Mario Ebest hatte zu DDR-Zeiten Englisch-Unterricht bei Erhard Hänel. Im Zusammenhang mit dem jüngst erschienenen Buch „Building Bridges with the ‘Class Enemy‘“ geben sie Auskunft über den damaligen Fremdsprachen-Unterricht und die besonderen Herausforderungen, weil Reisen ins englischsprachige Ausland kaum möglich waren, auch nicht für Lehramtsstudenten oder Lehrer.
Das von Ihnen vorgelegte Buch zum „Brückenbau mit dem ‚Klassenfeind‘“ befasst sich mit dem Englisch-Unterricht in der DDR. Ab wann wurde denn Englisch regulär in der DDR unterrichtet?
Erhard Hänel: Seit Mitte der 1960er Jahre kenne ich aus eigener Erfahrung den Unterricht Englisch und Französisch als fakultative zweite Fremdsprache. Als Schüler besuchte ich eine Klasse mit erweitertem Russischunterricht. Anfangs hatten wir bis zu fünf Wochenstunden Russisch. Die zweite Fremdsprache war für unseren Zweig wahlobligatorisch.
Welche Schulen und Klassenstufen betraf das?
Mario Ebest: Ab der 7. Klasse in der POS. Da konnte man wählen, ob man an Englisch teilnehmen wollte.
Hänel: Wenn genügend qualifizierte Fachlehrer zur Verfügung standen, dann wurde an der jeweiligen Schule das Angebot gemacht.
Was war dem vorausgegangen?
Hänel: Ab 1966 gab es die begleitenden Fernsehsendungen „English for You“ zur Unterstützung des Englischunterrichts, welcher vom Ministerium für Volksbildung in der damaligen Beschlusslage festgelegt worden war. Voraussetzung war aber die personelle und qualitative Ressource an den einzelnen Schulen. Ich kenne einige Beispiele, bei denen die Schüler für diese Stunden an andere Schule gehen mussten.
Muttersprachler kennenzulernen oder gar Reisen in englischsprachige Länder zu genießen – all dies blieb für die meisten Schüler und Lehrer eine Illusion.
Erhard Hänel, Lehrer für Englisch und Deutsch, studiert einst in Jena.
Was dürfen wir uns unter „English for You“ vorstellen?
Ebest: „English for You“ war eine TV-Produktion, die während der Schulzeit mehrmals pro Woche am frühen Nachmittag im DDR-Fernsehen lief, sodass sie im Unterricht zum Einsatz kommen konnte.
Hänel: In den 1980er-Jahren erhielten einige Schulen auch Videokassetten mit den Sendungsmitschnitten.
Wo und wie wurden Englischlehrerinnen und -lehrer ausgebildet?
Hänel: Regulär wurden Studenten an Unis und Hochschulen ausgebildet. Ich habe in den 1970ern in Jena studiert. Final standen Staatsexamen und Lehrerlaubnis auf dem Universitätszeugnis. Die Studenten hatten ein anspruchsvolles Studienprogramm mit Praktika und einem abschließenden Vorbereitungsdienst. Im Vorbereitungsdienst leistete ich Vertretungsstunden.
Wie wichtig war die Parteizugehörigkeit in diesem Zusammenhang?
Hänel: Mir sind keine Parteipräferenzen für die Studienzulassung bekannt geworden.
Wenn wir auf den Lehrkörper schauen: Wer hat unterrichtet?
Hänel: Auffällig war der hohe Anteil von Frauen, aber das war in pädagogischen Berufen weit verbreitet. Sowohl an den POS als auch an den EOS war der Frauenanteil deutlich über 50 Prozent. In den Fremdsprachen lag er in den mir bekannten Fällen deutlich darüber.
Was war die klassischen Kombinationen in Ihrem Bereich?
Hänel: Russisch/Geographie und Russisch/Geschichte und generell Russisch/Gesellschaftswissenschaften. Die Kombis mit Englisch waren hauptsächlich Englisch/Deutsch - wie bei mir - und Englisch/Russisch. Die Wahlmöglichen waren sehr begrenzt. Alles wurde der Planwirtschaft untergeordnet. Staatlicherseits wurden die Planzahlen für Absolventen und auch die konkrete „Verwendung“ nach dem Erwerb des Diploms „antizipiert“. Um nur ein Beispiel zu nennen, männliche „Dienstanfänger“ wurden für die vormilitärische Ausbildung angesprochen.
Gab es Möglichkeiten, sich in englischsprachigen Ländern in der Sprache auszubilden? Falls ja: Wer durfte das nutzen?
Hänel: Die Anwendung der englischen Sprache war ausschließlich im Unterricht möglich. Muttersprachler kennenzulernen, sich mit englischsprachigen Freunden zu unterhalten oder sogar Reisen in englischsprachige Länder zu genießen – all diese Aktivitäten blieben für die meisten Schüler und Lehrer eine Illusion. Die wenigen „Bildungsreisen“ nach Großbritannien waren Fachberatern und Schulfunktionären vorbehalten. Die mir bekannten Beispiele waren alle durch die Parteimitgliedschaft oder besondere Verdienste „gedeckt“.

