Wende

Was haben die Ostdeutschen mit ihrem Begrüßungsgeld gemacht?

Berlin.  Elektrogeräte und Kleidung: Viele Ostdeutsche haben sich mit dem Begrüßungsgeld einen Wunsch erfüllt. Das Geld wollten aber nicht alle.

Nach der Öffnung eines Teils der deutsch-deutschen Grenzübergänge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 reisten Millionen DDR-Bürger zu einem Besuch nach West-Berlin und in die Bundesrepublik. Dort bekamen sie in Behörden, Banken und Sparkassen das Begrüßungsgeld.

Nach der Öffnung eines Teils der deutsch-deutschen Grenzübergänge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 reisten Millionen DDR-Bürger zu einem Besuch nach West-Berlin und in die Bundesrepublik. Dort bekamen sie in Behörden, Banken und Sparkassen das Begrüßungsgeld.

Foto: dpa Picture-Alliance / dpa / picture-alliance / dpa

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Einen Radio-Wecker, Fliesen, die China-Pfanne von Maggi-Fix und die erste eigene Lederjacke: Fragt man in der Firma Wilhelm-Plastic GmbH & Co. KG im thüringischen Floh-Seligenthal die Mitarbeiter, was sie von ihrem Begrüßungsgeld gekauft haben, hat jeder sofort eine Antwort. Die Käufe sind bei den Menschen immer noch präsent – und das nach 30 Jahren.

Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Wer in den Westen reiste, konnte sich bei Behörden, Banken und Sparkassen als erste Unterstützung das sogenannte Begrüßungsgeld abholen.

Viele aus der Firma Wilhelm-Plastic haben ihre ersten West-Käufe heute jedoch nicht mehr. Das liegt auch daran, dass ein Teil des Geldes für den Kauf von Lebensmitteln ausgegeben wurde, wie sie erzählen. „Als meine Eltern das Begrüßungsgeld bekommen haben, sind wir in den Supermarkt gefahren und es wurde eingekauft. Unter anderem gab es Cornflakes für uns Kinder“, erinnert sich Peter Schmölz, Mitarbeiter in der Firma.

Auch für seine Kolleginnen Petra Thorwarth und Anne Gattung ging es mit dem Begrüßungsgeld in den Supermarkt. Den Rest investierten sie in eine Mini-Stereoanlage, Strumpfhosen und andere Kleinigkeiten für den täglichen Bedarf. Geschäftsführerin Jana Pfannstiel hingegen sparte einen Teil des Begrüßungsgeldes und kaufte zwei Wochen nach dem Mauerfall Fliesen im bayrischen Mellrichstadt.

Helmut Kohl betrachtete Begrüßungsgeld als Gastgeberpflicht

Das Begrüßungsgeld wurde bereits seit 1970 vereinzelt an Ostdeutsche ausgezahlt, die aufgrund von besonderen Familienangelegenheiten eine Reisegenehmigung in den Westen erhalten hatten. Denn selbst wer damals eine Erlaubnis hatte, durfte nur einmal jährlich in der DDR 70 Ost in West-Mark umtauschen. 1987 wurde die Regelung sogar nochmal verschärft und es durften im Jahr nur 15 Mark gewechselt werden.

Da die DDR-Bürger somit fast mittellos auf die Reise gingen, entschied die Bundesregierung, dass jeder Besucher aus dem Osten bis zu zweimal jährlich 30 Westmark Begrüßungsgeld erhält. Im September 1987 wurde der Betrag im Auftrag von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) auf 100 Westmark erhöht. Kohl betrachtete das damals als eine Art Gastgeberpflicht.

Mit dem Fall der Mauer hatten dann alle DDR-Bürger Anspruch auf das Begrüßungsgeld. Beantragen konnte man es mit der Vorlage des Personalausweises oder des Reisepasses bei den Stadt- und Gemeindeverwaltungen. Allein in den ersten drei Wochen nach dem Mauerfall zahlte die Bundesrepublik das Begrüßungsgeld an 18 Millionen Ostdeutsche aus.

Viele DDR-Bürger holten das Begrüßungsgeld erst gar nicht ab

Hört man nun die Geschichten über die ersten Einkäufe der DDR-Bürger, würde man meinen, dass sich alle über das Geld gefreut haben. Doch mitnichten. Einige holten das Geld erst gar nicht ab oder taten sich schwer, die Geste nicht als Spende zu betrachten.

So auch Camilla Nater aus Köthen. Sie hat ihr erstes Begrüßungsgeld 1986 bekommen, als sie auf der Insel Föhr zu Besuch war. Selbst abgeholt habe sie es nicht – ihr Onkel ist für sie gegangen. „Ich wollte keine Almosen. Wir waren nicht arm und konnten uns auch zu DDR-Zeiten vieles leisten“, sagt Natar., „Das Begrüßungsgeld bekam man hingegen einfach und es wurde keine Gegenleistung erwartet. Mir wäre es lieber gewesen, man hätte damals 100 Ost- in 100 West-Mark wechseln können.“

Auf dem Weg nach Hamburg hatte Natar 1986 ein weiteres einschneidendes Erlebnis: Im Zug kamen Westberlin kamen Hilfsbedienstete und verteilten Bananen und Apfelsinen. „Das hat mich damals schockiert“, sagt Nater., „Ich meine auch bei uns gab es Bananen und Apfelsinen, nur nicht immer und nicht ohne anzustehen, aber man konnte sie kaufen.“

Für ihr erstes Begrüßungsgeld auf Föhr hat die 62-Jährige in einem Kindergeschäft in Wyk eine Wendehose für ihren Sohn gekauft. „Sie war auf der einen Seite blau gestreift und auf der anderen Seite blau gepunktet. „Die Hose hat unser Sohn zu unserer Hochzeit im Oktober 1987 getragen, zusammen mit einer passenden blauen Samtschleife“, erzählt Nater. Beide Kleidungsstücke hat sie bis heute aufgehoben.

Zu viele Reize: Das Überangebot in den Kaufhäusern überforderte

Sophie Kirchner hat bei ihrem Fotoprojekt über das Begrüßungsgeld auch Menschen wie Camilla Nater getroffen, die sich mit dem Erhalt des Geldes zunächst gar nicht wohlgefühlt haben. „Es wird sehr oft nur pauschal von der Bevölkerungsgruppe „Ost“ gesprochen, dabei hat jeder DDR-Bürger eine ganz individuelle Biographie. Es gibt viele, die das Begrüßungsgeld als beschämend empfunden haben.“

Mit ihrem Projekt möchte sie zum Austausch zwischen Ost- und Westdeutschen anregen. Die Gegenstände dienen dabei als Gesprächsgrundlage, die eine viel tiefergehende Auseinandersetzung mit der Wendezeit ermöglichen sollen.

Kirchner selbst ist 1984 in Ost-Berlin geboren und hat in Treptow, in der Nähe der Sonnenallee gewohnt. An die DDR-Zeit hat die 35-Jährige nur noch schemenhafte Erinnerung. Genauso wie an das Begrüßungsgeld. Soweit sie weiß, hat sie es mit ihrer Familie in Neukölln abgeholt und sich davon einen Lutscher gekauft.

An die Läden in West-Berlin kann sich Kirchner bis heute erinnern. „Kennen Sie das, wenn man zu viel Schokolade isst? So war das Gefühl, dass ich damals hatte. Es gab unglaublich viele Reize und einfach zu viel Angebot. Und was mir auch noch ganz deutlich in Erinnerung ist, ist die überwältigende Euphorie der Erwachsenen. Ich konnte als Kind noch gar nicht einordnen, was da eigentlich passiert ist.“

Die Zeit reflektieren und einen Blick zurückwerfen wollte auch Peggy Meinfelder. Die 44-Jährige ist 1975 im Landkreis Hildburghausen in Thüringen direkt an der Grenze geboren und aufgewachsen. Im ehemaligen Sperrgebiet ist sie mit dem Grenzzaun groß geworden.

2002 hat sie erstmals ihre Ausstellung „Meine ersten 100 Westmark“ präsentiert. Im Rahmen ihrer Diplomarbeit an der Bauhaus Universität Weimar hat sie dafür Objekte von Bekannten und Freunden gesammelt.

Die DDR-Zeit glich für manche einem Vakuum

„Was kauft man sich von der neuen Freiheit als erstes? Das war eine schwierige Frage. Das Thema ist bis heute so populär, weil es sich anfühlt, als wäre die Zeit damals ein Vakuum gewesen“, sagt Meinfelder,. „Deswegen war meine Sammelaktion und die dazugehörige Ausstellung für mich damals ein Weg mit anderen über die DDR ins Gespräch zu kommen.“

Auch für die Menschen aus dem Westen habe sie die Gegenstände ausgestellt. Denn auch für die sei es interessant, welche Dinge aus ihrem System gekauft wurden, die sie vielleicht selbst besessen haben. Meinfelder hat mit ihren Eltern im bayrischen Coburg das Begrüßungsgeld abgeholt und Turnschuhe und ein T-Shirt von der Kette „New Yorker“ mit der Aufschrift „Be free“ gekauft. Die Aufschrift sei ihr im Nachhinein fast peinlich. „In der DDR waren ja alle Aufschriften wertfrei. Beim Kauf habe ich gar nicht darüber nachgedacht, wie sehr es zu der Situation gepasst hat“, sagt Meinfelder.

Beide Sachen hat sie heute nicht mehr. In ihrer Generation ist das aber keine Seltenheit. Viele hätten Dinge für den schnellen Bedarf gekauft. „Man muss sich vorstellen, dass die Menschen aus dem alten System mit ihren Wünschen kamen. Und dann standen ihnen all die Gegenstände auf einmal zur Verfügung. Aber natürlich konnte man sich mit 100 Mark dann aber auch nicht die Welt kaufen“, lacht Meinfelder.

Einen persönlich sehr wichtigen Gegenstand haben sich aber Birgit und Heiko Wiesner aus Roßlau mit ihren 200 West-Mark gekauft. Auch Wiesner wollte das Geld zunächst gar nicht holen. Ihr Mann habe sie dann überredet ein paar Wochen nach dem Mauerfall nach Westberlin zu fahren.

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Supermarkt oder Juwelier: Etwas kaufen was bleibt

Selbst nach dem sie in Berlin aus der Bank kamen, wusste Wiesner nicht, was sie mit dem Geld anfangen soll. Viele ihrer Freunde haben gesagt, dass sie das erste was sie sehen, kaufen sollen. Bananen, Orangen oder ein Päckchen Kaffee: Die heute 48-Jährige wollte ihr Geld aber nicht einfach in den Supermarkt bringen. Sie wollte etwas Bleibendes.

„Wir sind dann ein bisschen rumgeschlendert und mein Mann meinte dann: Wir wollen doch heiraten, warum kaufen wir dann nicht unsere Eheringe von dem Geld? Die Idee fand ich super“, erinnert sich Wiesner. Später haben Wiesners einen kleinen Laden in Westberlin entdeckt. Schon das Schaufenster habe sie angesprochen. Das ältere Ehepaar, dem der Laden gehörte, hätte laut der 48-jährigen sofort gesehen, wo sie herkamen und gefragt wie viel Geld sie hätten. Zusammen waren es 200 Mark.

„Die Ringe, die uns der Besitzer gezeigt hat, haben 99 Mark pro Stück gekostet. Ich denke, dass sie eigentlich teurer gewesen wären, aber er hat sie uns für diesen Preis verkauft“, erzählt Wiesner. Am 25. August 1990 haben Birgit und Heiko Wiesner geheiratet.

Heute 30 Jahre später gibt es keine West- und Ost-Mark mehr. Die Regale in den Supermärkten sind in jedem Bundesland üppig gefüllt. Welches Kleidungsstück oder welches Elektrogerät man sich vor fünf Jahren gekauft hat, weiß heute kaum noch jemand.

ZurüZurück bei der Firma Wilhelm-Plastic in Floh-Seligenthal: Dort kramt Geschäftsführer André Wilhelm sein altes Radio aus dem Schrank. Den Philips Synchro Recorder hat die Familie vom ersten Begrüßungsgeld im bayrischen Mellrichstadt gekauft. Er funktioniert immer noch.

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