Auf dem Podium in der Weimarer Sendehalle stand ein leerer Stuhl. Wer wollte, konnte sich an den kleinen Tisch neben mich setzten und erzählen. Von der Wende, von der Arbeit, vom eigenen Betrieb, von den Treuhanderfahrungen, von dem, was nach 1990 geschah – und davon, was bis heute geblieben ist oder seitdem fehlt.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Lange leer blieb dieser Stuhl nicht. Etwa 140 Menschen waren zur Vorstellung meines Buches „Der große Schock – wie Ostdeutsche die Treuhandpolitik erlebten“ gekommen. Eingeladen hatte das Thüringer Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung. Unter den Gästen saßen ergraute ehemalige Mitarbeiter der Weimarer Betriebe, die dritte Generation-Ost und erstaunlich viele Schüler aus Geschichtsleistungskursen in Weimar und Gotha.

Vom Wende-Erlebnis zur Gründerin für Lebensgeschichten

Dass ich auf diesem Podium saß, hat auch mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Ich bin gebürtige Jenenserin und Kind zweier Zeissianer. Die Wende erlebte ich als diplomierte Germanistin in Berlin. Arbeitslose Geisteswissenschaftler gab es damals wie Sand am Meer – aus liquidierten Verlagen, geschrumpften Redaktionen und neu besetzten Fakultäten. Um nicht selbst arbeitslos zu sein, wagte ich ein Experiment und gründete die Firma Rohnstock Biografien. Unser Angebot: im Auftrag von „kleinen Leuten“ deren Lebensgeschichte aufzuschreiben. Zum Aufschreiben gesellte sich in den Jahren zunehmend auch das Zuhören.

Katrin Rohnstock
Katrin Rohnstock, Tochter zweier „Zeissianer“, wurde 1960 in Burgau bei Jena geboren. Sie studierte Germanistik in Jena und Berlin und setzte sich mit dem Komplex des Autobiografischen auseinander.© Ina Schoenenburg | Ina Schoenenburg

Vor zehn Jahren begriff ich durch ein Erzählprojekt in der Lausitz, was vielen Ostdeutschen bis heute auf den Nägeln brennt: die Wende. Zahlreiche Erzählerzählsalons veranstalteten wir auch in Thüringen: in Eisenberg zum Möbelwerk, in Diedorf zur ESDA-Strumpffabrik, in Großbreitenbach zum Relaiswerk, in Bischofferode zum Kaliwerk und in Ilmenau zu Henneberger Porzellan.  Die dort erzählten Geschichten ehemaliger Mitarbeiter stellten wir in der Anthologie „Der große Schock“ zusammen. In meinem Vortrag erwähnte ich, dass der Schock der Wendezeit auch daher rührte, dass es in der DDR weder Obdachlosigkeit, noch Arbeitslosigkeit gab, 98 Prozent standen permanent in Lohn und Brot.

Eine gebürtige Tschechin schnellte auf den leeren Stuhl. Ihre Eltern fanden nach 1968 in unserem Nachbarland jahrelang keine Arbeit. Bald kam ein Justiziar, der in einem Thüringer Ministerium die vielen Entlassungen erlebt hatte. Frau Herbst, ehemalige Mitarbeiterin des Weimarwerks, berichtete von Entlassungen, wegbrechenden Absatzmärkten und Umstrukturierungen. Der Zusammenhalt der Beschäftigten zerbrach, Neid und Misstrauen zogen ein: Warum trifft es mich? Wer wird der Nächste sein? Diese Fragen hinterließen Bitterkeit.

Ostdeutsche erleben durch Treuhand wenig Wertschätzung

In der ausgegründeten Weimar Werk Baumaschinen GmbH gehörte sie anfangs zu einer Belegschaft von mehr als 500 Menschen. Schließlich blieben nur etwa 120 übrig. Sie übernahm Verantwortung im Vertrieb. Ihr Fazit fiel ernüchternd aus: Als DDR-Mensch habe sie wenig Wertschätzung erfahren.

Eine 1979 geborene Frau dankte für meinen Vortrag, denn über die Entwicklung der Treuhandanstalt hatte sie in der Schule nichts gelernt. Ein älterer Mann fragte nach den Mitsprachemöglichkeiten der Ostdeutschen beim Einigungsvertrag. Und ein Schüler der 12. Klasse fragte: Warum wählten die Menschen bei der ersten freien Volkskammerwahl mehrheitlich die Allianz für Deutschland? Sie hatten doch die Wahl.

Mich beeindruckte die Fülle der Fragen. Sie zeigte, wie präsent diese Geschichte bis heute ist, wie groß das Bedürfnis, diese Zeit zu beleuchten: ohne Scheuklappen, unkommentiert. Darum geht es in einem Erzählsalon: Erfahrungen dürfen einfach nebeneinanderstehen.

Für viele Menschen bedeutete die Wendezeit nicht lediglich der Übergang von einem Wirtschaftssystem in ein anderes. Sie erlebten den Verlust sozialer Sicherheiten, berufliche Degradierung und das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Arbeit hatte zudem mehr als Einkommen bedeutet. In vielen Betrieben waren über Jahrzehnte enge soziale Beziehungen gewachsen, die mit dem Zusammenbruch der Betriebe verschwanden.

Vertrauen in Politik und demokratische Institutionen fragil

Auch deshalb halte ich es für falsch, die DDR-Wirtschaft holzschnittartig auf eine marode Mangel- und Pleitewirtschaft zu reduzieren. Die Menschen, deren Geschichten wir gesammelt haben, kennen ihre Betriebe genau. Sie wissen, was dort produziert und exportiert wurde, was veraltet war. Sie wissen auch, was die Belegschaften leisten konnten.

Erfahrungen verschwinden nicht dadurch, dass sie für historisch erledigt erklärt werden. Wer verstehen möchte, warum Vertrauen in Politik und demokratische Institutionen fragil geworden ist, kommt an den Erfahrungen der 1990er Jahre nicht vorbei.

Und damit bin ich wieder bei dem leeren Stuhl. Er war in Weimar als sichtbare Einladung neu. Aber die Erfahrung dahinter ist es nicht. Seit Jahren erleben wir, dass Menschen zögern oder absagen, wenn wir sie bitten, öffentlich zu erzählen. Um nicht alte Konflikte aufleben zu lassen oder als „Jammerossis“ gebranntmarkt zu werden.  

Umso mehr zeugt es von Vertrauen, wenn Menschen diesen Platz einnehmen. Wir brauchen mehr solcher Plätze. Eine demokratische Gesellschaft braucht Räume, in denen Menschen ihre Stimme erheben können, auch wenn sie nicht in die herrschenden Erzählungen passen.

Der große Schock, Buchcover
Der große Schock – Ostdeutsche erzählen von den Folgen der Treuhand-Politik von Katrin Rohnstock (Hg.), BeBra Verlag, 240 Seiten, 59 Fotografien ISBN 978-3-89809-279-1, 2. Auflage, Print 22 Euro; Die Umbrüche der frühen 1990er Jahre hat Katrin Rohnstock in der Anthologie „Der große Schock – Ostdeutsche erzählen von den Folgen der Treuhand-Politik“ veröffentlicht.© BeBra Verlag Berlin