In Frankreich, Italien und anderen Ländern gehen derzeit viele junge Menschen auf die Straße. Die Auslöser sind unterschiedlich, doch viele Protestierende eint die Sorge um ihre Zukunft: Hohe Mieten und Lebensunterhaltungskosten sowie schlechte Bildungschancen sorgen für schwindendes Vertrauen in die Politik. Die Demonstrationen entwickeln sich mancherorts zu heftigen Protesten, die teilweise von gewaltsamen Ausschreitungen und Zerstörungen begleitet werden.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Auch in Deutschland wachsen Studien zufolge die Zukunftssorgen der jungen Generation. Bezahlbarer Wohnraum wird vielerorts zur Mangelware, wirtschaftliche Unsicherheit nimmt zu. Doch während Proteste in anderen Ländern teilweise eskalieren, bleibt es hierzulande vergleichsweise ruhig. Bedeutet das, dass die deutsche Jugend zufriedener ist? Oder könnte sich die aufgestaute Unzufriedenheit auch hier entladen?

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Proteste in Frankreich, Italien und Co.: Warum die Wut einer Generation wächst

Der renommierte Jugendforscher Klaus Hurrelmann warnt im Interview mit unserer Redaktion davor, die Ruhe auf Deutschlands Straßen mit politischer Zufriedenheit zu verwechseln. Er erklärt, warum eine neue Protestwelle auch Deutschland erfassen könnte, welche Rolle soziale Medien und ausländische Einflussnahme spielen – und weshalb die etablierten Parteien Gefahr laufen, eine ganze Generation zu verlieren.

Ein Demonstrant mit französischer Flagge geht in Marseille an einem Feuer vorbei.
Ein Demonstrant mit französischer Flagge geht in Marseille an einem Feuer vorbei.© AFP | Thibaud MORITZ

In Frankreich, Italien, Albanien und Argentinien gehen derzeit junge Menschen auf die Straße. Erleben wir gerade eine internationale Revolte der jungen Generation – und was verbindet diese Protestbewegungen trotz ihrer unterschiedlichen Auslöser?

Klaus Hurrelmann: Die konkreten Auslöser sind von Land zu Land unterschiedlich. In Frankreich spielen offenbar auch die schwierigen Bedingungen im Bildungssystem eine wichtige Rolle. In anderen Ländern stehen wirtschaftliche Probleme, politische Entscheidungen oder die Unzufriedenheit mit den Regierenden im Vordergrund. Trotzdem erkenne ich einen gemeinsamen Hintergrund: eine tiefe Enttäuschung der jungen Generation über ihre gesellschaftliche Stellung und ihre Zukunftsperspektiven. In manchen Ländern hat sich diese Enttäuschung bereits in regelrechte Wut verwandelt.

Viele junge Menschen haben das Gefühl, dass die Politik ihre Interessen nicht ernst nimmt. Sie erleben, dass ihre Bildungs- und Berufschancen unsicherer werden, während die Kosten für ein selbstständiges Leben steigen. Gleichzeitig sehen sie kaum Möglichkeiten, politische Entscheidungen wirksam zu beeinflussen.

In Deutschland sind die Bedingungen an vielen Schulen ebenfalls problematisch. Wir haben also vergleichbare Ausgangsbedingungen. Allerdings gibt es hier mit dem Startchancenprogramm und anderen bildungspolitischen Initiativen zumindest erkennbare Bemühungen, die Situation zu verbessern. Das kann Spannungen abmildern. Aber die internationale Protestwelle zeigt, wie schnell aus einer schleichenden Enttäuschung eine offene Revolte werden kann.

Klaus Hurrelmann zählt zu den bekanntesten Jugendforschern Deutschlands. Der Sozialwissenschaftler beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Lebenssituation und den Zukunftsperspektiven junger Menschen.
Klaus Hurrelmann zählt zu den bekanntesten Jugendforschern Deutschlands. Der Sozialwissenschaftler beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Lebenssituation und den Zukunftsperspektiven junger Menschen.© epd | Juergen Blume

Hat die junge Generation das Gefühl, dass ihr das Versprechen auf ein besseres Leben nicht mehr eingelöst wird? Erleben wir einen neuen Generationenkonflikt?

