Es war wie die Reise in eine längst vergangene Zeit. Hörenswerte, kluge Reden. Erlesene Künstler. Das wahre Who-is-Who der Querschnitts-Prominenz der Republik, darunter drei ehemalige Präsidenten. Eine Atmosphäre des Wir – nicht des Wir-gegen-die. Vor allem: Dezenz. Und die Abwesenheit jener toxischen Vulgarität und uferlosen Borniertheit, die der amtierende Präsident täglich über sein Land kippt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die Eröffnung der neuen Präsidenten-Bibliothek von Barack Obama in Chicago war eine willkommene Detox-Kur von der Giftigkeit des Polit-Alltags. Man musste nur ein paar Minuten zusehen, um zu begreifen, warum die Eröffnung so viele Menschen beinahe körperlich traf. Es war nicht bloß Nostalgie. Sondern ein kollektives Aufatmen, dass es so etwas überhaupt noch gibt – ein Amerika, das bei allen Meinungsverschiedenheiten doch noch anders klingen kann: würdig, großzügig, gebildet, streitbar. Ohne dass den Protagonisten die Verachtung für Andersdenkende aus jeder Pore schießt.

Obama eröffnet innovativen Campus auf Chicagos South Side

Auf der South Side von Chicago, dort, wo Barack Obama politisch erwachsen wurde und Michelle Obama zu Hause ist, wurde ein 850 Millionen Dollar teurer Campus eröffnet. Streng genommen keine klassische Präsidenten-Bibliothek. Sondern Museum, Archiv ohne Papierkult, Park, Stadtversammlungsplatz und Bürgerhaus in einem.

Dirk Hautkapp
Dirk Hautkapp ist US-Korrespondent.© ZR | bm

Natürlich steckt in so einem Bau auch viel Ego. Aber der Unterschied war zu sehen. Obama versteckt sein Ich-war-wichtig hinter einer Fassade der Zurückhaltung. Donald Trump knallt es in großen Lettern an jede Häuserwand. 

President Obama and Michelle Obama Greets Visitors at Presidential Center in Chicago
Barack Obama bei der Eröffnung seiner Bibliothek in Chicago.© imago/UPI Photo | IMAGO/Pablo Martinez Monsivais

Michelle Obama würdigt Obamas Vermächtnis in emotionaler Rede

Die Bühne wirkte wie eine Zeitkapsel aus einer Republik, die einem heute älter vorkommt als sie ist. George W. Bush saß da, Bill Clinton, Joe Biden, dazu Hillary Clinton, Angela Merkel, Justin Trudeau, Oprah, Tom Hanks, Stephen Colbert, David Letterman. Bruce Springsteen sang, Bono und The Edge spielten, Christina Aguilera, Jennifer Hudson, John Legend, Common, The Roots. Sahnehäubchen unter sich. Und dann natürlich Stevie Wonder. Und sein „Higher Ground“. Höherer Boden, höhere Ebene. Es klang wie die Präambel einer neuen Ordnung.

Michelle Obama, die frühere First Lady, hielt die Rede, die viele erwarteten und die trotzdem zu Tränen rührte. Sie sprach von der Disziplin und der inneren Erdung ihres Mannes, von der geretteten Autoindustrie, der Gesundheitsreform, der Verhinderung einer Ebola-Epidemie, Osama bin Laden, dem (echten) Friedens-Nobelpreis und den bis heute vom Trump-Lager kolportierten Lügen über seine Herkunft. Trumps Name fiel nicht. Er stand trotzdem in jedem Satz im Raum. „Wie absurd, sich auch nur vorzustellen, dass Du unter diesem Druck eingeknickt wärst“, sagte sie über ihren Mann. „Wie absurd, sich vorzustellen, dass Du etwas anderes getan hättest, als unsere Familie und dieses Land stolz zu machen.“

Obama appelliert an Zusammenhalt und demokratische Werte

Barack Obama kam danach nicht als Verwalter seines eigenen Denkmals auf die Bühne. Sondern als Mann, der ahnt, dass sein Land eine emphatische Aufmunterung gebrauchen kann. „So verunsichert wir auch sind, die Menschen sehnen sich nicht nach ewiger Wut und Spaltung“, sagte er. „Sie sehnen sich nach Fairness, gesundem Menschenverstand und gegenseitigem Respekt.“

Obama sprach über Demokratie als Haltung. Militär und Polizei schuldeten ihre Loyalität nicht einem Präsidenten und keiner Partei, sondern dem Volk und der Verfassung. Nach fairen und freien Wahlen müsse die Macht friedlich und anstandslos übergeben werden. Jede Silbe des Basketball-Enthusiasten war ein „Dreier“ gegen den Mann, der das Gegenteil zur Regierungsform erhoben hat.

Einweihung des Obama Presidential Center in Chicago
Michelle Obama hielt eine Rede, die viele zu Tränen rührte.© ddp/UPI | TANNEN MAURY/UPI

Obama setzt auf Werte, die über Parteigrenzen hinweg verbinden

Der klügste Moment seiner Rede lag vielleicht in der Weigerung, die Hoffnung parteipolitisch zu separieren: „Es sind keine republikanischen oder demokratischen Werte. Es sind amerikanische Werte, die wir alle teilen können.“ Charakter, Ehrlichkeit, Anstand, Mitgefühl, Pflichtgefühl, Ehre. Klingt pathetisch und museal? Klar. Aber manchmal merkt man erst, wie sehr einem ein Vokabular gefehlt hat, wenn es wieder ausgesprochen wird.

Natürlich war der Tag wie das gesamte politische Erbe Obamas nicht frei von Widerspruch. Ein lebendiges Museum der Demokratie muss sich daran messen lassen, ob die sozial verletzliche Nachbarschaft dort ein und ausgehen kann. Oder ob das Schmuckstück ein Tummelplatz der „happy few” wird. Der Elchtest steht noch aus.

Amerika beweist: Ein anderer Ton ist möglich

Trotzdem war diese Feier mehr als Erinnerungspflege. Sie war eine hochwillkommene Schnelltherapie. Drei Stunden lang kein Gebrüll, keine halbdemente Selbstbespiegelung, kein Überbietungswettbewerb der Gemeinheit, keine Herabwürdigung von Menschen in Abschaum und Schlimmeres.

Warum entzündete diese eine Veranstaltung so viel Hoffnung? Weil sie zeigt, dass Trumpismus kein Schicksal ist. Weil sie den Beweis führte, dass Amerika über einen anderen Ton verfügt. Weil Stevie Wonder am Ende nicht zufällig „Higher Ground“ sang und alle verstanden, was gemeint war: Nicht zurück in die Obama-Jahre, sondern hinauf. Raus aus der Gülle des Hier und Jetzt.