Liebe Leserin, lieber Leser,
es sind zwei Bilder, von denen man nicht weiß, welches mehr schockiert. Ist es das Foto vom ausgebrannten Linienbus, in dem so viele Ukrainerinnen und Ukrainer nach einem russischen Angriff starben? Oder ist es das Foto von Altkanzler Gerhard Schröder, wie er nur einen Tag zuvor in Moskau herzlich seinem alten Freund Wladimir Putin zum Geburtstag gratuliert?

Gerhard Schröder dürfte als Privatmann dem Teufel persönlich gratulieren und es müsste uns egal sein. Aber Gerhard Schröder ist ehemaliger Bundeskanzler Deutschlands und wird bei Staatsakten wie jüngst zum Tag der Deutschen Einheit vom Protokoll in der ersten Reihe platziert. Er genießt ein üppiges Ruhegehalt bis an sein Lebensende und wird auf Schritt und Tritt von bewaffneten Bodyguards des Bundeskriminalamts beschützt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Damit ist Gerhard Schröder noch immer ein Repräsentant Deutschlands und daher ist die öffentliche Verbrüderung mit Wladimir Putin so abstoßend und empört viele Menschen – auch Sozialdemokraten – zu Recht.

Ich kenne Gerhard Schröder aus zahlreichen Begegnungen und habe einiges mit ihm erlebt. Von langen, offenen Gesprächen im Zigarrennebel bis zum gezielten Interviewboykott inklusive Mitflugverbot im Regierungsflieger. Von Versöhnungstreffen, bei denen schon mittags reichlich Alkohol floss, bis hin zu Fotosessions, bei denen der Altkanzler mit seinem Wolfsgrinsen lässig vor den härtesten Anti-Schröder-Schlagzeilen posierte. Aber moralisch derart „lost“ wie jetzt habe ich ihn nie erlebt.
Diese verstörende Szene vom Putin-Geburtstag werde ich als Staatsbürger Schröder nur noch aus einem einzigen Grund verzeihen: wenn er es tatsächlich schafft, seinen „Freund“ Putin zum Frieden zu bewegen. Schafft er es nicht, wird er als Lakai eines Kriegsverbrechers in die Geschichte eingehen.
Hinrichtung als TV-Spektakel

Von Wladimir Putin zu Donald Trump, dessen neueste Idee verstört. Der US-Präsident will den verurteilten Militärpsychiater Nidal Malik Hasan wegen seiner Morde an 13 Soldaten nicht – wie üblich – per Giftspritze hinrichten lassen, sondern hat per Dekret die Erschießung durch ein soldatisches Füsilierkommando genehmigt.
In diesem Fall nehmen acht Soldaten mit Gewehren Aufstellung, aber drei Gewehre sind mit Platzpatronen munitioniert, damit nicht nachvollziehbar ist, wer den tödlichen Schuss auf den gefesselten Delinquenten abgegeben hat. Ist die erste Salve nicht tödlich, muss der leitende Unteroffizier dem Verletzten mit einer Pistole aus 30 Zentimetern Entfernung über dem rechten Ohr in den Kopf schießen. So sehen es die grausamen Richtlinien des US-Militärs vor.
Die Erschießung soll live gestreamt werden und das Video wird – egal, welche Kindersicherungen eventuell eingebaut werden – im Netz landen und wohl eines der meistgesehenen in der Geschichte des Internets werden. Auch viele Jugendliche und Kinder in Deutschland werden es sehen und auch aus diesem Grund darf uns diese Trumpsche Barbarei nicht egal sein. Wer Töten zur Show macht, pervertiert das Recht. Mein Kollege Dirk Hautkapp in Washington hat für Sie die ganze Story.
Immer mehr Pleiten

Im Bundeswirtschaftsministerium machte heute eine düstere Zahl des Statistischen Bundesamtes die Runde: 2373 Firmenpleiten registrierten die Amtsgerichte allein im Juli. Das ist eine Steigerung um acht Prozent gegenüber dem Vorjahr und bedeutet, dass im Juli alle 19 Minuten eine Firma wirtschaftlich kollabierte. Besonders betroffen waren die Logistik- und Transportunternehmen, was zusätzlich beunruhigt. Denn wenn weniger transportiert wird, wird auch weniger produziert und verkauft.
Schon wieder – Krisengipfel!

Auch mit Blick auf die Wirtschaft wollen diesen Sonntag Führungspersönlichkeiten aus der CDU bei einem Krisengipfel der Partei im Konrad-Adenauer-Haus von Friedrich Merz Kursänderungen verlangen und das Wahldebakel von Sachsen-Anhalt aufarbeiten. Mit dabei sind natürlich die CDU-Ministerpräsidenten, unter denen es gewaltig brodelt.
Besonders Gordon Schnieder aus Rheinland-Pfalz hat wegen der chaotischen Entlassung seines Bruders aus dem Bundesverkehrsministerium mit Merz noch eine Rechnung offen. Boris Rhein aus Hessen wiederum will die Zuckersteuer am liebsten ganz weg haben und könnte dem Kanzler damit im Verhältnis zum Koalitionspartner SPD Probleme machen.
Zum festlichen Abendessen wird Altbundespräsident Joachim Gauck erwartet, der schon durchblicken ließ, dass ihm der Begriff Brandmauer gar nicht gefällt, und ich erinnere mich an seine Analyse aus dem Sommer, die er im Gespräch mit dem geschätzten Welt-Kollegen Helge Fuhst formulierte: „Meiner Meinung nach ist es ein schwerer Fehler, jeden AfD-Wähler pauschal zum Faschisten zu erklären. Das ist Unfug. Das eigentliche Hauptproblem ist ein psychologisches Bedürfnis nach Entlastung“.
Gauck weiter: „Viele Menschen wollen in dieser komplexen Welt kein aktives demokratisches Subjekt mehr sein. Sie sehnen sich nach einer Gefolgschaft, einer Führerpersönlichkeit. Das entlastet von der eigenen Verantwortung“.
Joachim Gauck weiß, wovon er spricht. Der Theologe ist seit der Wiedervereinigung vor 36 Jahren der einzige Bundespräsident aus dem Osten. Die sechs anderen waren alle „Wessis“.
Schon nächsten Montag will Friedrich Merz die Bürgerinnen und Bürger über den weiteren Kurs der Partei informieren, wir dürfen also gespannt sein.