Genau dieser Eindruck breitet sich seit einigen Jahren immer stärker aus. Das traditionelle Versprechen unserer Gesellschaft lautete: Wenn du dich anstrengst, eine gute Ausbildung absolvierst und dich beruflich engagierst, wirst du es einmal mindestens so gut haben wie deine Eltern. Viele junge Menschen zweifeln inzwischen daran, dass dieses Versprechen noch gilt.

Besonders deutlich wird das beim Wohnen. Selbst gut ausgebildete junge Menschen können sich in vielen Städten kaum noch eine eigene Wohnung leisten. Der Aufbau eines Vermögens erscheint ihnen nahezu unerreichbar. Gleichzeitig müssen sie damit rechnen, künftig einen wachsenden Anteil der Kosten für die sozialen Sicherungssysteme zu tragen.

Ich würde allerdings nicht von einem umfassenden Generationenkonflikt sprechen. Die Wertvorstellungen der Generationen unterscheiden sich weniger, als häufig angenommen wird. Aber wir erleben eine zunehmende strukturelle Ungerechtigkeit zwischen den Generationen. Die jüngeren Jahrgänge haben das Gefühl, dass ihnen die älteren Generationen immer weniger Entwicklungsmöglichkeiten hinterlassen.

In Deutschland hat sich diese Unzufriedenheit bisher noch nicht in einer großen Protestbewegung entladen. Aber der Pessimismus wächst schleichend. Und manchmal genügt ein einzelner politischer Anlass, damit aus einer lange aufgestauten Enttäuschung eine breite Protestbewegung entsteht. Der Funke könnte durchaus auch auf Deutschland überspringen.

Nach dem Protesttag in Frankreich
Eine Frau geht mit ihrem Hund an einem geplünderten Geschäft vorbei einen Tag nach einer Demonstration gegen steigende Lebenshaltungskosten.© Emma Da Silva/AP/dpa | EMMA DA SILVA

„Für die Bundesregierung und die Landesregierungen ist das eine gefährliche Entwicklung“

Wenn sich junge Menschen zunehmend um ihre Zukunft sorgen und das Vertrauen verlieren, dass es ihnen einmal besser gehen wird: Was bedeutet das langfristig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Droht eine neue Spaltung zwischen den Generationen – und welche politischen Folgen könnte das haben?

Der wachsende Zukunftspessimismus ist ein ernstes Warnsignal für unsere Demokratie. Eine Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass ihre jüngeren Mitglieder Vertrauen in ihre Zukunft entwickeln. Wenn dieses Vertrauen verloren geht, leidet nicht nur die persönliche Lebenszufriedenheit, sondern auch die Bereitschaft, sich für das Gemeinwesen zu engagieren.

Hinzu kommt ein demografisches Problem. Die junge Generation ist zahlenmäßig eine Minderheit. Die unter 30-Jährigen spüren zunehmend, dass die politischen Entscheidungen von den zahlenmäßig stärkeren älteren Jahrgängen geprägt werden. Viele haben den Eindruck, dass ihre Interessen bei der Verteilung öffentlicher Mittel und bei langfristigen Reformen zu kurz kommen.

Für die Bundesregierung und die Landesregierungen ist das eine gefährliche Entwicklung. Denn die jungen Menschen wenden sich nicht unbedingt von der Politik ab. Sie suchen vielmehr nach Parteien und Bewegungen, die ihre Sorgen glaubwürdig aufgreifen. Das zeigt beispielsweise die Resonanz, die die Linke mit ihren wohnungs- und sozialpolitischen Themen bei jungen Menschen in Berlin findet. Auch die AfD spricht mit anderen politischen Angeboten Teile dieser Altersgruppe an.

Die junge Generation ist nicht unpolitisch. Sie ist zunehmend unzufrieden mit der Politik, die für sie gemacht wird. Wenn die etablierten Parteien darauf keine überzeugende Antwort finden, droht eine nachhaltige Verschiebung des Parteiensystems.

Proteste in Italien
Auch in Italien kommt es zu gewaltsamen Protesten: Nach Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei brennt vor dem Mailänder Dom ein Feuer.© Stefano Porta/LaPresse/AP/dpa | Stefano Porta

Soziale Medien können Protestbewegungen innerhalb kürzester Zeit mobilisieren. Zugleich gibt es Berichte über mögliche Einflussnahme von außen, etwa durch Russland. Wie anfällig sind solche Bewegungen für gezielte Manipulation? Und können externe Akteure gesellschaftliche Konflikte überhaupt verstärken, wenn die Unzufriedenheit nicht längst vorhanden ist?

