EU-Austritt

Brexit-Theater: Das sind die Darsteller – und ihre Rollen

Berlin.  Mehr als drei Jahre Brexit-Elend. Wer sind die Verantwortlichen? Wer hat welche Rolle? Das sind die Protagonisten im Austritts-Theater.

Brexit-Theater – mehr als drei Jahre später geht es immer noch um den Austritt. Wer hat welche Rolle?

Brexit-Theater – mehr als drei Jahre später geht es immer noch um den Austritt. Wer hat welche Rolle?

Foto: Kirsty Wigglesworth / dpa

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Komödie? Tragödie? Seit dreieinhalb Jahren hält das Brexit-Theater die Welt in Atem. Am 31. Oktober wollte Briten-Premier Boris Johnson die EU verlassen. Doch das Drama geht weiter: Am 12. Dezember gibt es Neuwahlen. Eine Kritik der Hauptdarsteller.

John Bercow, Unterhaus-Sprecher

Seit 2009 ist der Mann mit den bunten Krawatten Sprecher des britischen Unterhauses. Doch seine markanten Rufe nach „Oooooorder“ (Ordnung) im Parlament werden in Europa erst gehört, seit das Brexit-Chaos im Unterhaus wütet. Energisch und mit Witz sorgt der verhinderte Tennis-Profi dafür, dass das Parlament beim Brexit-Verfahren mitreden kann.

Er weist mit seinen Ordnungsrufen einfache Abgeordnete, aber auch Premier Boris Johnson in seine Schranken. Dass das Amt des „Speakers“ eigentlich gar keine besonders prominente Rolle ist, hat Bercow nie interessiert.

Gut so – seine Auftritte haben das unerquickliche Theater für viele Zuschauer erträglich gemacht.

David Cameron, Ex-Premier

Mit ihm nahm die unendliche Brexit-Saga ihren Lauf. Sein Fehler: Obwohl er für einen Verbleib Großbritanniens in der EU war, kämpfte er nicht.

Im Zuge der Griechenland-Krise nahm in Großbritannien die Skepsis gegen Brüssel zu. Auch bei den Konservativen mehrten sich die Stimmen für einen Austritt. Premier David Cameron wollte seine parteiinternen Kritiker mit einer Volksabstimmung befrieden. Am 23. Juni 2016 entschied sich eine knappe Mehrheit für den Brexit.

Mit seiner Führungsschwäche war Cameron der Anstifter für den quälend langen Brexit-Prozess.

Boris Johnson, Premierminister

Zocker, politischer Hütchenspieler, Chef-Intrigant, Brutalo-Premier – jedes Etikett sitzt. Sein Schlachtruf ist klar: Ich, Boris, der wahre Vollstrecker des Brexits, gegen die Blockierer und Verhinderer der Opposition. Britische Größe gegen Brüsseler EU-Diktatur.

Schwarz-Weiß-Denken gehört ebenso zu seinem Weltbild wie der einfache Holzschnitt. Die im Unterhaus durchgepeitschte Neuwahl am 12. Dezember ist für Johnson der Durchmarsch zum großen Preis, dem Brexit.

Angesichts der Konfrontationslinie des Premiers dürfte die Vorweihnachtszeit auf der Insel zur großen Polit-Schlammschlacht werden.

Elizabeth II., britische Königin

So traditionell, diese Briten: Leisten sich nicht nur eine Monarchie, sondern lassen der Königin auch noch wichtige Funktionen im parlamentarischen Betrieb zukommen. So musste Elizabeth II. Johnson erlauben, das Parlament in den Urlaub zu schicken.

Richtig mitmischen darf sie aber nicht. Mit eigenen Meinungen halten sich die Monarchen zurück. Und so eröffnet die Königin zwar mit einer „Queen’s Speech“ eine neue Sitzungsperiode des Parlaments. Wirklich zu sagen hat sie aber nichts.

Jeremy Corbyn, Chef von Labour

Eigentlich ist der 70-Jährige ein klassischer Linker der 1980er-Jahre: Verstaatlichung öffentlicher Versorgungsunternehmen, Nato-Austritt. Doch beim Brexit gleicht der Chef der Labour Party einem Wackelpudding.

Ein bisschen dafür, ein bisschen dagegen: Erst machte er Front gegen die konservative Premierministerin Theresa May, dann gegen ihren Nachfolger. Eine klare Position konnte der häufig griesgrämig und zerknautscht dreinschauende Corbyn nicht bieten. Er verhedderte sich zu oft in Parteitaktik.

Ergebnis: In den Umfragen liegt Labour bis zu 15 Prozentpunkte hinter den Konservativen.

Jacob Rees-Mogg, offizieller Regierungsrepräsentant im Unterhaus

Die Augen geschlossen, die Beine locker übereinandergeschlagen – die personifizierte Entspannung. Das Bild von Jacob Rees-Mogg, wie er auf der Parlamentsbank demonstrativ den Schlafenden mimt, während um ihn herum die Debatte tobt, ging um die Welt.

Der Moment sagt viel über den Brexit-Hardliner: Das Land gespalten, das Parlament im Chaos? Kein Problem, jedenfalls nicht für den Erzkonservativen mit der geschliffenen Sprache und den streng gescheitelten Haaren. Hauptsache Brexit, egal um welchen Preis. Ein Gesinnungsradikaler.

Theresa May, Ex-Premierministerin

Keine Überzeugungstäterin. Beim Brexit-Referendum 2016 hatte sich die damalige Innenministerin zwar für einen Verbleib der Briten in der EU ausgesprochen. Doch sie zeigte kein Herzblut. Vielmehr machte sie sich in der Folgezeit zur Exekutorin des EU-Austritts.

„Brexit means Brexit“ – „Brexit heißt Brexit“, lautete ihr im Stil eines Buchhalters vorgetragenes Mantra. Doch sie unterschätzte den innenpolitischen Zweifrontenkrieg. In der eigenen Partei intrigierte Brexit-Anführer Johnson gegen sie. Bei Labour blockierte Corbyn den mit Brüssel ausgehandelten Deal.

May wollte den EU-Austritt, ohne ihn zu wollen. Eine tragische Figur.

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