Es ist der Sommer des Jahres 1987. Der 17-jährige Andy Burnham gewinnt seine erste Wahl als Labour-Politiker. Genauer gesagt ist es eine nachgestellte Abstimmung, zu der die St. Aelred‘s Catholic High School im nordenglischen Newton-le-Willows ihre Schüler parallel zur Unterhauswahl aufgerufen hat. Burnham, der bereits mit 14 (manche Quellen sagen 15) Jahren der Labour-Partei beigetreten ist, hat bei der vorausgehenden Debatte den Labour-Kandidaten gespielt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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„Andy trat gegen einen anderen Jungen an, einen wirklich netten Kerl, der für die Konservativen kandidierte“, erzählte Steve Harrington, damals Englischlehrer, dem Guardian. Doch dann hätten Burnhams Unterstützer, als der Gegenkandidat seine Rede hielt, den Stecker aus dem Mikrofon gezogen. Niemand habe ein Wort verstanden. „Andy gewann haushoch. Allerdings hätte er das wahrscheinlich so oder so geschafft, denn es war eine ausgesprochene Labour-Gegend“, sagte Harrington. Burnham selbst sei an dem Streich nicht beteiligt gewesen.
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Einen ähnlichen Streich muss Burnham am Montag kaum befürchten, wenn der heute 56-Jährige fast vier Jahrzehnte später vor der berühmten schwarzen Tür in der Downing Street 10 seine Antrittsrede als Premierminister hält. An seiner Seite dürfte Marie-France van Heel sein, seine niederländischstämmige Frau. Kennengelernt haben sich die beiden an der Universität Cambridge, an der Burnham ab Ende der 80er-Jahre englische Literatur studiert hat.
An der Eliteuniversität habe er sich oft als Außenseiter und fehl am Platz gefühlt, schrieb Burnham später in seinem Buch „Head North“. Kein Wunder: Sein sozialer Hintergrund hob ihn vom Großteil seiner Kommilitonen ab: Burnhams Vater war Fernmeldetechniker, seine Mutter Rezeptionistin in einer Arztpraxis. Burnham, der mittlere von drei Brüdern, war das erste Mitglied seiner Familie, das eine Universität besuchte.
Burnham arbeitet sich schrittweise nach oben
Anstatt seinen Arbeiter-Hintergrund zu verstecken, machte ihn Burnham zum Aushängeschild – und erschien zu Vorlesungen oft in Fußballtrikots. „Auf den Straßen im Nordwesten Englands mag das durchaus üblich sein, aber in einem Cambridge College ist es das nicht unbedingt“, sagte John Mullan, einer seiner damaligen Professoren, der Times of London. Der junge Burnham sei ein fußballbesessener Kerl gewesen, der Shakespeare rezitiert habe und „mit dem coolsten Mädchen des College“ zusammen gewesen sei – gemeint ist van Heel, die er im Jahr 2000 heiratete. Die beiden haben einen Sohn und zwei Töchter.
London ist für Burnham kein Neuland: Nach seinem Cambridge-Abschluss zog er 1992 in die Hauptstadt und arbeitete als Journalist für einen Fachverlag. Eine damalige Kollegin, Eleanor Mills, riet ihm, sich bei ihrer Stiefmutter, der Labour-Abgeordneten und späteren Kulturministerin Tessa Jowell, um einen Assistentenjob zu bewerben. Burnham befolgte den Rat – sein Einstieg in die Politik.
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1997 half er bei Tony Blairs Wahlkampf zur Unterhauswahl mit, die dieser mit einem Erdrutschsieg gewann. In den folgenden Jahren arbeitete sich Burnham schrittweise nach oben, zunächst als parlamentarischer Assistent mehrerer Minister, dann selbst als Junior-Minister. Unter Premier Gordon Brown, der Blair 2007 ablöste, stieg er zum „Chief Secretary to the Treasury“ auf, der Nummer zwei im Finanzministerium – sein erster Kabinettsposten. Ein Jahr später wurde er Kulturminister, 2009 Gesundheitsminister. Nach der Wahlschlappe 2010 wechselte Burnham in die Opposition.
Warmherzig, aber stur: Burnham gilt als bodenständig
Frühere Kolleginnen und Kollegen beschreiben ihn durchgehend als warmherzigen, bodenständigen Typen, der gemocht werden will und selbst unter Druck ruhig bleibt – im knallharten britischen Politikbetrieb eine Seltenheit. Insider berichten aber auch, dass Burnham eigensinnig und extrem stur sein könne. Er sei bereit, selbst engste Beziehungen aufs Spiel zu setzen, wenn er sich erst einmal auf einen Kurs festgelegt habe.
