Warum regt sich das Land so auf über einen allzu euphorischen Social-Media-Post des Kanzlers? „Was für ein Spiel“, hatte Friedrich Merz – oder wer auch immer im Bundespresseamt, noch schiebt man dort die Schuld hin und her – nach der Niederlage gegen Paraguay gejubelt. Das Team habe „unser Land begeistert“. „Wir sind stolz auf euch.“ Stolz? Ernsthaft?

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Nicht nur in den chronisch aufgeregten sozialen Medien regiert jetzt Empörung über Merz, und das ist verständlich. Aus zwei Gründen: Zum einen ist befremdlich, wie Merz im billigsten Motivationstrainer-Sound die Blamage schönreden will. Das kennen viele aus leidvoller Erfahrung im Büro: Führungskräfte verbreiten übertriebenes Lob, übertünchen Fehler, verabreichen bittere Pillen unter einer dicken Schicht Schokoladensoße. Man muss kein Karrierecoach sein, um zu ahnen, dass dieser Stil Frust erzeugt.
Auch interessant
Zweitens passt der Sound zu Deutschlands Gesamtlage. Sind wir nicht mit dieser bequemen, ignoranten Geisteshaltung abgestiegen? „Wir sind raus, aber trotzdem toll“, das heißt, den Anspruch an sich selbst aufzugeben. So wird man nicht Export- oder Fußball-Weltmeister, eher in Disziplinen wie Bahn-Chaos oder Brücken-Bröckeln.
Die Reaktionen wären wohl weniger heftig, würde Merz nicht ständig kommunikativ ins Abseits laufen. Oder die Leute sonst ständig ermahnen: Mehr leisten, länger arbeiten, härter anpacken!

Fast zeitgleich zu seinem Ärger ließ sich seine Vorgängerin Angela Merkel bei der Enthüllung ihres Porträts feiern. Sie sagte einst, auch begleitet von Häme, das Internet sei „Neuland“. Heute wünscht man sich eine solche Selbsterkenntnis im Kanzleramt.






