Verkehr

Bahnhöfe: Warum so viele Stationen in Deutschland verrotten

Berlin.  Verkehrsminister Scheuer kommt mit der Sanierung von 1000 Bahnhöfen nicht hinterher. Vor allem kleine Bahnhöfe sollen erneuert werden.

Eine defekte Bahnhofsuhr hängt über einem Bahnsteig. Das Verkehrsministerium hinkt bei der Sanierung von Bahnhöfen hinterher.

Eine defekte Bahnhofsuhr hängt über einem Bahnsteig. Das Verkehrsministerium hinkt bei der Sanierung von Bahnhöfen hinterher.

Foto: Friso Gentsch / dpa

Der schönste deutsche Bahnhof steht in Bad Bentheim. Kürzlich bekam die Station im Westen von Niedersachsen den Preis „Bahnhof des Jahres“ verliehen. Nach einer kompletten Sanierung sei er „ein Ort, an dem sich Reisende und Pendler gleichermaßen wohl fühlen“, schrieb die Jury des Verkehrsverbands „Allianz pro Schiene“ in ihrer Begründung. Das Gebäude aus der Kaiser-Zeit sei so gut hergerichtet, dass Fahrgäste sich dort willkommen fühlten. Das gilt nicht für alle Bahnhöfe.

5700 Bahnstationen gibt es insgesamt in Deutschland, dazu kommen rund 2300 Bahnhofsgebäude. Weniger als ein Drittel davon sind noch im Besitz der Bahn. Vor allem aber sind nicht alle so hergerichtet wie in Bad Bentheim. Viele Stationen müssen saniert werden. Mal blättert der Putz von den Wänden, ein anderes Mal bröckelt der Bahnsteig. An wieder anderen Bahnhöfen klemmen Eingangstüren oder die Unterführungen unter den Gleisen sind beschmiert.

Marode Bahnhöfe: Sanierung sollte unterstützt werden

Union und SPD hatten deshalb Anfang 2018 in ihrem Koalitionsvertrag verabredet, die Sanierung der Stationen zu unterstützen. Ein „1000-Bahnhöfe-Programm“ sollte es werden, damit vor allem kleine Bahnhöfe aufgemöbelt werden. Die Bundesländer, die Kommunen und die Deutsche Bahn sollten dafür „als Partner“ gewonnen werden. Doch von ihrem ehrgeizigen Ziel ist die große Koalition ein gutes Stück entfernt. Mehr noch: Sie hat mit der Förderung der Sanierung noch gar nicht angefangen. Und ob das Ziel je erreicht wird, ist offen.

Wie aus einer Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion hervorgeht, verhandeln die Beamten von Minister Andreas Scheuer (CSU) noch mit der Deutschen Bahn über die Finanzierung. „Abschließende Angaben über die Verkehrsstationen, die gefördert werden, können noch nicht gemacht werden“, heißt es in der Antwort, die unserer Redaktion vorliegt.

Trotzdem sind in diesem Jahr 10,6 Millionen Euro im Bundeshaushalt für die Förderung der Sanierung eingeplant. Im nächsten Jahr sind es dann 20 Millionen Euro. Das Geld soll – auch das zeigt die Antwort des Ministeriums – für „maximal 118 Verkehrsstationen“ ausreichen. Diese Zahl ist auch im Bundeshaushalt für 2020 vermerkt. Das wären gut 250.000 Euro pro Station.

Die Bahn finanziert nur den laufenden Betrieb

Die „Verkehrsstation“ ist der eigentliche Teil eines Bahnhofs: der Bahnsteig selbst, aber auch Zugänge, Treppen, Durchgangstunnel. Für den laufenden Betrieb ist die Deutsche Bahn zuständig; sie reinigt beispielsweise den Bahnsteig und hält die Technik instand. Größere Investitionen dagegen wie etwa den kompletten Neubau eines Bahnsteigs finanziert der Bund. Dafür stellt er schon jetzt viel Geld bereit. Die Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt für die Sanierung sind trotzdem wichtig. Sie sollen unter anderem helfen, Bahnhöfe barrierefrei zu machen, damit Menschen mit Behinderungen leichter zum Zug kommen.

