• Emotionale Gewalt wird lange ertragen, so auch in diesem Fall
  • Erst eine Paartherapie legt die zerstörerische Dynamik der Ehe offen
  • Der Fall zeigt, ab wann Trennung unumgänglich wird

Wenn Beziehungen als toxisch bezeichnet werden, trifft das nicht immer zu. Viel zu oft vereinfacht das Etikett das komplexe Scheitern zweier Menschen in einer Paarbeziehung und ihrer gemeinsamen Kommunikation. Ein Fall aus unserer Praxis hat uns lange beschäftigt, denn hier traf die Bezeichnung „toxische Beziehung“ für einen der Beteiligten eindeutig zu. Bereits die Erzählungen des Mannes warfen Fragen auf, doch erst der gemeinsame Besuch des Paares machte deutlich, welche Ausmaße das Leiden in dieser Beziehung angenommen hatte.

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Es begann mit einer Einzelsitzung. Ein Mann kam in unsere Praxis und beklagte sich über seine Frau: Sie gehe jeden Abend gegen 19 Uhr ins Bett und stehe um halb zwei auf, um den Haushalt zu machen und das Frühstück der Kinder vorzubereiten. Gemeinsame Aktivitäten gebe es kaum noch, das Sexualleben existiere seit Jahren nicht mehr, so der Klient. Er fände es zu Hause „so gruselig“, dass er seine Frau nur noch „Grusella“ nenne.

Toxische Beziehung? Klient über Ehefrau: „Fügt sich inzwischen besser“

Die weitere Beschreibung gab uns einen noch tieferen Einblick in das Beziehungsleben: So erzählte der Mann, er habe die Karten seiner Frau sperren lassen, weil sie seiner Meinung nach nicht mit Geld umgehen könne. Stattdessen lege er ihr für die nötigsten Erledigungen jeden Tag einen bestimmten Betrag in ein Kästchen. Kleidung oder Privates bezahle sie aus ihrem eigenen Vermögen: dem Erbe ihrer Eltern, auf das er, wie er betonte, „leider keinen Zugriff“ habe.

Am Ende hatte der Mann doch noch Lob für seine vermeintlich schwierige Frau: Anfangs sei es schwierig mit ihr gewesen, doch inzwischen „füge sie sich besser“, erklärte er. Sie sei eine hingebungsvolle Mutter, die jedes der drei Kinder „wie ein Einzelkind“ behandle – genau so, wie er es sich wünsche.

Auch für sich selbst hatte er gute Worte übrig: Bei Streitigkeiten könne er zwar ab und an die Beherrschung verlieren, aber es werde besser. Dennoch könne es so nicht weitergehen und er habe eingesehen, dass er alleine nicht weiterkomme.

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Der Besuch der Frau zeigt die toxische Beziehung ganz deutlich

In der zweiten Sitzung kam das Ehepaar gemeinsam zu uns in die Praxis. Seine verunsicherte, verängstigte, sehr zarte, depressiv wirkende Frau bestätigte im Wesentlichen, was wir im Vorfeld erfahren hatten. Die Frau erzählte auch, dass sie ihren Mann kaum sehe: Er sei ein vielbeschäftigter Manager und selten zu Hause. Durch Zufall habe sie erfahren, dass er auf seinen Geschäftsreisen regelmäßig hohe Summen in bestimmten Etablissements ausgebe.

Sie fühle sich außerdem sehr alleine, da sie wegen ihres besonderen Schlaf-Wach-Rhythmus keinerlei Kontakte zu anderen Menschen habe. Und wenn sie einmal eine Freundin zu Besuch hatte, dann habe das immer zu sehr cholerischen Ausbrüchen bei ihrem Mann geführt. „Er sei nicht für schädliche Einflüsse von außen“, berichtete die Frau während der Paartherapie.

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Die einzigen Kontakte zu anderen Menschen seien die drei gemeinsamen Kinder – und die Gespräche beim Einkaufen. Während sie sprach, entschuldigte sie sich immer wieder dafür, dass sie „so abwesend“ wirke. Nach einem Sturz nehme sie starke Schmerzmittel, erzählte sie.