Eine Protestbewegung lässt sich von außen kaum dauerhaft erzeugen, wenn es im Inneren einer Gesellschaft nicht bereits erhebliche Spannungen gibt. Die entscheidende Voraussetzung ist eine vorhandene Unzufriedenheit, die von vielen Menschen geteilt wird.

Wer ist Klaus Hurrelmann?

Klaus Hurrelmann (82) zählt zu den bekanntesten Jugend- und Bildungsforschern Deutschlands. Der Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler ist seit 2009 Professor an der Hertie School in Berlin, wo er heute als Senior Professor of Public Health and Education tätig ist.

Zuvor lehrte und forschte Hurrelmann an den Universitäten Essen und Bielefeld. In Bielefeld war er unter anderem Gründungsdekan der Fakultät für Gesundheitswissenschaften. Seine Forschung beschäftigt sich insbesondere mit der Entwicklung junger Menschen, Bildungschancen, gesellschaftlicher Ungleichheit und Gesundheit.

Hurrelmann war über viele Jahre an den Shell-Jugendstudien beteiligt. Gemeinsam mit Simon Schnetzer gibt er seit 2020 die Studienreihe „Jugend in Deutschland“ heraus, die unter anderem Zukunftssorgen, politische Einstellungen und Lebensbedingungen junger Menschen untersucht.

Allerdings haben die digitalen Plattformen die Dynamik solcher Bewegungen grundlegend verändert. Empörung kann sich innerhalb weniger Stunden verbreiten. Bilder und Botschaften erzeugen starke Emotionen, die durch algorithmische Verstärkung eine enorme Reichweite bekommen können. Das erleichtert die Mobilisierung, macht Protestbewegungen aber auch anfällig für Desinformation und gezielte Manipulation.

Externe Akteure können vorhandene Konflikte aufgreifen, verschärfen und für ihre eigenen Interessen instrumentalisieren. Das gilt auch für mögliche Einflussversuche aus Russland oder anderen Staaten. Man sollte deshalb aber nicht den Fehler machen, berechtigte Proteste vorschnell als Ergebnis ausländischer Einflussnahme abzutun. Die Unzufriedenheit entsteht im Inneren einer Gesellschaft. Die sozialen Medien und mögliche Manipulationen von außen können sie jedoch in kürzester Zeit zu einer politischen Explosion verstärken.

Ein Demonstrant mit französischer Flagge steht vor dem brennenden Tourismusbüro in Lyon.
Ein Demonstrant mit französischer Flagge steht vor dem brennenden Tourismusbüro in Lyon.© AFP | JEFF PACHOUD

Proteste in Deutschland? „Es brodelt unter der Oberfläche“

Sie haben die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse zeigen erhebliche Zukunftssorgen unter jungen Menschen. Warum entlädt sich diese Unzufriedenheit in Deutschland bislang nicht in vergleichbaren Massenprotesten? Ist die deutsche Jugend weniger rebellisch – oder brodelt es unter der Oberfläche?

Unsere Trendstudien zeigen sehr deutlich: Es brodelt unter der Oberfläche. Die Sorgen über steigende Lebenshaltungskosten, unbezahlbares Wohnen, wirtschaftliche Unsicherheit, Krieg und gesellschaftliche Spaltung sind in der jungen Generation tief verankert. Dazu kommen erhebliche psychische Belastungen. Viele junge Menschen haben das Gefühl, ständig neue Krisen bewältigen zu müssen, ohne ausreichend Einfluss auf ihre Lebensbedingungen zu haben.

Dass es in Deutschland bisher nicht zu vergleichbaren Massenprotesten gekommen ist, bedeutet keineswegs, dass die junge Generation weniger rebellisch wäre. Vielmehr wird ihre Unzufriedenheit bisher überwiegend innerhalb des politischen Systems kanalisiert. Die wachsende Aufmerksamkeit für Parteien wie Die Linke und die AfD ist dafür ein deutliches Zeichen. Beide Parteien sprechen auf sehr unterschiedliche Weise junge Menschen an, die sich von den traditionellen politischen Angeboten nicht mehr ausreichend vertreten fühlen.

