Konflikt

Ukraine-Krieg: Darum könnte Wladimir Putin 2023 einlenken

Christian Kerl
| Lesedauer: 4 Minuten
Der russische Präsident Wladimir Putin.

Der russische Präsident Wladimir Putin.

Foto: Mikhail Klimentyev / AFP

Berlin.  Gibt es im Ukraine-Krieg 2023 Entspannung? Experten setzen auf Putins Verhandlungsbereitschaft, denn: Er hat zuhause ein Terminproblem.

Im Ukraine-Krieg zeigte sich der russische Präsident Wladimir Putin zuletzt stur. „Ich denke, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen, wir schützen unsere nationalen Interessen, die Interessen unserer Bürger, unser Menschen“, sagte er kurz vor dem Jahreswechsel über den Angriff auf die Ukraine. Ein Bluff?

Im Lauf des Jahres 2023 dürfte Putin nach Experteneinschätzung eine neue Richtung einschlagen: Er hat ein wachsendes Interesse daran, den Ukraine-Krieg mindestens abzuschwächen – wenn nicht zu beenden. Der Grund: In Russland sind 2024 Präsidentschaftswahlen, nach dem Turnus schon im Frühjahr. Sind Wladimir Putin oder ein möglicher Nachfolge-Kandidat deshalb bereit zu einer Verhandlungslösung, um die Wähler daheim zu besänftigen?

Russland-Experte: Wahlen werden Einfluss auf den Kriegsverlauf haben

Der Russland- und Sicherheitsexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), András Rácz, sagte unserer Redaktion: „Die Präsidentschaftswahlen 2024 werden Einfluss auf den Kriegsverlauf 2023 haben. Es ist unwahrscheinlich, dass Russland einen intensiven Krieg auch vor oder während der Wahlen führen möchte.“ Lesen Sie mehr: Ukraine-Krieg: Ex-General sagt Waffenstillstand voraus

Rácz erwartet deshalb, dass Russland im Lauf des Jahres die Intensität der Kämpfe verringern wird – auch deshalb, weil sich im Sommer die Nachschubprobleme der russischen Armee verstärken dürften. „Im Sommer könnte es deshalb Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland geben. Ich bin ziemlich sicher, dass wir zum Jahresende eine Art Waffenstillstand haben werden: Mit hoffentlich gar keinen oder jedenfalls sehr viel geringeren Kämpfen.“

Ukraine könnte schon in Kürze neue Gegenoffensive starten

Der Russland-Experte erinnert daran, dass auch in früheren Jahren unter den Minsker-Abkommen mehrmals ein Waffenstillstand in der Ostukraine vereinbart wurde: „Damals nahm die Intensität der Kämpfe ab, aber sie endeten nicht. Es war ein begrenzter Krieg, in dem beide Seite diplomatische Beziehungen hatten, es Handel und Energielieferungen gab – und trotzdem gingen die Kämpfe weiter“, so Rácz. „In einem Jahr werden wir einen solchen begrenzten Krieg haben.“

Doch vorher erwartet er noch heftige Kämpfe. Die Ukraine könnte schon im Januar oder Februar eine erneute Gegenoffensive starten. „Die Ukraine hat seit spätestens August die Initiative an der Front, sie hält Russland unter ständigem Druck und verhindert so eine Neugruppierung oder Konsolidierung der russischen Truppen“, erläutert Rácz.

In den vergangenen zwei Monaten habe die alljährliche Schlammperiode mit viel Regen jede größere mechanisierte Offensiv-Operation verhindert. Aber wenn jetzt der richtige Winter komme und der Boden dauerhaft gefriere, ließen sich solche Operationen wieder beginnen. „Die ukrainische Armee ist viel besser für den Winter ausgerüstet als die russische, auch dank umfangreicher Hilfe durch den Westen etwa mit Winterbekleidung. Und auch die gute Ausbildung stärkt die ukrainische Offensivkraft.“

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Und die russische Seite? Rácz meint, Russland sei kurzfristig nicht in der Lage, größere Angriffs-Operationen durchzuführen: „Ihnen fehlen Soldaten, sie haben große Mengen an Ausrüstung verloren, tausende Ausbildungsoffiziere sind gefallen oder verwundet.“ Doch vermutlich im Frühjahr, wenn die Bedingungen insgesamt besser seien, dürfte Russland einen neuen Versuch für eine Großoffensive in der Ostukraine unternehmen, möglicherweise an mehreren Fronten mit zehntausenden Soldaten.

Es gebe Gerüchte, dass Putin eine zweite Welle der Mobilisierung einleiten wolle. Rechne man die im Herbst einberufenen Wehrpflichtigen hinzu und die inzwischen ausgebildeten Kräfte der ersten Mobilisierungswelle, „könnte Russland im Frühjahr 200 000 bis 300 000 zusätzliche Soldaten zur Verfügung haben – wenn auch schlecht trainiert und schlecht ausgerüstet.“