Sorgen, Ängste, Herausforderungen: Wer heute 17, 18, 19 Jahre jung ist, plagt sich mit den Zukunftsaussichten. Das war schon im Frühjahr deutlich geworden, als diese Zeitung zum Tag des Lokaljournalismus vom Erfurter Meinungsforschungsinstitut Insa erfragen ließ, was die Thüringerinnen und Thüringer bewegt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Damals hatte sich Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) bei der Präsentation in der Weimarer Sendehalle gewundert, dass unter Jugendlichen so viele Vorbehalte kursieren, wenn es um die Gestaltung der Zeit nach der Schule geht. Nun traf er in der Sendehalle auf Einladung von TLZ-Chefredakteurin Gerlinde Sommer und Sendehalle-Hausherrn Martin Kranz drei Dutzend junge Leute, die sich mit Lehrer Toralf Schenk intensiv auf das vertrauliche Gespräch vorbereitet hatten. Deshalb wird in diesem Bericht auch nicht von einzelnen Wortmeldungen die Rede sein, sondern davon, was generell im Mittelpunkt des Abends stand. Gedacht ist daran, solche Austauschformate auch mit anderen Alters- und Gesellschaftsgruppen fortzusetzen.

Sorgen wegen Jobchancen und Lebenshaltungskosten

Los ging es schon zwei Stunden vor der Gesprächsrunde mit einer Führung von Martin Kranz durch das Haus und die spannende Geschichte. Mit dabei war auch Elke Deparade, die sich bei der Vorbereitung des Abends privat eingebracht hatte. Sie arbeitet beim Thillm, das für Lehrerfortbildung und Lehrplangestaltung zuständig ist. An sie noch vor Beginn des Rundgangs ein erster Wunsch gerichtet: Weniger sei mehr, meinte ein Schüler mit Blick auf überfrachtete Lehrpläne. Die Schülerinnen und Schüler der IGS Grete Unrein und des Adolf-Reichwein-Gymnasiums sind bereits in der Schlussphase ihrer Schulzeit und machen bald Abitur. Und sie haben in den Jahren auf diesem Weg erfahren, wie groß die Anforderungen sind.

Vielleicht ist auch darin ein Teil jener Sorgen begründet, die an diesem Abend eine große Rolle spielten. Es sind Fragen wie diese, die aufhorchen lassen: Gibt es in Thüringen überhaupt eine berufliche Zukunft? Ist es nicht besser, gleich anderswo hinzugehen für das Studium oder die Berufsausbildung? Einer fragt: Was wird alles auf uns lasten, wenn der Fachkräftemangel weiter wächst? Und zielt damit auch darauf, dass womöglich die wenigen Fachkräfte in wenigen Jahren gar keine Zeit mehr haben werden, Berufsanfänger oder auch Helfer, die sich sozial engagieren, richtig anzuleiten. Und auch die Gegenwart sehen nicht wenige aus der Runde düster. Wer auf dem Land wohne und schon als Schüler auf ein Fahrzeug angewiesen sei, der wisse, dass der Sprit viel zu teuer sei. Und dass die Regulierung zum 1. Oktober eigentlich nichts bis ganz wenig gebracht habe, hieß es. Dass die Preise für die Fahrerlaubnis happig sind, wird erwähnt. Kann ich mir überhaupt eine Wohnung leisten? Das fragen sich gleich mehrere der jungen Menschen aus der Runde. Zu Hause ausziehen: Das scheint vor allem auch eine Finanzfrage zu sein. Zumal sich die Wartezeiten beim Bafög zwar etwas verringert haben, aber immer noch enorm lang sind.

Familiengründung, Rente und Wehrdienst sind Themen

Es sind Fragen wie jene von einer jungen Frau aus der Runde, die beklommen machen: Ob sie sich später überhaupt eine Familiengründung werde leisten können, daran zweifele sie. Die Rede war von Doppelbelastung durch Beruf und Familie – und das gerade bei Frauen. Auch das Thema Rente und Pflege spielte mit Blick auf Groß- und Urgroßeltern eine Rolle. Voigt verwies auf die Erprobung des Landhauskonzeptes, um sowohl preislich als auch mit Blick auf die Wohnortnähe im Rahmen zu bleiben. Mit Blick auf die Rente sagte Voigt den jungen Menschen, dass er in dieser Diskussion für die Perspektive auf Ostbiografien kämpfe.

Es wurde also sehr persönlich, nachdem Moderator Toralf Schenk zunächst mit einem Themenkreis begonnen hatte, der sich mit Krieg und Frieden, Bundeswehr und Dienst an der Gesellschaft umreißen lässt. Dass fast keiner zur Bundeswehr will, hat Mario Voigt wahrscheinlich schon ahnen können angesichts jüngerer Zahlen. Er setze sich, sagte Voigt, für ein Deutschlandjahr ein, das junge Männer und Frauen gleichermaßen leisten sollen. Und er sagte auch, dass er seinerzeit Zivildienst geleistet habe. Dass der Krieg Russlands gegen die Ukraine nun schon länger dauere als einst der 1. Weltkrieg, das ist für Voigt ein Schmerz. Es gelte, an der Seite der Ukraine zu stehen. Voigt machte dabei auch deutlich, dass sich Deutschland verteidigen können müsse, sonst drohe uns, überrannt zu werden.