Mit dem Ende der DDR waren Englischlehrerinnen und -lehrer in großer Zahl gefragt. Woher nehmen und nicht stehlen? Wollen viele umschulen, etwa von Russisch auf Englisch?
Hänel: Möglicherweise wurden mehr Immatrikulationen in gesuchten Fächern vorgenommen. Aus Gesprächen glaube ich zu erinnern, dass das Interesse auch darum zunahm, weil die Chancen der Anwendung und Vervollkommnung mit den Reisemöglichkeiten und den Literaturzugängen deutlich attraktiver waren. Es kamen nun auch universitäre Lehrkräfte und generell Muttersprachler in die ehemalige DDR. Das größte Defizit war die Kenntnis von Geschichte und Kultur, was nicht im Schnellverfahren wettzumachen war. Neben den Sprachfertigkeiten stellten auch die Analysekompetenz von Kunstwerken ein unterschätztes Problem dar. Die Erreichung einer Lehrerlaubnis war häufig an eine Art Umschulung nötig. Einsteiger ins Fach Englisch waren oft an einen Lehrauftrag in den Klassen 7 und 8 gebunden.

Was wurde im Englisch-Unterricht gelehrt?
Hänel: Sprache und Literatur. Geschichte und Philosophie. Auch Inhalte aus anderen Disziplinen, wie etwa den Gesellschaftswissenschaften. Ein häufig auftretender Anlass war die Erläuterung der Überlegenheit des Sozialismus. Hier waren vor allem „Rollenspiele“ mit konkreten Aufgabenstellungen (nur Fremdsprache!) eine Herausforderung.
Liedtexte von vor allem britischen Bands konnte man als Anglist wohl aufschreiben und in den Unterricht einbeziehen. Selbst moderne Lyrik stieß auf Anklang bei interessierten Schülern.

Ebest: Ich erinnere mich, dass Herr Hänel mit uns Kunstwerke von William Hogarth im Unterricht besprach. Hogarth war ein bekannter englischer Maler und Kupferstecher im 18. Jahrhundert. Ebenfalls befassten wir uns in seinem Unterricht mit Shakespeare und Auszügen aus seinen literarischen Werken, Hamlet beispielsweise.
Als DDR-Schüler hätten wir gern auch mal Songtexte von Depeche Mode oder The Cure im Unterricht übersetzt, diese Bands waren damals sehr populär. Ich habe es aber nie erlebt, dass wir Songtexte bearbeitet haben.
Erhard Hänel, Jahrgang 1953, hat in 1973 bis 1977 Studium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena studiert und war dann im Schuldienst in Karl-Marx-Stadt als Diplomlehrer Englisch und Deutsch. Am heutigen Georgius-Agricola-Gymnasium Chemnitz war er als Oberstudiendirektor Schulleiter bis 2016. Aktuelle Forschung zu Ferdinand Röse, einem deutschen Autor aus dem Lübecker Kreis des Katharineums, der intensive Beziehungen unter anderem zu Theodor Storm und Emanuel Geibel hatte.
Mario Ebest, einst Schüler von Erhard Hänel, ist Lehrbeauftragte ab der Professur Anglistische und Amerikanistische Kulturwissenschaft an der Universität Bamberg.
Zum Buch
Building Bridges with the ‘Class Enemy’ - British and Irish Literatures in the GDR. herausgegeben von Dr. Mario Ebest, M.A., Prof. Dr. Joachim Schwend, Tectum Verlag, 208 Seiten, 54 Euro
Dieser Band untersucht, wie literarische Texte aus Großbritannien und Irland von offiziellen Stellen, beispielsweise in den Bereichen Bildung, Massenmedien sowie Verlags- und Zensurwesen, und von „normalen“ oder auch prominenten Leserinnen und Lesern in der DDR (so etwa Christa Wolf, Schriftstellerin; Günther Klotz, Anglist; Hans Petersen, Herausgeber und Übersetzer) rezipiert – oder ignoriert – wurden.
Die englischen und deutschen Beiträge von verschiedenen Expertinnen und Experten bündeln die Ergebnisse einer Tagung, die 2021 in Bamberg stattfand. Der Band kann sowohl als Überblick über eine mittlerweile historische Situation als auch als Ausgangspunkt für weitere Forschungen genutzt werden.



