Hessen-Wahlkampf

Nancy Faeser: Darum ist ihre Kandidatur für die SPD heikel

Jan Dörner, Christian Unger und Theresa Martus
| Lesedauer: 6 Minuten
Von der Unbekannten zur Bundesministerin: Nancy Faesers rascher Aufstieg

Von der Unbekannten zur Bundesministerin- Nancy Faesers rascher Aufstieg

Bis vor kurzem hatte kaum jemand Nancy Faeser (SPD) auf dem Zettel. Binnen eines guten Jahres ist es ihr jedoch gelungen, Anerkennung als Bundesinnenministerin zu ernten. Doch ihre bundespolitische Karriere könnte schon im Herbst vorbei sein.

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Berlin.  Kandidatin werden und Ministerin bleiben – geht das? Warum Nancy Faeser und die SPD den Spagat zwischen Hessen und Berlin versuchen.

Als Ort für die Krönungsmesse von Nancy Faeser hat die hessische SPD ein Schlosshotel gewählt. Dort soll beim „Hessengipfel“ am Freitag offiziell werden, was inoffiziell längst als sicher gilt. Bundesinnenministerin Nancy Faeser will die Genossen in den Landtagswahlkampf in Hessen führen.

Überrascht hat die Nachricht kaum noch. Denn einen anderen Kandidaten als die Landesvorsitzende und Bundesministerin hatte die Partei nicht aufgebaut. Dass Faeser in Hessen antritt, wird daher in der SPD seit längerer Zeit als gegeben angenommen. In der hessischen Landespolitik, aus der sie kommt, ist sie noch immer fest verwurzelt, führt die Partei in Wiesbaden bis heute.

Für Bundeskanzler Olaf Scholz allerdings bedeutet das: wieder Unruhe, wieder Diskussionen über sein Kabinett. Gerade erst sind die Turbulenzen nach dem Rücktritt der unglücklichen Christine Lambrecht als Bundesverteidigungsministerin vorübergezogen, da droht eine neue politische Kaltfront am Horizont: Faesers riskantes Manöver zwischen Berlin und Wiesbaden.

Faeser: Scholz kann vorerst eine weitere Kabinettsumbildung vermeiden

Unklar ist, wie genau die Absprachen zwischen ihr und Kanzler Scholz sind. Doch vieles deutet darauf hin, dass die 52-Jährige ihren Job als Innenministerin trotz eines Wahlkampfes ab dem Sommer erst einmal behält. Scholz verhindert so nach Lambrecht eine weitere Kabinettsumbildung. Vorerst jedenfalls. Fraglich ist, ob Faeser bei einer Niederlage im Oktober in Hessen den Posten als Innenministerin behalten darf – oder ob sie dann auch bereit wäre, als Oppositionspolitikerin in die hessische Landespolitik zurückzukehren.

Es ist eine heikle Konstruktion, eine, in der man leicht in beiden Rollen Schiffbruch erleiden kann. Das Beispiel des ehemaligen Umweltministers Norbert Röttgen etwa, der von Berlin aus Ministerpräsident in NRW werden wollte und am nichts mehr von beidem war, ist in der Hauptstadt noch sehr präsent.

Doch wer jetzt an Röttgen erinnert, bekommt aus dem Umfeld des Kanzlers einen anderen Namen genannt: Manfred Kanther. Der damalige Bundesinnenminister trat 1995 für die CDU in Hessen an, um Ministerpräsident zu werden. Der Plan ging nicht auf, Kanther blieb Bundesinnenminister, für weitere drei Jahre.

Die Personalie Faeser zeigt: Die Personaldecke in der SPD ist knapp, gerade in der Innen- und Sicherheitspolitik. Schon für den Posten des neuen Verteidigungsministers musste Scholz bis nach Hannover Ausschau halten. Der Kanzler scheint daher nicht scharf darauf zu sein, seine Innenministerin auf jeden Fall nach Hessen zu verlieren.

An Faesers Amtsführung gibt es Kritik – auch aus der Koalition

Dabei ist Faeser schon an der Spitze des Innenministeriums nicht unumstritten. Sie hatte zu kämpfen mit dem riesigen Haus, das etliche Wahlperioden schwarz regiert wurde. Sie musste Hängepartien bei Neubesetzungen an der Spitze des Ministeriums hinnehmen, und nach mehr als einem Jahr im Amt kritisiert die Opposition und auch mancher aus der Ampel-Koalition, dass Faeser viele Vorstöße, aber wenig konkrete Gesetze auf den Weg gebracht hat.

Gerade zu erstaunlich ruhig ist es in dieser Lage in der Partei. Ließen die Sozialdemokraten in der Vergangenheit oft keine Gelegenheit aus, um sich untereinander zu streiten, ist von Zoff, Zwist und Zank derzeit wenig zu hören. Dabei waren die vergangenen Monate nicht einfach für die SPD: 100 Milliarden für die Bundeswehr oder die Lieferung auch schwerster Waffen an die Ukraine haben die Partei und die Bundestagsfraktion mitgetragen, nicht wenige Abgeordnete mit Bedenken und Zweifeln.

Doch nach außen getragen wird all im Moment das kaum. Auch, was die Rolle von Faeser angeht, steht die Partei hinter ihrer Führungsmannschaft – und verteidigt vehement die Pläne gegen Anwürfe aus der Opposition, aber auch vom Koalitionspartner.

Kommentar: Nancy Faesers riskantes Manöver

„Jeder, der jetzt Kritik an Faeser und dem Kanzler übt, betreibt billigen Wahlkampf“, sagt Sebastian Fiedler, SPD-Innenexperte im Bundestag, dieser Redaktion. Es sei bei Weitem nichts ungewöhnliches, dass Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitiker aus ihren Ämtern heraus in den Wahlkampf zögen, sagt er, unter anderem Armin Laschet, der sich aus seinem Posten als Ministerpräsident heraus im vergangenen Jahr um die Kanzlerschaft beworben hatte. „Es steht außer Frage, dass Nancy Faeser eine ausgezeichnete Spitzenkandidatin für die SPD in Hessen wäre und sie sollte in diesem Fall auch unbedingt weiter Bundesinnenministerin bleiben“, sagt Fiedler.

Die CDU fordert Faeser auf, sich für eine der Rollen zu entscheiden

Die Opposition sieht diesem Szenario weniger entspannt entgegen. CDU-Generalsekretär Mario Czaja fordert von der Ministerin, ihr Amt zur Verfügung zu stellen, wenn sie in Hessen kandidieren will. „Ein so wichtiges Amt wie das Innenministerium darf gerade in Bedrohungszeiten wie diesen nicht als Rückfalloption für gescheiterte Landtagswahlkämpferinnen missbraucht werden“, sagte er dieser Redaktion.

Auch Linkspartei-Chef Martin Schirdewan befürchtet, dass Wahlkampf und Ministeramt nicht zusammenpassen. „Sie sollte sich auf das Trockenlegen von Reichsbürgernetzwerken und dem Kampf gegen Desinformationen in sozialen Netzwerken konzentrieren“, sagte er dieser Redaktion über Faeser. „Bei diesen Aufgaben sehe ich nicht, wie man noch eine Spitzenkandidatur in einem Landtagswahlkampf unter einen Hut mit ihrem Ministeramt bekommen sollte.“

Ob Faeser der Balance-Akt geglückt ist, wird sich in gut einem halben Jahr zeigen. Hessen wählt am 8. Oktober.