- Nicole Mohrs Mann starb im April unerwartet an den Folgen einer Hirnblutung
- Um die Feiertage sind die Erinnerungen für sie und ihre Kinder besonders schmerzhaft
- Trauerbegleiterin Lilian Binder gibt hilfreiche Tipps für Betroffene
Wenn die 50-jährige Nicole Mohr aus dem bayerischen Straubing über Weihnachten spricht, dreht sich vieles um den Verlust, der alles verändert hat: Ihr Mann Wilfried starb am 3. April mit 66 Jahren überraschend an einer Hirnblutung. 18 Jahre lang waren die beiden ein Paar, vier davon verheiratet. Sie haben zwei Kinder im Alter von zwölf und 14 Jahren. Nun steht das erste Weihnachtsfest ohne den Vater und Ehemann bevor.

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Richtige Weihnachtsstimmung sei bei der Familie im Advent noch nicht aufgekommen, erzählt Nicole. Sie und ihre beiden Kinder, zwei Mädchen, werden Heiligabend mit den Großeltern verbringen. Ihre jüngere Tochter sei immer die treibende Kraft beim Dekorieren gewesen. Dieses Jahr habe sie sie nur mit Nachdruck motivieren können. Nicole hat Angst vor den Feiertagen, aber auch eine klare Botschaft an ihre Kinder. Trauerbegleiterin Lilian Binder erklärt, was Trauernden durch die schwere Zeit hilft.
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Trauerbegleiterin: Verlust ist an Weihnachten besonders präsent
Bei Nicole und ihren Kindern Magdalena und Isabella werden viele Rituale in diesem Jahr anders sein als früher: Statt Raclette will die Familie bewusst etwas anderes essen. Der Großvater wird sie überraschen. „So können wir eine neue Tradition schaffen“, sagt Nicole. „Eine Tradition, die unser neues Leben ausmacht.“ Auch ihren Geburtstag am 24. Dezember wird Nicole anders erleben. „Das macht mich fast noch trauriger, weil es der erste Geburtstag ohne Wilfried sein wird“, sagt Nicole. Sonst habe sie sich immer gesondert ein Geschenk wünschen dürfen. Dazu habe er ihr Blumen geschenkt.
Vielen Menschen, die eine geliebte Person verloren haben, dürfte es an Weihnachten ähnlich gehen wie Nicole. Die Berliner Trauerbegleiterin Lilian Binder betont: Ein „richtiges oder falsches Trauern“ gebe es dabei nicht. Gerade an den Feiertagen sollten sich Trauernde klarmachen, dass ein Trauerprozess niemals ganz abgeschlossen sein wird.

