Das ist ein Text über Björn Höcke, Rechtsextremist und Landeschef der AfD in Thüringen. Beginnen soll diese Geschichte aber bei Abraham O., Jude und Überlebender des Holocaust. Anfang der 1960er-Jahre berichtet O. deutschen Ermittlern über den Massenmord der Nationalsozialisten. Der Überlebende erinnert sich besonders an einen Moment, er habe gesehen, wie Frauen und Männer mit Rucksäcken und Ranzen bei der Räumung des Ghettos von Krakau von Soldaten aus den Reihen der Gefangenen gezerrt wurden. Die Wachleute wollten kontrollieren, ob die Juden dort ihre Kinder verstecken.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
„Wenn die Deutschen keine Geduld hatten zu kontrollieren“, sagt Abraham O., „schossen sie ins Gepäck hinein.“ Noch Jahre nach dem Krieg hallt das Weinen der Mütter und Väter in O.s Gedanken nach. Die Forschungsstelle in Ludwigsburg zu NS-Verbrechen hat seine Aussagen dokumentiert.
Auch interessant
Vor wenigen Wochen sitzt AfD-Politiker Björn Höcke im Podcast mit dem Schweizer Journalisten Roger Köppel. Wie oft stichelt Höcke mit Aussagen, etwa über die Westdeutschen, die sich von den Amerikanern hätten vereinnahmen lassen. Im Osten seien „die Menschen noch Deutsche“. Die Äußerungen schlagen Wellen, machen Schlagzeilen. Provokation ist Teil einer Aufmerksamkeitsstrategie der Radikalen in der AfD.
Kaum ein Verbrechen ist so gut erforscht wie der Holocaust
Eine Aussage, ganz am Ende der Sendung mit Höcke, bleibt jedoch kaum beachtet. Gefragt nach den Lehren aus den zwölf Jahren deutscher NS-Diktatur antwortet der AfD-Politiker zunächst scheinbar klar: „Nie wieder Krieg, und nie wieder Diktatur.“ Kurz danach legt er mit diesen Sätzen nach: „Ich möchte aber feststellen, es ist nicht im deutschen Namen passiert.“ Mit „es“ meint Höcke offenbar den Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden. Und dann: „Es gab Mitläufer, gar keine Frage. Aber dieses Verbrechen ist nicht im Namen des deutschen Volkes passiert.“
Hintergründe zur AfD – für Sie recherchiert
Kaum ein Verbrechen der Menschheitsgeschichte ist so gut erforscht wie der Holocaust. In den vergangenen Jahrzehnten werteten Historiker Dokumente des NS-Regimes aus, befragten Zeitzeugen, sammelten Tagebücher von Wehrmachtssoldaten. Unstrittig ist belegt, dass „Hunderttausende Deutsche den Massenmord an Jüdinnen und Juden mittelbar wie unmittelbar aktiv erst möglich gemacht haben“, sagt Martin Cüppers im Gespräch mit unserer Redaktion. Er ist wissenschaftlicher Leiter der Forschungsstelle Ludwigsburg. Dort sammeln Wissenschaftler seit Jahrzehnten Material für die Verurteilung von NS-Tätern.

Im April 1942 schreibt der Wehrmachtssoldat Heinrich Klüglein in sein Tagebuch, wie Juden im Ghetto von Baranowitschi (heutiges Belarus) auf Lastwagen gepfercht und zu Kuhlen gefahren wurden. Scharfschützen erschossen die Menschen. Klüglein hält fest: „Man streute dann Chlorkalk auf die Leichenhaufen und setzte am nächsten Tag Sprengpatronen an, um sie mit Erde, die noch festgefroren war, zu bedecken.“
„Es war eine Diktatur von Deutschen durch Deutsche“
Aussagen und Berichte wie diese gibt es zahlreiche. Der Historiker Christopher Browning dokumentierte in seinem Buch über „ganz normale Männer“, dass die Vernichtung von Jüdinnen und Juden kein „Projekt“ einer NS-Clique um Adolf Hitler war. Die Verbrechen, so Brownings Untersuchung über ein Polizeibataillon, seien von gewöhnlichen Deutschen getragen worden. Gewalt an der Front wurde zum Alltag vieler Täter. Der Rechtsextremismus-Forscher Hajo Funke hebt im Gespräch mit unserer Redaktion hervor, dass Höcke ausblende, wie viel Unterstützung die nationalsozialistische Diktatur in der Bevölkerung erhielt. „Es war eine Diktatur von Deutschen durch Deutsche“, so der emeritierte Professor für Politikwissenschaft von der Freien Universität Berlin.
Björn Höcke leugnet den Holocaust nicht. Im Gegenteil, er spricht von einem „Zivilisationsbruch“, der für ihn „fast nicht zu erklären“ sei. Weiter sagt Höcke: „Ich möchte aber feststellen, es ist nicht im deutschen Namen passiert. Es ist unter den Bedingungen einer Diktatur passiert, und es wurde ein Riesen-Geheimnis darum gemacht.“
Es sind Aussagen, die Historiker längst widerlegt haben. Tenor ist dagegen, dass Deutsche von Beginn der NS-Diktatur von der Ausgrenzung und später der Vernichtung der Jüdinnen und Juden profitierten. Der Historiker Götz Aly beschreibt in seinem unlängst erschienenen Konvolut „Wie konnte das geschehen?“ über die NS-Zeit die „Judenauktionen“, in denen Deutsche das Hab und Gut der Deportierten ersteigern konnten. „Wer nicht bereit ist, den Holocaust auch als Massenraubmord zu verstehen, verkennt eine wichtige, über Hitlerdeutschland hinausweisende Triebkraft dieses Menschheitsverbrechens“, schreibt Aly.