Toxische Beziehung erkennen: Wann Trennung der einzige Ausweg ist

War diese Beziehung noch zu retten? Alle Merkmale einer toxischen Beziehung waren vorhanden. Wir kamen daher zu einer klaren Einschätzung: Eine gemeinsame Zukunft schien in diesem Fall nicht mehr möglich. Die Dynamik zwischen der Frau und dem Mann war so tief beschädigt und das Machtgefälle so ausgeprägt, dass eine Trennung der einzig sinnvolle Schritt blieb.

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Wir empfehlen jedem Menschen, der das Gefühl hat, in einer toxischen Beziehung zu leben, sich professionelle Unterstützung zu holen. Die Muster alleine zu durchbrechen, ist kaum möglich. Als Warnsignale gelten die folgenden Merkmale: Körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt sind eindeutige Merkmale einer toxischen Beziehung. Sie zeigen sich durch Überwachung, Isolation, ökonomische Kontrolle, Drohungen oder Demütigungen. Auch Stalking gehört zu den Anzeichen.

Dauerhaft destruktive Kommunikation deutet auf toxische Beziehung hin

Außerdem läuft die Kommunikation in toxischen Beziehungen häufig nach einem sich wiederholenden, zerstörerischen Muster ab. Auf Kritik folgt ein Gegenangriff, Gespräche enden im Schweigen, und selbst harmlose Themen führen zum Streit. Die Paarforschung spricht in diesem Zusammenhang von den „vier apokalyptischen Reitern“ nach dem Psychologen John Gottman:

  1. ständige Kritik
  2. Abwehr
  3. emotionales Mauern, auch als Stonewalling bekannt
  4. Verachtung

Besonders Verachtung, also das ständige Herabsehen auf den anderen, gilt als der deutlichste Hinweis auf eine toxische Beziehung.

Das Therapeutenpaar Gisbert Straden und Andrea Katz sitzen auf einem Sofa. Für die FUNKE-Zeitungen beantworten Sie Fragen von Leserinnen und Lesern.
Therapeutenpaar Gisbert Straden schildert regelmäßig Fälle aus deiner Praxis, gibt Tipps und beantwortet mit seiner Frau Andrea Katz Beziehungsfragen von Lesern und Leserinnen.© FUNKE Foto Services | Sergej Glanze

Chronisch feindselige Beziehungen mit vielen Konflikten führen zu erhöhter Entzündungsaktivität, zu Störungen des Immunsystems oder zu depressiven Symptomen. Eine toxische Beziehung macht nachweislich krank. Typische Folgen sind außerdem anhaltende Angst, Selbstzweifel, berufliche und finanzielle Einschränkungen oder soziale Isolation.

Selbsttest: Leben Sie in einer toxischen Beziehung?

Wer unsicher ist, ob die eigene Partnerschaft bereits destruktive Züge trägt, sollte sich vier Fragen stellen und diese ehrlich beantworten möglichst – objektiv und ein wenig mit Distanz. Schon ein einzelnes „Ja“ ist ein eindeutiges Warnsignal:

  • Hat Ihr Partner Sie je gewürgt, mit dem Tod bedroht oder mit Waffen eingeschüchtert?
  • Kontrolliert Ihr Partner Sie finanziell, sozial oder digital (Kontakte, Passwörter, Standort)?
  • Verspottet Ihr Partner Sie regelmäßig oder behandelt Sie herabwürdigend?
  • Spüren Sie gesundheitliche oder psychische Folgen wie Schlaflosigkeit, Angst oder Erschöpfung?

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Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht und wollen uns Ihre Geschichte erzählen? Oder haben Sie Fragen zu einem Partnerschaftskonflikt oder sonstigen Beziehungsthemen? Schreiben Sie uns einfach unter beziehung@funkemedien.de – auf Wunsch auch anonym. Wir freuen uns, von Ihnen zu hören.

Gerne leiten wir Ihre Fragen auch an unsere Beziehungsexperten weiter, wie etwa das Therapeutenpaar Andrea Katz-Straden und Gisbert Straden. Sie geben dann Antwort auf die wichtigsten Fragen.

Wenn Sie eine der ersten beiden Fragen mit „Ja“ beantwortet haben, suchen Sie bitte umgehend professionelle Hilfe. Bei akuter Gefahr wenden Sie sich an das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter 116 016 oder das Hilfetelefon „Gewalt gegen Männer“ unter 0800 123 9900. Wählen Sie im Notfall die Nummer 110.

In der Hoffnung, dass Sie so etwas niemals selbst erleben müssen.

Ihr Kolumnist – Gisbert Straden