Vor 100 Jahren, am 3. und 4. Juli 1926, beging die NSDAP in Weimar ihren ersten Reichsparteitag nach der Aufhebung des Parteiverbots, das nach Hitlers Putschversuch von München am 9. November 1923 verhängt worden war. Dass die Wahl auf die damalige Thüringer Landeshauptstadt fiel, ist kein Zufall, denn hier bildete seit 1924 der Ordnungsbund, ein Zusammenschluss konservativ-bürgerlicher Parteien, eine Minderheitsregierung, die auf die Tolerierung durch die Nationalsozialisten angewiesen war. Diese ließen sich die Unterstützung der Regierung teuer erkaufen: Das Parteiverbot wurde früher als in anderen Ländern aufgehoben, jüdische und marxistische Beamte wurden entlassen, das Bauhaus aus Weimar vertrieben.

2.Parteitag NSDAP 1926
Ein Bild vom Parteitag der NSDAP in Weimar vor 100 Jahren. Zu sehen ist links Adolf Hitler. © picture-alliance / akg-images | akg-images

In Weimar rollten die Konservativen den Nationalsozialisten also gewissermaßen den roten Teppich aus. Und noch etwas sprach aus der Perspektive der Nazis für Weimar: Dort, genauer gesagt im Deutschen Nationaltheater, war 1919 die von ihnen gehasste Verfassung der Weimarer Republik verabschiedet worden: Das DNT war der Geburtsort der ersten deutschen Demokratie. Deshalb wollten die Nationalsozialisten ihren Parteitag genau dort abhalten, um, wie sie sagten, „die Schande des Hauses von 1919“ auszulöschen. Die Ordnungsbund-Regierung ebnete ihnen dafür den Weg: Das Staatsministerium hob das bisherige Verbot der Nutzung des Hauses für politische Zwecke auf, damit die NSDAP es für ihren Parteitag nutzen konnte.

Nazis inszenieren Macht und Gewalt beim Parteitag in Weimar

Der Parteitag hatte nicht – wie bei anderen Parteien – die Funktion, über Programmatik und Personal zu diskutieren. Vielmehr ging es den Nazis darum, ihre Geschlossenheit zu demonstrieren und die Partei als vermeintliche Massenbewegung zu inszenieren (tatsächlich war sie 1926 noch eine Splitterorganisation) und auf ihren „Führer“ einzuschwören. Dafür führte die Partei in Weimar etliche Rituale ein, die später auch bei den Parteitagen in Nürnberg inszeniert wurden: Formationen von SA und SS defilierten vor Hitler vorbei, der auf dem Weimarer Marktplatz in einem Mercedes mit offenem Verdeck stand und den neu eingeführten „Deutschen Gruß“ zeigte. Dem Reichsführer der SS (noch war es Joseph Berchtold, nicht Heinrich Himmler) überreichte Hitler bei einem „Generalappell“ im DNT die „Blutfahne“ des 9. November 1923. Eine weitere in Weimar eingeführte Neuerung war das Symbol des Reichsadlers mit Hakenkreuz, das spätere Hoheitszeichen des NS-Staats. Auch die Hitlerjugend wurde auf dem Parteitag in Weimar gegründet.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Hitler, der erst wenige Monate zuvor vorzeitig aus der Festungshaft im bayerischen Landsberg entlassen worden war, bemühte sich, den behördlichen Auflagen nachzukommen und der Partei einen legalistischen Anstrich zu geben. So verzichtete er trotz mehrfacher Aufforderungen auf eine Rede auf dem Weimarer Marktplatz (Weimars Oberbürgermeister hatte ihm ein Redeverbot im Freien auferlegt). Dennoch zeigten die Nationalsozialisten ihr wahres Gesicht: Am Rande der Veranstaltungen kam es zu schweren gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Linken und der Polizei. Jüdische Bürger Weimars wurden beleidigt und körperlich angegriffen, und auch das Volkshaus, in dem sich Kommunisten versammelt hatten, wurde mehrfach von Teilnehmern des Parteitags angegriffen. Der folgenschwerste Vorfall ereignete sich am Bahnhof. Dort erschoss ein Mann mit Hakenkreuzarmbinde bei einem nächtlichen Zusammenstoß einen Polizisten. Unter den Funktionären, die ihre „Parteigenossen“ zu den Gewalttaten aufhetzten, waren spätere Nazigrößen wie der Chef des Volksgerichtshofs Roland Freisler und der Polizeigeneral Kurt Daluege.

Demonstration gegen AfD-Veranstaltung im Landkreis Friesland
Mit Zeichen wie diesem wird heutzutage gegen Rechtsextremismus demonstriert.© dpa | Sina Schuldt

Für Hitler und die NSDAP war der Parteitag ein großer Erfolg, trug er doch zur Normalisierung der nach dem Putschversuch von 1923 geächteten Nationalsozialisten bei. Zudem setzte sich Hitler endgültig als unangefochtener Parteichef durch. In Weimar ließ er sich in der Folgezeit öfter blicken, vor allem 1930, als er sich selbst in die Koalitionsverhandlungen für die erste Landesregierung im Reich mit Beteiligung der NSDAP einschaltete. Nach der Tolerierung der Ordnungsbund-Regierung durch die Nazis war ihre Regierungsbeteiligung 1930/31 der zweite Sündenfall der Thüringer Konservativen. Obwohl sie nur sechs Sitze im Landtag hatten, gelang es ihnen, den Bürgerlichen die beiden wichtigsten Ministerien abzutrotzen: Das Bildungs- und das Innenministerium wurden in Personalunion von Wilhelm Frick geleitet, dem späteren NS-Reichsinnenminister. Frick setzte in der Schul-, Wissenschafts- und Kulturpolitik einen radikalen Rechtsruck durch, als Innenminister besetzte er hohe Polizeiposten mit Parteigenossen.

AfD setzt mit Parteitag historisches Signal in Thüringen

Das Konzept der Bürgerlich-Konservativen, die Nationalsozialisten zu entzaubern, indem man ihnen „die Gelegenheit zu positiver Arbeit“ gab, wie der Rechtsliberale Georg Witzmann später schrieb, ging gründlich schief. Zwar brach die Koalition mit den Nazis nach nur einem Jahr wieder auseinander, aber schon 1932 wurden die Nazis stärkste Kraft in Thüringen und stellten unter Gauleiter Fritz Sauckel ab dem Sommer 1932 eine Mehrheitsregierung – ein halbes Jahr vor der Machtübertragung im Reich.

Einbindung, um zu entzaubern – ein Rezept, das auch heute von manchen mit Blick auf die rechtsextreme AfD zu hören ist. Die Thüringer Geschichte zeigt, dass dies ein gefährlicher Weg ist. Und dass die AfD ihren Bundesparteitag ausgerechnet zum 100. Jahrestag des NS-Parteitags von Weimar in Thüringen veranstaltet, ist ganz bestimmt kein Zufall. Politische Kommunikation ist hochgradig symbolisch. Mit dem Datum und der Ortswahl sendet die AfD-Spitze ein deutliches Signal an ihr „patriotisches Vorfeld“, wie Höcke und Co. die Mischszene aus neuen Rechten und expliziten Neonazis nennen, auf deren Unterstützung sie setzen. Auch deshalb fordern sie, auf dem Parteitag in Erfurt die Unvereinbarkeitsliste gegenüber militanten rechtsextremen Gruppen zu „überarbeiten“.

Gastautor Jens-Christian Wagner ist Stiftungsdirektor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora sowie als Professor Lehrstuhlinhaber am Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena