Es erfüllt mich mit Dankbarkeit und Respekt, dass Sie heute zu dieser Gedenkfeier gekommen sind, um gemeinsam an das sowjetische Speziallager zu erinnern.
28.494 Menschen waren hier von August 1945 bis zur Auflösung des Speziallagers 1950 interniert. 7.113 starben an Unterernährung und Krankheiten.
Wenn wir diese Zahlen nennen, müssen wir uns bewusst machen, dass hinter jeder einzelnen ein persönliches Schicksal und viele weitere Schicksale stehen: Von Familien, Ehepartnern, Kindern, Freunden: Auch ihre Leben wären andere gewesen, wäre das Speziallager nicht vor 81 Jahren eingerichtet worden. Ihre Leben wären vielleicht auch andere gewesen, wenn die Geschichte des Lagers nicht jahrzehntelang tabuisiert und verschwiegen worden wäre. In der DDR, aber auch in der Bundesrepublik tat man sich zunächst schwer, die Opfer der frühen Nachkriegszeit in das kollektive Gedächtnis einzubeziehen.
Als hätte es all diese Schicksale nicht gegeben. Keinen Abschluss zu finden, im Unklaren zu bleiben – ein weiterer harter Schlag für die Hinterbliebenen, die Angehörigen und auch die Überlebenden selbst.
Darum danke ich Ihnen, Frau Rühle von Lilienstern, dass Sie heute hier sind und Ihre Gedanken mit uns geteilt haben. Denn Erinnerung ohne Wissen ist nicht mehr als ein Schauspiel. Darum sind Gedenkfeiern wie diese so wichtig. Zeitzeugen und ihre Angehörigen bekommen eine Stimme. Sie erhalten den Raum, das Erlebte zu benennen.
Wir nehmen uns Zeit, uns das Unrecht, das Leid der Opfer zu vergegenwärtigen, hier an diesem historischen Ort. Und gemeinsam halten wir die Erinnerung wach, lassen das Geschehene nicht erneut im Vergessen verschwinden.
Meine Damen und Herren, Diktaturen sind menschenfeindlich und stehen gegen alle modernen, humanistischen Werte.
Und auch, wenn laut aktuellem Deutschland-Monitor rund 98 Prozent der Befragten die Idee der Demokratie befürworten, zunächst ein Ergebnis, das Hoffnung macht, so sind Teile der Bevölkerung gleichzeitig auch offen für autoritäre Ideen. So stößt etwa die Forderung nach einer Einheitspartei, einem starken Anführer ohne parlamentarische Zwänge und der Diktatur als Staatsform bundesweit bei etwa jedem Fünften auf Zustimmung.
Die Demokratie, in der wir heute in Deutschland leben, haben wir uns jahrzehntelang hart erarbeitet.
Ergebnisse wie beim Deutschland-Monitor zeigen zum einen: Wenn Demokratie gut gemacht ist, ist sie stabil, findet große Zustimmung. Gleichzeitig ist sie fragil, sobald sich äußere Umstände ändern, Unsicherheiten entstehen und Ungerechtigkeiten größer werden.
Darum braucht sie unseren Einsatz. Sowohl den der Bevölkerung, jedes einzelnen von uns, aber auch wir, als politische Vertreter, tragen die Verantwortung für unsere Demokratie.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Denn wir wissen, auch auf politischer Ebene steht sie massiv unter Beschuss. Aber sie ist alternativlos: Keine Stimme mehr zu haben, Angst um sein Leben haben müssen oder es gar zu verlieren, unterdrückt zu werden, ohne Prozesse inhaftiert zu werden – all das sind Szenarien, die wir nicht zulassen können.
Erst recht nicht, wenn wir uns jedes Jahr hier zusammenfinden, um zu gedenken.
Erst recht nicht, wenn wir die Geschichte kennen.

Erst recht nicht, wenn wir von den Schicksalen gehört haben, oder diese Schicksale uns gar selbst im familiären Umfeld betreffen.
Denn wir tragen nicht nur die Verantwortung für unsere Demokratie. Sondern auch für die Gesellschaft in der wir leben, für die Menschen um uns herum und für die Geschichten der Menschen, die wir vor uns waren.
Darum lassen Sie uns nie aufhören, die Werte zu verteidigen, die den Opfern, die hier inhaftiert waren, verwehrt waren: Rechtsstaatlichkeit, Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenwürde.
Sehr geehrte Damen und Herren,
lassen Sie uns nicht nur zurückblicken, sondern auch in die Zukunft. Lassen Sie uns wachsam bleiben gegenüber allen Versuchen, Menschen auszuschließen oder Rechte einzuschränken. Lassen Sie uns dafür eintreten, dass die Wahrheit nicht relativiert und das Leid der Opfer nicht vergessen wird.
Die Stadt Weimar steht fest an Ihrer Seite, wenn es darum geht, das Gedenken in all seiner Differenziertheit, aber eben auch in all seiner Notwendigkeit lebendig zu halten.
Im Angedenken an die Verstorbenen, im Respekt vor den Überlebenden und im Bewusstsein unserer Verantwortung für die kommenden Generationen.






