rot-Grün, zog dann zurück, aber der SPD-Vorstand beschloss in einer dramatischen Sitzung am 30. September, Koalitionsverhandlungen mit der CDU aufzunehmen.
Am 30. Oktober wurde Christine Lieberknecht dann – wenn auch erst im 3. Wahlgang – zur neuen Regierungschefin gewählt. „Gerettet“ hatte ihre Wahl ausgerechnet Linke-Fraktionschef Bodo Ramelow. Als der sich im dritten Wahlgang nominieren ließ, sammelte er durch seine Kandidatur CDU und SPD und auch die FDP hinter Lieberknecht.