Voigt sagte zwar einerseits, dass es ihm an vielen Stellen genauso gehe wie den Heranwachsenden, weil sich geopolitisch so vieles ändere. Die technologische Beschleunigung habe ein Wahnsinnstempo angenommen. Die Nähe der Kriege, die Anzahl der Anschläge: Dass all das Angst machen könne, finde er nicht schlimm. Aber: Voigt war es auch wichtig, all die Chancen hervorzuheben, die es vor allem auch in Thüringen gebe. Jenas Studien- und Forschungslandschaft breitete er in vielen Facetten aus. Er würdigte die moderne Joblandschaft, aber auch die schnellen Verbindungen angesichts der Lage in der Mitte Deutschlands und Europas. Der Ministerpräsident forderte die jungen Menschen dazu auf, die Chancen zu sehen, die sich ihnen bieten: Habt keine Angst vor den Möglichkeiten, die ihr gerade hierzulande habt.

Schüler loben Voigts Nahbarkeit, kritisieren fehlende Lösungen

Und wie kam das Gesprächsformat bei den Schülerinnen und Schülern an? Lehrer Toralf Schenk hat mit ihnen in den Tagen danach dies erörtert. Grundsätzlich sei die Wahrnehmung von Mario Voigt als Ministerpräsident äußerst positiv gewesen. Die Schüler hätten ihn als sehr volksnah, sehr zugänglich und freundlich wahrgenommen. Damit entsprach er nicht dem, was sie sich unter einem richtigen Politiker vorgestellt hatten. Stimmung und Atmosphäre beim Gespräch seien sehr gut gewesen. In Bezug auf ihre Fragen fanden sie gut, dass er sehr aufmerksam zugehört habe, sie mit Namen angesprochen und auf ihre Beiträge eingegangen sei. Vermisst hätten sie aber zum Teil klare Antworten, etwa wenn es um den öffentlichen Nahverkehr ging. Er habe immer wieder Verständnis gezeigt, aber Lösungen vermissen lassen. Sie verstünden zwar seine Werbung für Thüringen. Das sei Aufgabe eines Ministerpräsidenten. Aber offenbar ist Voigt mit seiner Behauptung, dass es im Grunde nirgends bessere Chancen als hierzulande geben, nicht vollumfänglich durchgedrungen. Interessant ist, dass die Jugendlichen Zweifel daran haben, dass mit dem Gespräch etwas bewegt werden könne.

Der Ministerpräsident hatte zum Schluss des intensiven 100-minütigen Gesprächs gesagt, er habe sich viel notiert und werde seinen Ministerinnen und Ministern aus dem Gespräch ein paar Anregungen weiterleiten.

Toralf Schenk, der den Abend vorbereitet und moderiert hatte, stellt fest: So ein Treffen hat auf jeden Fall einen Mehrwert, auch mit Blick auf das Verständnis von Jugendlichen von Politikern und Mandatsträgern.

Nach diesem gelungenen Auftakt sind Sendehalle und TLZ gerne bereit, mit weiteren Schulen in dieser Hinsicht zusammenzuarbeiten und Politikerinnen und Politiker zum Gespräch einzuladen. Es ist an der Zeit, mehr Tacheles zu reden.

Lasst uns Tacheles reden – Mario Voigt in der Sendehalle Weimar
Gruppenfoto mit Ministerpräsident: Nach dem Gespräch in der Sendehalle war kurz Zeit für einige Bilder. Danach musste der MP um 21 Uhr noch in eine Schalte.© Funke Medien Thüringen | Dirk Petermann
Lasst uns Tacheles reden – Mario Voigt in der Sendehalle Weimar
Lehrer Toralf Schenk (rechts) aus Jena hatte die Tacheles-Runde mit den Schülerinnen und Schülern vorbereitet. Sie hatten viele Fragen und einige Forderungen mitgebracht in das Gespräch mit Ministerpräsident Mario Voigt (CDU).© Funke Medien Thüringen | Dirk Petermann
Lasst uns Tacheles reden – Mario Voigt in der Sendehalle Weimar
Elke Deparade, die beim Thillm arbeitet, hatte in ihrer Freizeit TLZ-Chefredakteurin Gerlinde Sommer bei der Vorbereitung des Gesprächsformats geholfen. Lehrer Kilian Gebhardt schloss sich an.© Funke Medien Thüringen | Dirk Petermann
Lasst uns Tacheles reden – Mario Voigt in der Sendehalle Weimar
Begrüßung in der Sendehalle durch Martin Kranz und Gerlinde Sommer: Das Gespräch mit Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) wurde von Lehrer Toralf Schenk moderiert.© Funke Medien Thüringen | Dirk Petermann
Lasst uns Tacheles reden – Mario Voigt in der Sendehalle Weimar
Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) stellte sich in der Weimarer Sendehalle den Fragen von Schülerinnen und Schülern aus Jena. Moderiert wurde die Gesprächsrunde „Lasst uns Tacheles reden!“ von Lehrer Toralf Schenk.© Funke Medien Thüringen | Dirk Petermann
Lasst uns Tacheles reden – Mario Voigt in der Sendehalle Weimar
Ein Blick ins Neue Forum: Hausherr Martin Kranz hatte die Schülerinnen und Schüler zunächst durch das denkmalgeschützte Gebäude geführt und von dessen bewegter Geschichte erzählt. Dabei durften sie auch das Neue Forum kennenlernen, das an die Hörfunkzeit des Hauses erinnert und für kleinere Runden genutzt werden kann.© Funke Medien Thüringen | Dirk Petermann