Lange Zeit galten Metastasen als eine Art Endstation der Krebserkrankung. Hatten sich Tumorabsiedlungen einmal in einem Organ festgesetzt, so die gängige Annahme, wuchsen sie dort weiter – ohne selbst erneut Tochtergeschwülste zu bilden. Ein Forschungsteam aus Regensburg und Erlangen kommt nun zu einem anderen Schluss.

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Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Universitätsklinikums Regensburg und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zeigen: Bestimmte Metastasen bleiben nicht auf ihren Ursprungsort im Organ beschränkt. Sie können früh einzelne Krebszellen freisetzen, die sich innerhalb desselben Organs erneut ansiedeln und dort weitere Herde bilden. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im Fachjournal Molecular Cancer.

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Neue Herde noch vor der Sichtbarkeit im MRT

Seit mehr als zehn Jahren untersucht das Team um Dr. Raquel Blazquez und Professor Tobias Pukrop, wie sich Metastasen nach ihrer Ansiedlung im Körper entwickeln. Im Zentrum der aktuellen Arbeit standen Hirnmetastasen. Gerade im Gehirn zeige sich besonders deutlich, wie unterschiedlich sich solche Tumorherde verhalten können.

Ein Teil der Metastasen wächst demnach relativ kompakt an einer Stelle. Andere jedoch verhalten sich aggressiver: Sie geben offenbar sehr früh einzelne Tumorzellen ab, teils noch bevor die ursprüngliche Metastase in modernen Bildgebungsverfahren wie der Magnetresonanztomografie eindeutig zu erkennen ist. Diese Zellen können sich an anderer Stelle im selben Organ festsetzen. Manche dieser neuen Herde wachsen sogar schneller als der Ausgangstumor.

Damit widersprechen die Daten der bisherigen Vorstellung, Metastasen würden ausschließlich lokal expandieren.

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Komplexerer Krankheitsverlauf

Für Patientinnen und Patienten könnte dieses unterschiedliche Verhalten erhebliche Bedeutung haben. Gerade im Gehirn reagieren empfindliche Strukturen auf zusätzliche Raumforderungen. Schon kleine neue Herde können neurologische Ausfälle, Sprachstörungen oder Krampfanfälle auslösen. Bislang ging man häufig davon aus, dass jede sichtbare Metastase direkt auf die ursprüngliche Streuung des Primärtumors zurückzuführen ist. Wenn jedoch auch Metastasen selbst weitere Zellen aussenden, wird der Krankheitsverlauf komplexer als bisher angenommen.

Professor Pukrop mahnt dennoch zur Zurückhaltung. Für konkrete Änderungen in der Therapie sei es noch zu früh. „So weit sind wir in der klinischen Anwendung aber noch nicht“, betont er. Die Ergebnisse eröffneten jedoch neue Denkansätze und könnten langfristig zu innovativen Behandlungsstrategien führen.

Auch Studienleiterin Blazquez spricht von ungewöhnlich klaren Befunden – gerade weil die Forschung wissenschaftliches Neuland betrete.

Mögliche Folgen für die Therapie

Noch haben die Erkenntnisse keinen direkten Einfluss auf Leitlinien. Doch sie werfen Fragen auf: Reicht es künftig aus, nur die im MRT sichtbaren Herde gezielt zu behandeln? Oder müsste man Metastasen bereits in sehr frühen Stadien systemisch therapieren, um erneute Ausbreitungswellen innerhalb eines Organs zu verhindern?

Diskutiert werden unter anderem engmaschigere Kontrollen kleiner Metastasen, ein früherer Einsatz systemischer Therapien und angepasste Bestrahlungskonzepte bei Hirnmetastasen.

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Metastasierte Erkrankungen sind für den Großteil krebsbedingter Todesfälle verantwortlich, häufig durch das Versagen einzelner Organe. Ein besseres Verständnis der sogenannten sekundären Ausbreitungswellen innerhalb eines Organs gilt deshalb als wichtiger Baustein moderner, präzisionsmedizinischer Krebstherapie.

Wie groß die klinische Bedeutung der neuen Befunde tatsächlich ist, sollen nun weitere Untersuchungen und klinische Studien klären. „Wie so oft stehen wir am Anfang“, sagt Pukrop. Ziel sei es, die biologischen Erkenntnisse sorgfältig zu prüfen – und sie, wenn möglich, in konkrete Vorteile für Betroffene zu übersetzen.