Die Wiedereröffnung findet hinter Zäunen statt. Blickdicht verhängt, weiträumig abgesperrt, ohne Zugang für die Menschen, denen dieses Wahrzeichen wirklich gehört. Vor dem Lincoln Memorial in Washington steht Donald Trump am Montagnachmittag hinter schusssicherem Glas. Weiße USA-Kappe, angespannter Gesichtsausdruck. Der Präsident wirkt müde, verschluckt Silben. Hinter ihm liegt der berühmte Reflecting Pool, an dem schon Martin Luther King sprach und durch den Forrest Gump watete. Menschenleer ist die Kulisse seines letzten öffentlichen Auftritts vor den Kongresswahlen am Dienstag.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Draußen bleiben Touristen und Einheimische an den Absperrungen hängen. Enttäuschung, eine Handvoll Protestierender. Drinnen feiert Trump, was draußen noch niemand betreten darf: die Rückkehr eines Wasserbeckens, dessen Sanierung unter seiner Regie zur monatelangen Blamage wurde. 

Der Präsident und die Rohre

Wie bitte? Amerika soll am Dienstag über seine Zukunft und der seiner Republikaner entscheiden. Und der Präsident spricht erst einmal über Rohre. In einem Wasserbecken…

„Es war ein Kunstwerk, das nie funktioniert hat. Aber jetzt wird es funktionieren“, sagt Trump. Er hält Bilder hoch, zeigt verrostete Leitungen und Algen. Mehr als zwanzig Minuten widmet er seinen Verschönerungsprojekten in Washington, scherzt sogar über eine Umbenennung des Beckens nach sich selbst - bevor er zur Wahl kommt.

Trump Speaks At Reflecting Pool
Donald Trump bei seiner Rede© IMAGO/Andrew Leyden

Dabei hätte sich der Präsident für seinen Schlussappell eine Fabrik aussuchen können. Einen Betrieb, dessen Beschäftigte um ihre Jobs bangen. Einen Ort, an dem Familien erklären, warum sie an Supermarktkassen und Zapfsäulen verzweifeln. Stattdessen steht er vor einem Eitelkeits-Bauprojekt, das vor allem eines dokumentiert: wie weit Anspruch und Wirklichkeit, seiner Präsidentschaft auseinanderliegen. Wie weit seine Prioritäten von dem entfernt sind, was dem Gros der Amerikaner unter den Nägeln brennt.

Im Frühjahr sollte alles schnell gehen. Trump wollte den Boden des Beckens, das er superlativistisch den größten Pool der Welt nennt, schwimmbadblau haben, im Farbton der amerikanischen Flagge. Er kannte die richtigen Unternehmer, versprach Tempo und geringe Kosten. Im Juni erklärte er die Arbeiten bereits für abgeschlossen. Dann kamen die Algen. Die neue Beschichtung löste sich. Im Juli musste das Becken erneut geleert werden. Aus der versprochenen Schönheitskur vor dem 250. Unabhängigkeitstag wurde eine Baustelle weit über den Sommer hinaus. 

Trump fand Schuldige - nicht bei sich: Sondern bei (erfundenen) Vandalen. Mit Messern und Teppichschneidern hätten sie das Werk zerstört. Menschen wurden strafrechtlich verfolgt, darunter der frühere Olympia-Kanute David Hearn. Doch Trumps eigene Staatsanwaltschaft musste kleinlaut einräumen, dass die Schäden auf mangelhafte Arbeiten und den Zeitdruck vor den Jubiläumsfeiern zurückgingen. Verfahren wurden eingestellt. Untersuchungen dokumentierten Fehler bei Material und Verarbeitung. Trotzdem erzählt Trump auch an diesem Montag wieder von mutwilliger Zerstörung. Lug und Trug.

160 000 Liter am Tag

Nun soll alles gelungen sein. Neue Leitungen, keine Algen mehr, ein Prachtstück zu einem Bruchteil dessen, was seine Vorgänger ausgegeben hätten. Barack Obama und Joe Biden hätten zusammen mehr als 144 Millionen Dollar versenkt, behauptet er. Das Becken habe gewaltige Wassermengen von bis zu 160.000 Litern am Tag verloren. Einen belastbaren Nachweis für seine Kostenrechnung liefert er bei diesem Auftritt nicht. Dass seine eigene erste Sanierung komplett missriet, geht im Eigenlob unter.

Es folgt ein Rundgang durch die Welt des präsidialen Hausmeisters. 83 gereinigte Statuen. Beseitigte Graffiti. Vertriebene Obdachlose. Washington sei jetzt eine der schönsten und sichersten Hauptstädte überhaupt; die Mordrate habe er auf null gebracht, behauptet Trump. Dann der neue Rasen am Weißen Haus. Und der Hubschrauberlandeplatz nebenan, der hervorragende Kritiken bekomme. Übrigens: Wer wieder “korinthische Säulen” beschmiere, der werde lange im Gefängnis sitzen.

Die Hauptstadt muss glänzen. Bei diesem Thema findet Donald Trump zu einer Ausführlichkeit, die man vermisst, wenn es um die Sorgen der Menschen geht. Um Familien, deren Einkommen mit den Preisen nicht Schritt hält. Um die Folgen des Irankrieges. Um getötete amerikanische Soldaten. Über diese Themen hat Trump noch so detailversessen geredet. Zwischendurch springt er zur Wirtschaft. 25 Billionen Dollar (!) Investitionen seien ins Land gekommen, Amerika erlebe einen beispiellosen Aufschwung, verkündet er. Die Zahlen sind frei zusammengedichtet. Dann wieder die Demokraten. Dann Abdul El-Sayed, den Senatskandidaten in Michigan, den er mit schweren Islamismus-Vorwürfen überzieht. Ein Gedanke löst den nächsten ab, ohne dass sich daraus eine Antwort auf die entscheidende Frage fügt: Warum sollten Amerikaner, die ihren Alltag kaum noch bezahlen können, den Republikanern weiter beide Kongresskammern überlassen?

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Amtierende Präsidenten gewännen die Zwischenwahlen gewöhnlich nicht, erklärt Trump schließlich. „Aber wir haben es sehr ernsthaft versucht.“ Dazu gehören an diesem Montag auch Telefonkundgebungen für republikanische Kandidaten. Doch das Bild seines öffentlichen Schlussauftritts liefert ein abgesperrtes Wasserbecken. Der Präsident preist einen Ort, der seinen Worten nach alle Amerikaner “vereinen soll”. Die Amerikaner aber, sie stehen vor dem Zaun.