Es gibt viele Situationen, in denen das Macht-Ungleichgewicht sichtbar wird. Schon bei einfachen Personenkontrollen lässt sich beobachten: Zwei oder drei Polizisten, ausgerüstet mit Schutzausrüstung, Pfefferspray, Waffe, einer Körperkamera, auf der einen Seite – auf der anderen Seite eine Person ohne Schutzausrüstung, ohne Waffen, ohne Körperkamera. Die Polizisten haben die Kontrolle, bestimmen, was getan wird. Dafür werden Polizisten ausgebildet.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Wenn Polizisten wie Torsten Laufer bei Einsätzen dabei sind, ist die Machtverteilung in aller Regel nicht so. Für die Arbeit in Laufers Gruppe ist entscheidend, dass die Beamten das verstehen, sonst schaffen sie es erst gar nicht in diese Einheit. „Wir schauen, ob die Bewerber den Perspektivwechsel schaffen, der für die Einsatzlagen ganz wichtig ist, in die wir gehen“, sagt Laufer. „Polizisten sind es in ihrem Alltag gewohnt, dass sie am Drücker sind. In den Einsatzlagen, in die wir gehen, ist aber der Täter erst mal am Drücker.“ Eine zentrale Handlungsmaxime lautet deshalb: „Wir müssen da erst mal Tempo rausnehmen.“
Spezialeinheit vermittelt in gefährlichen Ausnahmesituationen
Laufer ist der Leiter der Verhandlungsgruppe des Thüringer Landeskriminalamtes (LKA), einer kleinen Gruppe von Polizisten, die sich nach Angaben der LKA-Sprecherin Sandra Frankenhäuser als „eine Serviceeinheit für die Kollegen“ versteht. Sie kommen zum Einsatz, wenn Lagen besonders herausfordernd werden. „Das sind Menschen, die einen Schritt extra gehen wollen“, sagt Frankenhäuser.
Zu den Einsätzen, zu denen diese Polizisten hinzugezogen werden, gehören so ziemlich alle Szenarien, in denen Polizisten mit einem Täter reden wollen, ehe sie vielleicht zu härteren Mitteln greifen müssen. Solche Mittel können bis hin zum möglicherweise tödlichen Einsatz von Schusswaffen reichen.
Es können Geiselnahmen sein. Oder wenn jemand damit droht, den Gashahn in seinem Haus aufzudrehen, um alles um ihn herum in die Luft zu jagen. „Das kann der demente Opa sein, der sich über die Nachbarskinder ärgert und mit dem Luftgewehr schießt“, sagt Laufer.
Verhandler begegnen Angst, Frust, Wut und Liebeskummer
Die Rede ist auch von Lagen, in denen das „polizeiliche Gegenüber“ kein Täter ist, sondern jemand, der sich selbst das Leben nehmen will. Immer geht es in den Einsätzen der Verhandlungsgruppe um Leben und Tod. „Jeder, mit dem wir zu tun haben, befindet sich in einer psychischen Ausnahmesituation“, sagt Laufer. „Wir arbeiten in Situationen, in denen es mit rationalen Erwägungen vorbei ist.“ Die zentralen Gefühlslagen, die den Verhandlern immer und immer wieder begegnen, sind Angst, Frust, Liebeskummer. „Am Ende arbeiten wir immer mit den gleichen menschlichen Grundemotionen.“
Dass es solch eine Verhandlungsgruppe seit Mitte 1994 auch bei der Thüringer Polizei gibt, ist das Ergebnis eines polizeilichen Lernprozesses aus der Zeit des RAF-Terrors in Westdeutschland: Damals erkannten die Polizeibehörden, dass für Gespräche mit hochideologisierten Gewalttätern speziell geschulte Verhandler notwendig waren.

Wie viele Einsätze die Thüringer Verhandlungsgruppe seit ihrer Gründung absolviert hat, lässt sich heute nicht mehr genau nachvollziehen; die Zahl dürfte im mittleren bis höheren dreistelligen Bereich liegen. Auffällig ist, dass es seit 2025 einen sprunghaften Anstieg gibt: Wurde die Gruppe zuvor zu etwa 20 Einsätzen pro Jahr gerufen, waren es im vergangenen Jahr ungefähr doppelt so viele – eine Tendenz, die sich auch im laufenden Jahr zeigt.
Laufer gehört seit 2002 zur Verhandlungsgruppe. Neben zwei hauptamtlichen Verhandlern gehören vor allem mehrere Beamte zu dieser Gruppe, die ihren Dienst dort im Nebenamt versehen. Wie viele das sind, dazu macht das LKA keine genauen Angaben, Frankenhäuser spricht von einer „niedrigen zweistelligen Zahl“.
Agiert wird stets mit Spezialkräften in einem Pulk
Die Einsätze dieser Beamten sind nicht nur physisch und psychisch besonders anspruchsvoll, sie werden auch stets im Team gelöst, weshalb Verhandler vor allem Teamplayer sind – ganz anders als die Verhandler in ungezählten Krimis, die oft vor allen anderen Polizisten stehen und dem Täter ganz alleine gegenübertreten, um ihn zur Aufgabe zu überreden.
Laufer sagt, wenn er zu Verhandlungen mit Gewalttätern komme, stehe er niemals alleine, sondern immer mit anderen Spezialkräften in einem Pulk. „Man ist da voll fokussiert, auf das, was man da tut. Und da muss man auch angespannt sein, klar. Aber man sollte sich nicht unwohl fühlen oder Angst haben, sonst wäre man falsch in der Verhandlungsgruppe.“

Dazu kommt, dass die Verhandler beim Kommunizieren mit Tätern nicht alleine sind: Während einer vorn redet, sind andere Beamte im Hintergrund aktiv und beschaffen Informationen über das „polizeiliche Gegenüber“, sagt Frankenhäuser. „Wer glaubt, Dinge im Alleingang lösen zu können oder zu müssen, wäre eher ein Risiko für die Verhandlungsgruppe.“
Entsprechend aufwendig ist das Auswahlverfahren für all jene, die sich als Mitglieder der Verhandlungsgruppe bewerben. Mehrere Tage dauert es, immer wieder werden in Rollenspielen reale Einsatzsituationen unter künstlich erzeugtem Stress simuliert. Wer durch dieses Auswahlverfahren kommt, absolviert einen mehrwöchigen Lehrgang und macht dann ein Probejahr als Verhandler des LKA.
Bei psychischer Belastung helfen sich die Kollegen
Die psychischen Belastungen sind enorm. „Ich habe das auch schon selbst erlebt“, sagt Laufer. „Vor mir ist schon mal jemand gesprungen, da war ich erst mal raus. Nach zehn Stunden ging es dann wieder.“ Wichtig sei deshalb, schnell mit den Kollegen über das Erlebte zu sprechen. „Häufig bekommt man in der Art der Kommunikation schon mit, wie es den Kollegen geht.“ Wenn ein Einsatz enorm belastend gewesen sei, „beginnt die Aufarbeitung schon unmittelbar nach dem Einsatz, psychosoziale Unterstützung nennen wir das“.
Trotz all dem erscheint die Arbeit in der Verhandlungsgruppe so vielen Polizisten sinnstiftend, dass es dem LKA immer gelungen ist, die Posten in dieser Einheit zu besetzen. Über einen mangelnden Bewerberpool kann sich Laufer nicht beklagen. Bald findet wieder ein Auswahlverfahren statt – das letzte liegt vier Jahre zurück.




