Der mutmaßliche CSD-Attentäter Abdul Ballout fiel den Behörden viel früher auf als bislang bekannt. Das geht aus Recherchen unserer Redaktion hervor. Schon als Sechsjähriger wurde er demnach aktenkundig. Als Erstklässler einer Grundschule in Tiergarten zeigte er damals auffällig aggressives Verhalten – sowohl im Unterricht als auch in der Nachmittagsbetreuung, wie interne Akten aus dem Umfeld der Jugendhilfe belegen. Auch die Familienverhältnisse waren offenbar deutlich schwieriger als bisher in der Öffentlichkeit bekannt. Möglicherweise spielte sogar eine persönliche Komponente innerhalb der Familie bei dem Anschlag eine Rolle, das legen Recherchen der Berliner Morgenpost nahe.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Den Akten zufolge war der Grundschüler Abdul dermaßen aggressiv, dass er von Beginn an immer wieder vom Unterricht suspendiert wurde. Bereits ab der ersten Klasse gibt es Vermerke. Abdul müsse dringend zur Diagnostik, er brauche Hilfe und Unterstützung. Die Eltern kooperieren nicht. Der Vater wird als konfrontativ beschrieben, bei der Mutter gibt es Schwierigkeiten mit der Kommunikation. Das Jugendamt wird eingeschaltet, die Schulhilfekonferenz beschäftigt sich mehrfach mit Abdul. Nichts hilft, auch weil die Eltern wohl vielfach die Zusammenarbeit verweigern.

Mehr zum Anschlag in Berlin

CSD-Anschlag: Fehlende Kooperation der Familie von Abdul Ballout

Anfangs schreibt Abdul noch Zweien und Dreien, dann werden auch die Noten schlechter. Die Grundschule wechselt er zweimal. In der weiterführenden Schule kommt er auf ein Förderzentrum. Zunächst hat Abdul den Förderstatus „Lernen“, später kommt dann noch „Emotional-soziale Entwicklung“ dazu. Abdul hatte also Schwierigkeiten im emotionalen und sozialen Bereich und damit Anspruch auf sonderpädagogische Förderung. Aus dem Teenager Abdul wird dann ein Schulverweigerer, auf seinen Zeugnissen stehen fast nur noch Sechsen. Vonseiten der Behörden gibt es zwei Versuche, ihn in Schulersatzprogrammen unterzubringen. Auch wird versucht, ihn zur Diagnostik in eine Psychiatrie zu bringen. Allerdings kommt es dazu nicht, weil seine Eltern die Zustimmung verweigern.

Christopher Street Day - Berlin - Fahndungsaufruf
Der mutmaßliche CSD-Attentäter Abdul Ballout.© Polizei Berlin/dpa | Polizei Berlin

Aus den der Berliner Morgenpost vorliegenden Unterlagen geht hervor, dass mehrere Stellen Abdul und seine Entwicklung von Anfang an im Blick hatten – die Kooperation der Eltern aber in den meisten Fällen fehlte. Aus mehreren Dokumenten ist ersichtlich, dass die familiäre Situation äußerst schwierig gewesen sein muss. Die aus dem Libanon stammenden Eltern von Abdul leben in Berlin getrennt. Die Mutter und die Schwestern – bei denen Abdul lebt – sind streng gläubig.

Hass auf Homosexuelle: Ist der Vater des Berlin-Attentäters schwul?

Aus Sicherheitskreisen erfuhr die Morgenpost, dass Abduls Vater homosexuell sein soll und mutmaßlich in Berlin mit seinem Partner zusammenlebt. Offenbar wächst Abdul also in einem starken Spannungsfeld aus Religion und Kultur auf. Das könne sogar auf ein mögliches Motiv hindeuten. Und darauf, dass Abdul ausgerechnet den Berliner CSD als Ziel gewählt habe. Dass die Vermischung von persönlichen Erfahrungen und islamistischen Überzeugungen problematisch sein kann, zeigen auch die Erfahrungen aus Programmen zur Deradikalisierung. Auch eine fehlende Vaterfigur ist demnach ein häufiges Muster bei jungen Islamisten. Ballout soll vor allem Zuflucht in radikalen Moscheen in Neukölln gesucht haben, so ein Insider.