Der haushaltspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Sven-Christian Kindler, findet, das angekündigte Bahnhofsprogramm sei bisher „nicht mehr als einen Papiertiger“. Vor dem nächsten Jahr werde keine Sanierung starten. „Es steht zu befürchten, dass bis zum Ende der Legislaturperiode nicht mehr als 120 Bahnhöfe gefördert werden“, sagt Kindler. Wenn das Verkehrsministerium „so langsam und bräsig weitermacht wie bisher“, werde das Versprechen, tausend Bahnhöfe sanieren zu lassen, gebrochen. Minister Scheuer müsse „endlich aufs Tempo drücken“, fordert Kindler.

Die Grünen wollen die Koalition dazu bringen, die Sanierungsförderung auf mehr als das Dreifache zu erhöhen. Es müssten weitere 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden, damit das Programm im nächsten Jahr mindestens 70 Millionen Euro zur Verfügung habe, sagt Kindler. Damit ließen sich rund 300 zusätzliche Bahnhöfe sanieren, vor allem kleine Stationen im ländlichen Raum.

Dass die bisher geplante Summe nicht ausreichen könnte, hat die Koalition inzwischen erkannt. Man wolle das Programm „weiterentwickeln“ und in den laufenden Haushaltsverhandlungen mehr Geld bereitstellen, sagte der Vizechef der Unions-Bundestagsfraktion, Ulrich Lange (CSU), unserer Redaktion. „Für das Programm wollen wir zusätzlich 10 Millionen Euro bereitstellen und die Programme langfristig ausfinanzieren.“ Bahnhöfe und Züge seien „die Visitenkarten des Schienensystems“.

Verkehrsexperten bezweifeln, dass 30 Millionen Euro im nächsten Jahr wirklich etwas nützen. Es sei zwar gut, wenn das Programm komme, meint Philipp Kosok vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Aber die Summe sei „wirklich sehr klein gedacht.“ Das Geld reiche beim einzelnen Bahnhof allenfalls für ein neues Wartehäuschen oder für digitale Abfahrtanzeigen. Schon der Einbau eines Fahrstuhls wäre zu teuer. „Wenn wir die Bahn wieder in die Fläche bringen und die Fahrgastzahlen erhöhen wollen, dann müssen wir in größeren Dimensionen denken“, sagt Kosok. Das Zehnfache der ursprünglich geplanten Summe, also 200 Millionen Euro, „wäre angemessen und auch möglich.“ Nur ein Sanierungsprogramm aufzulegen, sei ohnehin zu wenig: „Eigentlich brauchen wir zusätzliche Bahnhöfe an zusätzlichen Strecken“, ist der Verkehrsexperte überzeugt.

Der Verkehrsverband „Allianz pro Schiene“ geht mit seiner Forderung noch weiter: „Der Bund sollte jährlich mindestens 300 Millionen Euro für die Erneuerung von Bahnhofsgebäuden bereitstellen“, verlangt Geschäftsführer Dirk Flege. Er ermahnt Verkehrsminister Scheuer dazu, mehr Tempo zu machen.

Die Deutsche Bahn selbst mag zu den laufenden Verhandlungen mit dem Bund über das Sanierungsprogramm nichts sagen. Eine Sprecherin weist aber darauf hin, dass das Unternehmen so viel wie nie in Infrastruktur und Bahnhöfe stecke. „Das Investitionsvolumen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen“, sagt sie. „Allein in die Bahnhöfe fließen dieses Jahr rund 1,2 Milliarden Euro aus Mitteln von Bund, Ländern und Bahn.“

Das sind die vier ICE-Generationen

Weil die Bahn viele Bahnhofsgebäude verkauft hat und nur noch den eigentlichen Bahnsteig betreibt, hat sie kaum Einfluss auf den baulichen Zustand der ehemaligen Empfangsgebäude und auf ihr Erscheinungsbild. Dafür sind die Privatleute oder Investoren verantwortlich, denen die Immobilien gehören. Oft sind auch die Kommunen machtlos, wenn ein ehemaliges Bahnhofsgebäude zum Schandfleck verkommt.

„Die Städte und Gemeinden erwarten, dass die Bahn Verantwortung für den Zustand ihrer Bahnhöfe übernimmt“, sagt Jan Strehmann, Referatsleiter beim Deutschen Städte- und Gemeindebund und fordert: „Die Entwicklung muss immer zusammen mit den Gemeinden gedacht werden.“ Da die Bedeutung auch kleiner Bahnstationen weiter zunimmt, müssen auch kleine Bahnhöfe attraktiv gestaltet werden“, ist Strehmann überzeugt.

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