Diese Pläne der Bundesregierung haben bei vielen Beschäftigten für Irritationen und Frust gesorgt: Künftig soll bereits ab dem ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verpflichtend sein, gleichzeitig soll die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung entfallen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Während viele Details zu diesem Entschluss noch nicht geklärt sind, ist besonders bei Menschen mit chronischen Erkrankungen die Sorge groß. Sie fragen sich schon jetzt, wie sie die neuen Vorgaben überhaupt erfüllen sollen. Denn wer aufgrund chronischer Krankheiten wie etwa Migräne, Multiple Sklerose oder Endometriose kaum das Bett verlassen kann, für den ist der Weg in eine Arztpraxis oft keine Frage des Willens – sondern der körperlichen Möglichkeiten. Mehrere Betroffene erzählen, warum sie die Pläne für lebensfern halten und welche Folgen sie befürchten.

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Lina Zeides (28) leidet an Multipler Sklerose

„Die Diskussion um eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag zeigt für mich, wie weit manche Entscheidungen von der Lebensrealität der Betroffenen entfernt sind. Ich habe zwei sehr komplexe Diagnosen, einmal die Multiple Sklerose und einmal die Konversionsstörung (Anm. d. Red.: psychische Erkrankung, bei der der Körper mit neurologischen Beschwerden wie Lähmungen oder Krampfanfällen auf seelischen Stress reagiert). Wenn ich den Abend vorher eine Attacke von der Konversionsstörung hatte und sich während dieser Attacke noch meine Multiple Sklerose mit enormen Schmerzen und anderen Symptomen einschaltet, dann bin ich den nächsten Tag genau eins: komplett am Ende, sowohl körperlich als auch psychisch. Und in so einem Moment soll ich mich dann auf den Weg zum Arzt machen? Es wäre für mich schlichtweg nicht mal möglich.“

Lina Zeides
Lina Zeides lebt seit sieben Jahren mit Multipler Sklerose. © Privat | Privat

Melina Grützner (31) hat Endometriose

„Das Abschaffen der telefonischen Krankschreibung ist ein Schlag ins Gesicht für Menschen mit chronischen Erkrankungen. Ich habe Endometriose und Adenomyose (Anm. d. Red.: chronische Erkrankungen der Gebärmutter) und kann an manchen Tagen nicht mal aufstehen oder duschen, geschweige denn in eine Praxis fahren und dort unter geburtsähnlichen Schmerzen warten. Die Änderung fährt unser überlastetes Gesundheitssystem gegen die Wand.“

Melina Grützner
Melina Grützner leidet unter Endometriose und Adenomyose.© Privat | privat ,

Ann-Christin Hoeltje (36) hat chronische Migräne

„Wer glaubt, Menschen mit chronischer Migräne würden leichtfertig zu Hause bleiben, hat nicht verstanden, wie wir leben. Wir funktionieren schon viel zu oft krank, sonst könnten wir gar kein Leben führen. Eine Krankschreibung ist für viele von uns nicht der einfache Weg, sondern der Punkt, an dem wirklich nichts mehr geht. Und genau dann sollen wir uns mit Lichtempfindlichkeit, Übelkeit, Reizüberflutung und Schmerzen auch noch in eine Arztpraxis schleppen, ausgerechnet bei einer Erkrankung, bei der genau das eine Attacke verschlimmern oder verlängern kann?

Das Bild, das in dieser Debatte gezeichnet wird, passt nicht zu dem, was ich seit Jahren in meiner Migräne-Community sehe. Wir faken nicht krank. Wir faken gesund. Und genau deshalb trifft diese Maßnahme die Falschen und wird am Ende nur teurer, wenn wir statt einen Tag gleich drei Tage ausfallen.“

Ann-Christin Hoeltje
Ann-Christin Hoeltje leidet unter chronischer Migräne.© Privat | Privat

Kevin Hoffmann (35) hat Multiple Sklerose

„Als Patient mit Multipler Sklerose sehe ich diese Regelung mit großer Sorge. Bei MS wie auch bei vielen anderen chronischen Erkrankungen treten Symptome oft in kurzen Schüben auf, manchmal für einen einzigen Tag, manchmal für zwei. Genau diese Menschen sollen jetzt ab Tag eins ein ärztliches Attest vorlegen. Das bedeutet für uns nicht nur einen Arzttermin mehr, sondern einen zusätzlichen körperlichen und organisatorischen Kraftakt in einer Phase, in der wir eigentlich Ruhe brauchen.

Kevin Hoffmann
Kevin Hoffmann leidet an Multipler Sklerose.© Privat | Privat

Ich verstehe das Ziel, Krankenstände zu senken. Aber diese Regelung trifft die Falschen am härtesten. Sie sanktioniert nicht Missbrauch, sondern erschwert chronisch kranken Menschen den ohnehin schon anstrengenden Alltag zusätzlich. Eine Ausnahmeregelung für dokumentierte chronische Erkrankungen wäre hier der deutlich sinnvollere Weg gewesen als eine pauschale Verschärfung für alle.“

Alina Hammer (26) leidet an Diabetes Typ 1, Depression, Migräne und Endometriose

Alina Hammer / Funke Mediengruppe
Alina Hammer hat gleich mehrere chronische Krankheiten: Diabetes Typ 1, Depression, Migräne sowie Endometriose. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

„Als ich von den Plänen gelesen habe, war mein erster Gedanke: ‚Na toll, wie umständlich‘. Das klingt vielleicht harmlos, aber wenn ich an einem Tag wirklich keine Kraft habe, kann ich mich jetzt nicht ausruhen und das einfach mit meinen Kollegen kommunizieren, sondern muss mit dem ÖPNV oder dem Auto erst mal zum Hausarzt fahren und keine Ahnung wie lange warten. Ich habe diese Kulanztage fast nie genutzt und niemals ausgenutzt. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, dem man gar keine Selbsteinschätzung zutraut. Auf Dauer wird mich das eher schwächen, als meinen Arbeitgeber zu entlasten.“