„Wenn du einen Menschen verlierst, den du liebst, dann wird dich die Trauer auf eine Art ein Leben lang begleiten“, betont sie. „Deshalb geht es darum, die Trauer zu integrieren. Wenn wir lernen, ihr und sich selbst Raum zu geben, dann wird sie mit der Zeit leichter und wir kommen immer besser mit ihr zurecht.“ Doch sie warnt: Weihnachten verstärke viele Gefühle, weil Erwartungen, Erinnerungen und der reduzierte Alltag zusammenkommen. „Die Vorweihnachtszeit und die Feiertage sind emotional total aufgeladen“, so Binder. Traditionen, Gerüche, Musik – all das könne die entstandene Lücke deutlicher machen.
Nach schwerer Hirnblutung: Mann Wilfried stirbt im Beisein seiner Frau
Die Lücke im Leben von Nicole Mohr und ihrer Familie entstand im Frühling ohne Vorankündigung. Was zunächst wie ein Schlaganfall aussah, stellte sich im Krankenhaus als tiefe Blutung im Hirnstamm heraus. Diagnose: nicht operabel. Nicole musste entscheiden, wie es weitergeht. Ihr Mann wäre ein schwerer Pflegefall gewesen. „Er hätte so nicht leben wollen“, da ist sich Nicole sicher. Mit ihrer Entscheidung, die Maschinen abschalten zu lassen, hat sie daher auch noch nie gehadert. Als die Ärzte die künstliche Beatmung nach sechs Tagen beenden, verstirbt Wilfried innerhalb weniger Minuten. Nicole sitzt neben ihm. „Sein Tod war friedlich, ruhig und voller Liebe, Schmerz und Traurigkeit“, erinnert sie sich.
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Doch in den ersten Wochen nach Wilfrieds Tod blieb kaum Zeit für Trauer. Nicole organisierte die Beerdigung, kümmerte sich um Behördenpost, finanzielle Fragen und übergangsweise die Hautarztpraxis ihres Mannes. „Ich bin von Telefonat zu Telefonat, von Termin zu Termin“, sagt sie rückblickend. Im ersten Moment scheint ihr das gut zu gelingen.
Doch als Nicole Mohr einen Vertreter für die Praxis gefunden hat und sie in ihren Beruf zurückkehren will, bricht die Trauer über sie herein. „Ich hatte so viele verschiedene Gefühle auf einmal: Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Wut, tiefste Traurigkeit und diesen einen Schmerz, der im Magen sitzt, einem den Hunger nimmt und einen nicht mehr klar denken lässt“, beschreibt sie diese Zeit. „Ich dachte, ich kann so nicht mehr weiterleben.“
Trauer in der Weihnachtszeit: Konkrete Tipps
Sie findet in ihrem Umfeld eine Stütze und lernt, mit dem Verlust umzugehen. Doch ihr graut vor den kommenden Feiertagen: „Es wird kein Fest der Freude werden, aber ein Fest der Liebe und der Trauer“, sagt sie. Für sie gehört beides zusammen: „Wenn jemand von uns weint, dann soll er das.“ Sie versucht, den Druck herauszunehmen und klare Erwartungen zu formulieren: Ruhe, wenige Termine, Familienzeit. „Nur mit neuen Herzensmomenten kann es uns gelingen, einen neuen Alltag und ein neues Leben zu gestalten.“

„Für die Feiertage kann es helfen, sich einen Fahrplan zurechtzulegen“, empfiehlt Trauerbegleiterin Binder. Er gebe Halt und Sicherheit. Betroffene sollten sich vor den Feiertagen überlegen, wie sie diese verbringen wollen: Möchten sie alleine sein? Verbringen sie Weihnachten dieses Jahr ganz anders als sonst? Möchten sie etwas unternehmen? Wichtig sei, dass sich der Plan jederzeit ändern dürfe und alle Gefühle erlaubt seien, wie bei Nicoles Familie. Hilfreich sei auch eine Vertrauensperson, die ein vereinbartes Notfallsignal erhält und sofort reagiert. Auch Trauergruppen könnten entlasten. „Niemand muss mit seiner Trauer alleine bleiben“, sagt Binder.
An Weihnachten trotz Trauer Erinnerungen bewahren
Sie rät jeder trauernden Person zu schauen, was ihn oder sie unterstützen kann. „Manchen kann helfen, dem Menschen, der fehlt, einen Platz am Weihnachtstisch mitzudecken, als Zeichen der Verbundenheit“, so Binder. „Oder man backt die Plätzchen, die er so gerne gegessen hat, und bringt sie ans Grab, oder kocht sein Lieblingsessen.“
Nicole versucht, die Trauer als Teil ihres Alltags anzunehmen. „Ich spreche in Gedanken den ganzen Tag mit meinem Mann und erzähle ihm alles“, sagt sie. „Außerdem höre ich immer und überall Musik. Dafür habe ich mir Playlists mit trauriger Musik erstellt, die mich an Wilfried erinnert.“ Für sie sei es wichtig, alle Gefühle rauszulassen, sagt Nicole.
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Gleichzeitig blicke sie nach vorn: „Durch den Tod von Wilfried habe ich keine Angst mehr vor meinem eigenen.“ Nicole glaubt daran, dass sie und ihr Mann sich eines Tages wiedersehen werden. „Das gibt mir Hoffnung und Halt.“ An Weihnachten will sie deshalb „die Stellung halten“ und Wilfrieds Werte vertreten, trotz aller Angst. Für Nicole ist klar: Dieses Weihnachtsfest wird für alle anders werden. Aber sie betont: „Mein Mann wird im Herzen immer dabei sein.“ Und auch die Trauer hat ihren Platz.










