Es war im Sommer 1993. In der TLZ-Redaktion stand ein freundlicher Herr mittleren Alters. „Guten Tag, ich bin vom Verfassungsschutz“, sagte er. Die Zustände, die dort herrschten, seien unbeschreiblich und gehörten an die Öffentlichkeit.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Der Thüringer Geheimdienst funktionierte in den 1990er Jahren nie richtig,  Rechtsextremisten wurden als V-Leute angeheuert und so wurde indirekt – über die an die V-Leute gezahlten Honorare – sogar der Aufbau der rechtsextremistischen Szene in Thüringen mitfinanziert, in der dann auch die späteren NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe heimisch wurden.

Im Thüringer Verfassungsschutz in jener Zeit wurde intrigiert, verbrachten die Mitarbeiter viele Stunden im Kampf unter- und gegeneinander. Und noch schlimmer: Das Thüringer Innenministerium war zu jeder Zeit über die unglaublichen Vorgänge in der Sicherheitsbehörde informiert. Das belegt ein interner Vermerk aus dem Amt aus dem Jahr 1992, der der TLZ vorlag. Darin heißt es wörtlich: „Insgesamt gibt dieser Zustand für die Zukunft Anlass zu ernster Sorge.“

In der internen Lageanalyse, die die TLZ in Auszügen veröffentlichte, hieß es zur desolaten Lage des Amtes in den Jahren 1991 und 1992: „Wegen des zu dieser Zeit naturgemäß noch äußerst geringen Personalbestandes war das Landesamt damals noch nicht in der Lage, rechtsextremistische Bestrebungen erschöpfend zu beobachten, entsprechende umfassende Erkenntnisse zu gewinnen und diese in Analysen für die politische Führung des Landes umzusetzen.“ Mit anderen Worten: Thüringen war zu jener Zeit ein Dorado für Extremisten jeder Couleur, weil es auch drei Jahre nach der Wende noch keinen funktionierenden Verfassungsschutz im Freistaat gab.

Die Unstimmigkeiten zwischen Behördenleitung und zuständigen Innenministerium waren die Hauptgründe für die Probleme in der Aufbauphase, die sich dann weiter durch die gesamten 1990er Jahre zogen. Der damalige Leiter der Behörde, Harm Winkler, biss sich die Zähne aus, um eine kontinuierliche Arbeit zu gewährleisten. Scheinbar wahllos regierte das Ministerium in die Personalpolitik der Behörde hinein. So musste ein Mitarbeiter den Verfassungsschutz verlassen, obwohl ihm die Leitung bescheinigte, mit die intensivste Aufbauleistung geschafft zu haben. Andere leitende Personen wurden während des Urlaubs von Winkler hin- und herversetzt.

Helmut Roewer stellt sein Buch vor
Der Autor und ehemalige Chef des Thüringer Verfassungsschutzes, Helmut Roewer, stellt am 2012 in Berlin sein Buch „Nur für den Dienstgebrauch - Als Verfassungsschutz-Chef im Osten Deutschlands" vor.© dpa | Britta Pedersen
NSU-PROZESS AUFTAKT
Plakat mit den Bildern von Helmut Roewer und Thomas Sippel während des NSU-Prozesses 2013 in München.© TA | Sascha Fromm

Die Behörde war in ihrer Arbeit gelähmt, andere Verfassungsschutzämter und zeitweise sogar das Bundesamt stellten die Zusammenarbeit mit Thüringen ein. 1994 wurde Harm Winkler, der sich erfolglos gegen das durch das Ministerium angerichtete Chaos gewehrt hatte, abgelöst und durch Helmut Roewer ersetzt, dessen exzentrische Amtsführung viel dazu beitrug, dass sich in Thüringen Rechtsextremisten wie in einem Biotop wohlfühlten.

Mehr zu diesem Thema, den Pannen des Verfassungsschutzes in den 1990er Jahren und zur Geschichte des NSU, die am 4. November 2011 mit einem Banküberfall in Eisenach und dem Tod von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sowie der späteren Festnahme von Beate Zschäpe endete, lesen Sie in der morgigen TLZ, die zum Reformationstag als E-Extra-Paper-Ausgabe erscheint.