Nach zehn Jahren verlässt Abdul die Förderschule ohne einen Abschluss und ohne Perspektive. Parallel beginnt seine kriminelle Karriere. Ein Jugendschöffengericht verhängt 2022 wegen Körperverletzung und räuberischer Erpressung eine „jugendrichterliche Weisung“ gegen ihn. Demnach schlägt der Heranwachsende 2019 einen Jungen zusammen und raubt 2020 einem anderen die Kopfhörer. Nach einem erfolglosen Versuch, über die Türkei nach Mauretanien zu reisen, wo islamistische Milizen weite Gebiete kontrollieren, will er im Mai 2025 über die Türkei und den Libanon nach Syrien, um sich dort der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ anzuschließen. Allerdings wird er bereits vier Tage nach seiner Ausreise im Libanon festgenommen. Von einem Militärgericht wird Ballout wegen „Anstiftung zu religiösen und konfessionellen Konflikten“ zu drei Monaten Haft verurteilt. Diese Zeit sitzt er im Libanon im Gefängnis ab, im November 2025 kommt Abdul zurück nach Deutschland. Am Flughafen BER wird er direkt festgenommen und kommt in Untersuchungshaft.

Nach einem erfolglosen Versuch, über die Türkei nach Mauretanien zu reisen, wo islamistische Milizen weite Gebiete kontrollieren, will er im Mai 2025 über die Türkei und den Libanon nach Syrien, um sich dort der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ anzuschließen. Allerdings wird er bereits vier Tage nach seiner Ausreise im Libanon festgenommen. Von einem Militärgericht wird Ballout wegen „Anstiftung zu religiösen und konfessionellen Konflikten“ zu drei Monaten Haft verurteilt. Diese Zeit sitzt er im Libanon im Gefängnis ab, im November 2025 kommt Abdul zurück nach Deutschland. Am Flughafen BER wird er direkt festgenommen und kommt in Untersuchungshaft.

Lieben Sie gut recherchierte Geschichten, spannende Interviews und Reportagen?

Textchefin Birgitta Stauber sucht sie in ihrem Newsletter „Das Beste am Sonntag“ für Sie aus, eingebettet in ein persönliches Editorial. Kostenlos abonnieren können Sie den Newsletter hier.

Viele Berliner Behörden wussten nicht, dass Abdul Ballout als Gefährder geführt wurde

Seit Anfang des Jahres hatten die Sicherheitsbehörden Abdul Ballout als islamistischen Gefährder auf dem Radar – diese Information teilten sie aber offenbar nicht mit anderen Berliner Behörden. So will nach Recherchen der Berliner Morgenpost das Jugendamt Mitte, das für Abdul zuständig war, von dem Gefährderstatus nichts gewusst haben. Viele Mitarbeiter seien deshalb jetzt sehr verunsichert, hieß es. Auch die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie hatte offenbar keine Kenntnis darüber gehabt, dass Abdul als Gefährder geführt wurde.

Auch interessant

Noch am 21. Juli, vier Tage bevor er beim CSD mutmaßlich ein Auto in die Menge steuerte, Dutzende Menschen verletzte und eine Frau tötete, habe er in der Senatsverwaltung freiwillig die Jugendbewährungshilfe aufgesucht – eine Auflage dafür hatte er nicht, da das Urteil noch nicht rechtskräftig war. Bei der Bewährungshilfe habe er sich an diesem Dienstag jedenfalls ruhig und kooperativ gezeigt. Niemand habe ahnen können, was Abdul vorhatte – dass er ein Gefährder war, wusste man dort nicht, weil sensible Daten nicht automatisch geteilt werden.

Konfrontiert mit den Rechercheergebnissen der Berliner Morgenpost, sagte Bildungs- und Jugendsenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU): „Probleme sind offenbar rechtzeitig erkannt worden, konnten aber mangels Kooperation durch die Familie nicht gelöst werden. Wir müssen darüber sprechen, wo der Kinder- und Jugendschutz den elterlichen Willen ablöst und welche rechtlichen Änderungen dafür notwendig sind.“