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Zusammenstoß im Kanzleramt
Eine Begegnung der dritten Art hatte Ende September Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) mit Friedrich Merz im Kanzleramt. Wie „Spiegel“-Kollegen herausfanden, soll Merz Schwesig nicht gratuliert, sondern sie vor Zeugen angeblafft haben. Sie habe mit ihrem Wahlkampf „die politische Mitte zerstört“. Zur Erinnerung: Die CDU war aus dem Schweriner Parlament geflogen, Schwesigs SPD holte 35,5 Prozent.
Die Ministerpräsidentin drehte sich empört auf den Hacken um, das Wort „unverschämt“ soll gefallen sein. Im Übrigen – so Schwesig – möge sich der Kanzler bei weiterem Gesprächsbedarf doch einen Termin bei ihr holen. Die SPD-Politikerin legte später nach: „Das lasse ich mir nicht bieten, weder als Ministerpräsidentin noch als Frau.“ Sollte Schwesig irgendwann neue SPD-Chefin werden, muss sich der Kanzler wohl warm anziehen. Dann wird aus dem Koalitionsausschuss eher ein K.O.-Ausschuss.
AfD-Promis im Elektro-Dienstwagen?
Ein Markenzeichen der Hauptstadt sind die dicken schwarzen Mercedes-, BMW- oder Audi-Limousinen der Spitzenpolitik, die oft gepanzert und gefolgt von einem Begleitfahrzeug Stoßstange an Stoßstange – aus taktischen Gründen immer leicht versetzt – durch den Verkehr rauschen. Wer sich mit seinem Auto dazwischen zwängt, riskiert Ärger mit dem Personenschutz.
In Sachsen-Anhalts Hauptstadt Magdeburg kann es gut sein, dass der frisch gewählte AfD-Landtagspräsident nicht in den beliebten 7er-BMW einsteigen darf, wie ihn auch Ministerpräsident Sven Schulze gerne fährt. Der bayerische Autohersteller hat das personalisierte Leasingangebot an Tobias Rausch zurückgezogen.
Da BMW dazu nichts öffentlich sagen will, habe ich mich durch die Compliance-Richtlinien der Münchner gewühlt. Auf Seite 11 des „Code of Conduct“ heißt es: „Nicht nur zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, sondern auch im eigenen Interesse vergewissern wir uns der Identität und Seriosität unserer Kunden. Dies gilt für alle relevanten Geschäftsbereiche der BMW Group. Transaktionen mit Personen, Unternehmen oder Organisationen, die auf Sanktionslisten aufgeführt sind, sind untersagt.“
Offensichtlich rangiert bei BMW der neue Magdeburger Landtagspräsident als Kunde auf dem Level von Al-Kaida und den Huthi.
Beatrix von Storch aus dem AfD-Vorstand hat schon mal via X bei AfD-Freund Elon Musk angefragt, ob er bereit wäre, „ihm einen Dienstwagen bereitzustellen?“ Vielleicht wird dank Tesla das „Märchen der Elektromobilität“ – so steht es auf der AfD-Website – zumindest in einer AfD-Landesregierung wahr.
Wenn die Scham die Seite wechselt

Als Chefredakteur bin ich in der Hauptstadt auf sehr vielen Veranstaltungen eingeladen, auf denen meist männliche Anzugträger wichtige Dinge sagen, die man schon hundertmal gehört hat. Das war gestern Abend im Kino International an der Karl-Marx-Allee ganz anders.
Deutschlands führendes Frauenmagazin BRIGITTE unter meiner wunderbaren FUNKE-Kollegin Susanna Riethmüller zeichnete sieben Frauen mit dem BRIGITTE AWARD für Zivilcourage und besonderes Engagement aus. Den Ehrenpreis aus der Hand von Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) erhielt die Französin Gisèle Pelicot, die vom Ehemann betäubt, von 51 Männern vergewaltigt und im Internet zur Schau gestellt wurde.
Ihr mutiger öffentlicher Prozess gegen den eigenen Mann und seine widerlichen Kunden macht sie zu einer Ikone des Feminismus und ihr Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ war für mich der Satz des Abends. Ihr großes Interview mit Ariane Heimbach finden Sie hier.
Julia Becker, Verlegerin und Aufsichtsratsvorsitzende der FUNKE Mediengruppe, brachte es in ihrer Begrüßung auf den Punkt: „Es sind die viel mehr weiblichen Perspektiven, die es in diesen Tagen in unserer Gesellschaft und im Journalismus braucht“. Alle starken Frauen der BRIGITTE finden Sie im Bericht meiner starken Kolleginnen Alina Juravel und Natalja Fischer.
Ich wünsche Ihnen ein wunderbares Wochenende und freue mich sehr über eine Weiterempfehlung dieses Newsletters,
herzlich, Ihr
Jörg Quoos
Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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