„Konsens-Diktatur“ ohne nennenswerten Widerstand
Forscher Cüppers spricht wie andere von einer „Konsens-Diktatur“, in der es keinen nennenswerten Widerstand gegen das Regime gegeben habe. Im Gegenteil: Antisemitische Gesetze und Verordnungen waren allgemein bekannt. „Mit echter Akribie machten Deutsche bis in die letzten Kriegstage noch Jagd auf bis dahin überlebende Jüdinnen und Juden.“
Auch interessant
Björn Höcke, selbst ausgebildeter Geschichtslehrer, will davon offenbar nichts wissen. Oder setzt bewusst einen anderen Sound. Der Strafrechtsprofessor Michael Kubiciel von der Universität Augsburg hat die Aussagen für unsere Redaktion angeschaut. Das „Unrecht des Holocaust“ werde von Höcke nicht „beschönigt oder relativiert“. Auch den „öffentlichen Frieden“ sieht der Jurist durch Höckes Statement nicht gefährdet. Kubiciel fasst die Aussagen des AfD-Politikers so zusammen: „Historischer Revisionismus, aber straflos.“
Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, sieht in Höckes Äußerungen ein „Entlastungsnarrativ, wonach die deutsche Bevölkerung von der Judenverfolgung und dem Holocaust nichts gewusst habe“ – trotz zahlreicher Studien, die das Verbrechen und die Beteiligung der deutschen Bevölkerung belegen.
Schon der Ehrenvorsitzende der AfD sprach vom „Vogelschiss“
Die Geschichte der AfD lässt sich in Kapiteln einer Radikalisierung erzählen, die anfangs noch geprägt war von einer „Professoren-Partei“ – und sich immer weiter ins Extreme bewegt. Äußerungen zu den Verbrechen der NS-Diktatur waren immer Teil dieser Eskalationslogik.
Der Ehrenvorsitzende der AfD, Alexander Gauland, bekannte sich in einer Rede zwar zur „Verantwortung für die zwölf Jahre“, schob jedoch eilig nach, der Nationalsozialismus sei ein „Vogelschiss“ der deutschen Geschichte, als wäre der Mord an Millionen Menschen eine Nebensächlichkeit.
Lesen Sie auch
AfD-Chefin Alice Weidel, promovierte Ökonomin, mutmaßte im Gespräch mit Milliardär Elon Musk, dass Hitler ein „Kommunist“ sei. Dass Kommunisten inhaftiert und viele von ihnen ermordet wurden, verschweigt Weidel. Und auch Björn Höckes Sicht auf die deutsche Erinnerungskultur ist nicht neu. Schon 2017 spricht er in einer Rede in Dresden vor AfD-Anhängern von einer „dämlichen Bewältigungspolitik“ und fordert eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Die AfD in Sachsen-Anhalt will laut Wahlprogramm diese „Identitätsstörung durch eine neue, patriotische Kulturpolitik heilen“.
Ausdruck eines angeblichen „Schuldkults“
Meron Mendel, sieht in Aussagen wie von Höcke den Versuch, „etablierte Formen des Holocaust-Gedenkens und der historischen Verantwortung“ zu diskreditieren – als Ausdruck eines angeblichen „Schuldkults“. Politiker der AfD würden versuchen, die NS-Diktatur zu einer „Blackbox“ zu machen, analysiert Politologe Hajo Funke. Auch aus einem Grund: Die AfD sieht sich immer wieder Vergleichen zum Aufstieg der Nationalsozialisten ausgesetzt. „Höcke sagt, die nationalsozialistische Diktatur sei über Deutschland gekommen und sei also nicht deutsch“, so Funke. „Er fantasiert von einem Deutschland, das groß ist, das stark ist – und ohne das furchtbare Verbrechen der Nazi-Zeit.“ Auch Historiker Cüppers sagt, die Erinnerungskultur in Deutschland werde von der AfD „ganz systematisch beschädigt“.

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sieht es ähnlich. Er sagt unserer Redaktion: „Der fast obsessive Schuldabwehrmechanismus, oft kombiniert mit grotesker Geschichtsklitterung, der im Rechtsextremismus verankert ist, muss dabei zwangsläufig ins Leere laufen.“ Denn in der Erinnerungskultur gehe es nicht um Schuld, „sondern um Verantwortung und das Verstehen der Gegenwart“, sagt Klein.
Enden soll diese Geschichte mit Aussagen von Johann G., die ebenfalls von der Ludwigsburger Forschungsstelle dokumentiert sind. Der Deutsche leitete während des Ostfeldzugs der Wehrmacht das Arbeitsamt in Nowy Targ, im heutigen Polen. Er berichtet 1962 in einer Vernehmung von einer Begegnung mit einem Gestapo-Mann, der betrunken aus einem Lokal schlendert. Auf der Jacke des Polizisten klebt ein Bierdeckel, darauf eine Zahl, gekritzelt mit rotem Stift: „1000“. Der Gestapo-Polizist klärt selbst auf, so beschreibt es Johann G. später, was die Zahl bedeute. Er habe heute seinen „1000. Genickschuss“ gefeiert.












