Mutterschaft gilt als natürliche Erfüllung. Doch was, wenn sie sich nicht so anfühlt? In dieser Ausgabe unseres Beziehungs-Newsletters „Ein FUNKE Liebe“ erzählt unsere Autorin Alina Juravel von ihren persönlichen Erfahrungen – und plädiert dafür, Frauen auch die unbequemsten Gefühle zuzugestehen.
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Ich habe in meinem Leben schon einiges geschafft, das mich an meine Grenzen gebracht hat. Aber nichts – wirklich nichts – war so anstrengend wie das erste Jahr mit meinem Baby. Nicht einmal die Geburt selbst, denn sie war nach ein paar Stunden wenigstens vorbei. Das erste Babyjahr war dagegen kein Ereignis. Es war ein Zustand. Es waren die schlaflosen Nächte, die sich anfühlten wie ein nie endender Jetlag. Es war mein Körper, der noch heilte und gleichzeitig funktionieren musste. Es war ein Baby, das ich über alles liebte – und das mich trotzdem an meine Grenzen brachte.
Und dann war da diese leise, aber gewaltige Erkenntnis: Ich hatte nicht einfach ein Kind bekommen. Ich hatte eine lebenslange Aufgabe übernommen. Diese Einsicht traf mich mit einer Wucht, auf die mich niemand vorbereitet hatte. Keine Checkliste, kein Geburtsvorbereitungskurs, kein noch so ehrlicher Erfahrungsbericht. Muttersein ist kein Projekt. Es ist kein Lebensabschnitt. Es ist eine irreversible Identitätsverschiebung.

Ich habe gehadert mit meiner neuen Rolle. Mit dem Verlust von Spontaneität. Mit der Verantwortung, die sich nicht mehr ablegen ließ. Mit der Tatsache, dass ich nie wieder nur für mich allein existieren würde. Und doch habe ich kein einziges Mal die Entscheidung bereut, ein Kind bekommen zu haben. Aber ich verstehe Frauen, die genau das sagen.
Franziska bereut es, Mutter zu sein: „Erfüllt mich einfach nicht“
Seit die israelische Soziologin Orna Donath 2015 ihr Buch „Regretting Motherhood“ veröffentlichte, ist ein Tabu zumindest benannt: Es gibt Mütter, die ihre Mutterschaft bereuen. Nicht ihr Kind. Sondern die Entscheidung, Mutter geworden zu sein. Auch Franziska Burkhardt ist eine von ihnen. Dabei träumte sie seit jeher von einer kleinen Familie. Muttersein, so erzählte sie es meiner Kollegin Natalja Fischer, war für sie die Vorstellung von purem Glück. Heute ist sie Mutter einer Tochter, doch Glückseligkeit erlebt sie nicht. Stattdessen bereut sie rückblickend die Entscheidung für ein Kind. Warum sie so empfindet, können Sie in diesem Text hier nachlesen.
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Mutterschaft gilt als ultimative Erfüllung, als biologisches und emotionales Ziel. Wer sie infrage stellt, rührt an einem kulturellen Fundament. Dass eine Mutter aber öffentlich Schwäche zugibt, ist für viele schwer auszuhalten, weil es unser Idealbild der selbstlosen Mutter erschüttert. In einer Gesellschaft, die Frauen jahrzehntelang auf ihre reproduktive Rolle reduziert hat, wirkt es wie Verrat, wenn jemand diese Rolle ablehnt – selbst im Nachhinein.

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Ich persönlich habe mein erstes Jahr als Mutter oft als Überforderung erlebt. Nicht weil mein Kind „schwierig“ war. Sondern weil die Verantwortung allumfassend war. Weil unsere Strukturen Elternschaft als private Angelegenheit behandeln, während sie zugleich moralisch überhöht wird. Weil Mütter funktionieren sollen – liebevoll, geduldig, dankbar. Wer unter dieser Last zusammenbricht oder sie infrage stellt, gilt schnell als undankbar. Dabei ist es bewiesen, dass Mütter wegen ihrer neuen Rolle krank werden können. Ernsthaft krank.

Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe entwickeln 10 bis 15 Prozent aller Frauen nach der Geburt eine Wochenbettdepression. Die Dunkelziffer könnte noch höher liegen, da viele betroffene Frauen ihre Symptome aus Scham oder Unwissenheit nicht teilen. Auch Britta Scheufens erlebte nach der Geburt ihrer Tochter eine schwere Depression, die sie an den Rand der Verzweiflung brachte. Ihre beeindruckende Geschichte und wie sie den Weg aus der Depression wieder herausfand, können Sie hier lesen.
Kinder bekommen: Wir sollten aufhören, Mutterschaft zu idealisieren
Mittlerweile genieße ich es sehr, Mutter zu sein. Meine Tochter ist fast drei und sie bereichert mein Leben jeden Tag. Aber ich weiß sehr gut, was mich die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, gekostet hat. Und ich glaube, wir sollten Frauen, die anders empfinden, nicht verurteilen, sondern ihnen zuhören. Nicht um Kinder infrage zu stellen. Sondern um Mutterschaft realistischer zu betrachten. Denn nur wenn wir aufhören, sie zu idealisieren, können wir sie für diejenigen, die sie leben, auch besser machen.
Und wie sieht es bei Ihnen aus? Haben Sie auch mit Ihrer neuen Elternrolle gehadert, oder hat diese Rolle Sie von Anfang an erfüllt? Erzählen Sie es mir gerne, ich freue mich darauf! Auch wenn Sie Kritik haben oder Anregungen, können Sie mir jederzeit eine Mail an alina.juravel@funkemedien.de schreiben.
Alles Liebe,
Alina Juravel
„Ein FUNKE Liebe“
Der Newsletter „Ein FUNKE Liebe“ liefert alle zwei Wochen, immer sonntags, spannende, berührende und manchmal auch provokante Texte rund um das Thema Partnerschaft direkt in Ihr E-Mail-Postfach. Ob es um den Wunsch nach mehr Nähe oder den Mut zur Trennung geht, um Probleme im Bett, einen unerfüllten Kinderwunsch oder den Alltag mit Kindern – bei „Ein FUNKE Liebe“ werden Beziehungsthemen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet – mit persönlichen Erfahrungen, Expertenwissen und Tipps für Leserinnen und Leser.