Ich halte es deshalb für einen großen Fehler, die gegenwärtige Ruhe auf den Straßen mit politischer Zufriedenheit zu verwechseln. Der Protest ist längst da. Er zeigt sich bisher nur stärker an der Wahlurne und in den digitalen Netzwerken als auf der Straße. Wenn die etablierten Parteien keinen neuen Zugang zur jungen Generation finden, kann sich das schnell ändern. Dann könnten auch in Deutschland einzelne politische Entscheidungen zum Auslöser einer breiteren Protestbewegung werden. Für die traditionellen Parteien ist das eine existenzielle Herausforderung. Wenn sie nicht rechtzeitig umsteuern, laufen sie Gefahr, von einer politischen Neuorientierung der jungen Generation überrollt zu werden.

Flammen zerstören das Rathaus im französischen Limoges: Bei landesweiten Protesten gegen die hohen Lebenshaltungskosten dringen am 17. Oktober 2026 mehrere Menschen in das Gebäude ein.
Flammen zerstören das Rathaus im französischen Limoges: Bei landesweiten Protesten gegen die hohen Lebenshaltungskosten dringen am 17. Oktober 2026 mehrere Menschen in das Gebäude ein.© AFP | MELAINE PAYZAL
Ein Demonstrant wirft bei Protesten gegen die hohen Lebenshaltungskosten in Bordeaux eine Rauchfackel in Richtung französischer Polizisten.
Ein Demonstrant wirft bei Protesten gegen die hohen Lebenshaltungskosten in Bordeaux eine Rauchfackel in Richtung französischer Polizisten.© AFP | Christophe Archambault

„Gebt der Jugend politische Macht“

Beim Deutschlandtag der Jungen Union haben Friedrich Merz und Markus Söder vor allem über politische Abgrenzung nach links gesprochen. Themen wie hohe Mieten und steigende Lebenshaltungskosten standen dagegen kaum im Mittelpunkt. Gleichzeitig findet die CDU bei jungen Wählern vergleichsweise wenig Zuspruch. Was würden Sie Politikern konkret raten, damit sich junge Menschen mit ihren Interessen und Zukunftsängsten wieder stärker vertreten fühlen?

Mein Eindruck ist, dass große Teile der etablierten Politik an den Lebensproblemen der jungen Generation vorbeireden. Die jungen Menschen interessieren sich weniger für parteipolitische Abgrenzungsrituale als für die Frage, wie sie ihr eigenes Leben gestalten können.

Sie wollen wissen, ob sie sich eine Wohnung leisten, eine Familie gründen, beruflich vorankommen und langfristig wirtschaftliche Sicherheit aufbauen können. Deshalb müssen die etablierten Parteien ihre politischen Prioritäten grundlegend überprüfen. Die Lebensperspektive der jungen Generation muss zu einem zentralen Maßstab ihrer Politik werden. Dazu gehören bezahlbarer Wohnraum, realistische Möglichkeiten zum Vermögensaufbau, gute Schulen und attraktive Ausbildungswege. Ebenso wichtig sind eine faire Verteilung der künftigen Rentenlasten, ein glaubwürdiger Klimaschutz und ein verantwortlicher Umgang mit Künstlicher Intelligenz.

Aber es geht nicht nur um politische Inhalte. Die Parteien müssen auch ihre Kommunikationsformen verändern. Sie müssen dort präsent sein, wo junge Menschen ihre Informationen beziehen und ihre politischen Diskussionen führen. Und sie müssen lernen, mit ihnen auf Augenhöhe zu sprechen, statt ihnen fertige politische Botschaften zu präsentieren. Vor allem aber müssen junge Menschen selbst mehr Einfluss bekommen. Sie brauchen verantwortliche Positionen in den Parteien, echte Mitbestimmungsmöglichkeiten und die Erfahrung, dass ihre Vorschläge politische Entscheidungen verändern können.

Mein wichtigster Rat an die etablierten Parteien lautet: Redet nicht nur über die junge Generation, sondern gebt ihr politische Macht. Wer die jungen Menschen dauerhaft nur als Zielgruppe für Wahlkämpfe betrachtet, wird sie verlieren. Wer sie dagegen ernsthaft an der Gestaltung ihrer Zukunft beteiligt, kann auch ihr Vertrauen in die Demokratie zurückgewinnen.