Nach einem Vorfall im Jahr 2009 wurde diese Sturheit zur Stärke – und für Burnham zum Wendepunkt: Während einer Gedenkfeier zum 20. Jahrestag der Hillsborough-Stadionkatastrophe von 1989, bei der 97 Liverpool-Fans in einem überfüllten Fußballstadion zu Tode gedrückt worden waren, brüllten Angehörige seine Rede nieder, die er als Kulturminister hielt. Ihre Wut war verständlich: Noch immer hielt sich die von der Polizei gestreute Behauptung, betrunkene Fans hätten das Unglück verursacht.
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Mehrere Regierungen verweigerten Untersuchungen. Burnham ließ nicht locker und trug maßgeblich dazu bei, dass die Ereignisse neu aufgearbeitet wurden. Dabei kam heraus, dass ein massives Polizeiversagen die Katastrophe verursacht hatte. „Meine Abkehr von Westminster begann an jenem Tag in Anfield“, sagte Burnham später. Erst vor wenigen Tagen kam im Parlament der Entwurf für das „Hillsborough Law“ in die Schlussphase vor der Verabschiedung. Das Gesetz zwingt Amtsträger dazu, bei Untersuchungen wahrheitsgemäß auszusagen und alle Fakten offenzulegen – mit strafrechtlichen Folgen bei Verstößen. Burnham hat sich jahrelang dafür eingesetzt und dem Gesetz seinen Namen gegeben.
Burnham wird als „King of the North“ zur nationalen Figur
Sein Weg an die Spitze der Labour-Partei war dagegen steiniger: 2010 kandidierte er zum ersten Mal für den Parteivorsitz und wurde nur Vierter. 2015 trat er erneut an – und verlor mit seinem damals betont wirtschaftsfreundlichen Kurs haushoch gegen den Parteilinken Jeremy Corbyn. 2017 trat er für den neu geschaffenen Posten des Bürgermeisters der Region Greater Manchester an. Er gewann – und fand in dem Amt seine Berufung.
Burnham legte das steife Outfit des Westminster-Abgeordneten ab und trug fortan meist ein schwarzes T-Shirt unter dem Jackett. Der begeisterte Fan von Manchester-Bands wie The Smiths begann, bei Veranstaltungen aufzulegen. Sein Durchbruch kam während der Covid-Lockdowns 2020: Damals setzte sich Burnham bei der Regierung von Boris Johnson lautstark für stärkere Finanzhilfen für Nordengland ein. Er wurde zu einer nationalen Figur und erhielt – in scherzhafter Anlehnung an die Serie „Game of Thrones“ – den Spitznamen „King of the North“. „Er brachte die Hilflosigkeit zum Ausdruck, das Gefühl, dass die Regierung vielleicht nicht wirklich verstand, wie es ist, an einem Ort wie Manchester zu leben“, sagte Joshi Herrmann, Gründer der Onlinezeitung „The Manchester Mill“, dem Sender NPR.
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Burnham setzt sich für Kompetenzen der Regionen ein
Aus seiner Zeit als Bürgermeister kann Burnham weitere Erfolge vorweisen: Er stellte den privatisierten Busverkehr wieder unter öffentliche Kontrolle, was zu besserem Angebot und niedrigeren Preisen führte, und holte zusätzliche Kompetenzen in Bereichen wie Wohnen, Ausbildung und Gesundheit in die Region. Diese „Devolution“ – die Verlagerung von Befugnissen weg von London – möchte er nun als Premier landesweit umsetzen. Federführend soll dabei eine Zweigstelle seines Amtssitzes in Manchester werden: „Number 10 North”.
Seine Ideologie nennt Burnham „Manchesterism“, einen „aspirationalen Sozialismus“, bei dem sich die öffentliche Hand um Wohnraum, Energie, Wasser und Nahverkehr kümmert, um soziale Mobilität zu ermöglichen – und der Wirtschaft sonst freie Hand lässt. Die Rechnung scheint zumindest in Greater Manchester aufzugehen: Die Region gilt als eine der am schnellsten wachsenden Metropolregionen des Landes.
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Als Regierungschef wird Burnham ein Problem begleiten: Ähnlich wie nach seinem ersten Wahlsieg 1987 (als Freunde das Mikrofon seines Kontrahenten ausgestöpselt haben), wird ein Hauch von Illegitimität über seinem Amt hängen. Denn er verdankt es einem parteiinternen Putsch gegen seinen Vorgänger Keir Starmer – ein öffentliches Mandat hat er nicht. „Ich glaube, er wird eher früher als später vors Land treten [und Neuwahlen ausrufen] wollen“, sagte ein langjähriger Freund dem Guardian. „Er wird sein eigenes Mandat wollen.“










