Als der dänische Fußballstar Christian Eriksen Anfang Juni im Länderspiel gegen die Ukraine plötzlich zu Boden ging, hielt die Fußballwelt erneut den Atem an. Fünf Jahre nach seinem Herzstillstand bei der Europameisterschaft 2021 war es diesmal sein implantierter Defibrillator (ICD), der auslöste und ihn schützte. Wenig später gab Eriksen selbst Entwarnung: Das Gerät habe genau das getan, wofür es entwickelt wurde.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Der Vorfall hat viele Menschen bewegt – und zugleich zahlreiche Fragen aufgeworfen: Wie funktioniert ein implantierbarer Defibrillator überhaupt? Woran erkennt er, dass das Herz in Gefahr ist? Wie fühlt sich ein Schock an? Und kann man mit einem solchen Gerät tatsächlich weiterhin Sport treiben? Über diese und weitere Fragen sprechen wir mit Prof. Dr. med. Bernd Nowak. Er ist Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Kardiologie am MVZ Cardioangiologisches Centrum Bethanien in Frankfurt und ist zudem Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung.

Lesen Sie auch

Herr Dr. Nowak, wer benötigt einen implantierbaren Defibrillator?

Bernd Nowak: Das Gerät kommt grundsätzlich für zwei Patientengruppen infrage und dient zur Primärprävention und zur Sekundärprävention des plötzlichen Herztodes. Von Primärprävention sprechen wir, wenn wir einem lebensbedrohlichen Ereignis vorbeugen möchten, bevor es überhaupt eingetreten ist. Das betrifft beispielsweise Patienten mit einer deutlich eingeschränkten Herzfunktion nach einem Herzinfarkt oder bei einer Herzschwäche anderer Art. Bei ihnen ist das Risiko für gefährliche Herzrhythmusstörungen erhöht, auch wenn sie bislang noch keine solche gefährliche Rhythmusstörung erlebt haben.

Die Sekundärprävention betrifft dagegen Menschen, die bereits eine lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung oder sogar einen Herzstillstand überlebt haben. Hier wissen wir, dass ein hohes Risiko für ein erneutes Ereignis besteht.

Auch interessant

Elektrischer Schock bei Herzstillstand: So wirken die Implantate

Wo genau und wie wird das Gerät eingesetzt?

Der Defibrillator wird in einem kleinen operativen Eingriff meist unterhalb des Schlüsselbeins eingesetzt, in der Regel auf der linken Brustseite. Das eigentliche Gerät hat eine Länge beziehungsweise Breite von 6 bis 8 Zentimetern und ist 6 bis 10 Millimeter dick und wird unter der Haut in einer kleinen Gewebetasche platziert. Von dort aus werden eine oder mehrere Elektroden über eine Vene bis in das Herz vorgeschoben.

Nach der Implantation können die meisten Betroffenen bereits nach wenigen Tagen ihren Alltag wieder aufnehmen. Regelmäßige Nachkontrollen stellen sicher, dass das Gerät optimal eingestellt ist und zuverlässig arbeitet.

Wie verändert sich der Alltag nach der Implantation?

Für die meisten Patienten verändert sich der Alltag nach der Implantation deutlich weniger, als sie zunächst befürchten. Nach der Heilungsphase können die meisten wieder ihren gewohnten Aktivitäten nachgehen, arbeiten, reisen und sich körperlich betätigen. Ein implantierbarer Defibrillator soll das Leben nicht einschränken, sondern mehr Sicherheit im Alltag geben. Welche Sportarten für die Betroffenen geeignet sind, sollte individuell mit dem behandelnden Kardiologen oder der Kardiologin besprochen werden.

Ein implantierbarer Defibrillator ist etwa so groß wie eine kleine Streichholzschachtel und soll vor plötzlichem Herztod schützen.
Ein implantierbarer Defibrillator ist etwa so groß wie eine kleine Streichholzschachtel und soll vor plötzlichem Herztod schützen.© Getty Images | Getty Images

Wie erkennt das Gerät, wann es eingreifen muss?

Ein implantierbarer Defibrillator überwacht den Herzrhythmus rund um die Uhr. Er erkennt dabei nicht nur, wie schnell das Herz schlägt, sondern analysiert auch das Muster des Herzrhythmus. Anhand programmierter Kriterien kann das Gerät zwischen harmlosen Herzrhythmusveränderungen und lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen wie etwa Kammerflimmern unterscheiden.

Wird eine gefährliche Rhythmusstörung festgestellt, greift das Gerät stufenweise ein. Zunächst versucht der Defibrillator häufig, die Rhythmusstörung mit einer schnellen, schmerzfreien Stimulationsserie zu beenden. Gelingt das nicht oder liegt von Anfang an Kammerflimmern vor, gibt das Gerät einen elektrischen Schock ab, der den normalen Herzrhythmus wiederherstellen soll.

Kardiologe: Ein Defibrillator behandelt keine Herzerkrankung

Wie fühlt sich ein solcher Schock an?

Viele Betroffene beschreiben den Schock als einen plötzlichen, kräftigen Schlag gegen den Brustkorb oder wie einen heftigen Tritt von innen. Das kann im Moment des Schocks schmerzhaft und erschreckend sein. Auch wenn die Erfahrung unangenehm sein kann, zeigt der ausgelöste Schock, dass das Gerät genau das tut, wofür es entwickelt wurde – es beendet eine gefährliche Rhythmusstörung und kann damit Leben retten.

Lesen Sie hier alle Teile unserer Herz-Doc Serie

Wie wirksam ist heutzutage ein implantierbarer Defibrillator?

Die Geräte sind heute technisch sehr ausgereift. Sie erkennen gefährliche Rhythmusstörungen mit hoher Zuverlässigkeit und können sie in den allermeisten Fällen innerhalb weniger Sekunden wirksam beenden. Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass ein Defibrillator eine hochwirksame Maßnahme ist, um den plötzlichen Herztod zu verhindern.

Wichtig ist aber auch: Ein Defibrillator behandelt die gefährliche Herzrhythmusstörung, nicht die zugrunde liegende Herzerkrankung. Deshalb bleibt eine konsequente Behandlung der Grunderkrankung mit Medikamenten und gegebenenfalls weiteren Eingriffen unverzichtbar.

Prof. Dr. med. Bernd Nowak
Prof. Dr. med. Bernd Nowak. Er ist Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Kardiologie am MVZ Cardioangiologisches Centrum Bethanien in Frankfurt.© Privat | Privat

Viele Menschen empfinden den Gedanken, ein Gerät im Körper zu tragen, das jederzeit einen Schock abgeben kann, als beängstigend. Was können sie gegen diese Angst tun?

Diese Sorge ist eine normale Reaktion und sollte nicht kleingeredet werden. Es kann helfen, sich bewusst zu machen, wofür der Defibrillator da ist. Er schützt vor dem plötzlichen Herztod und gibt vielen Menschen die Möglichkeit, wieder mit mehr Zuversicht und Sicherheit am Alltag teilzunehmen. Der Defibrillator ist quasi ein Schutzengel, der immer dabei ist.

Wenn die Angst dennoch anhält oder das Leben stark beeinträchtigt, sollte man sie nicht für sich behalten. Gespräche mit dem behandelnden Kardiologen, spezialisierten Pflegekräften oder auch Selbsthilfegruppen können sehr entlastend sein. In manchen Fällen kann auch eine psychokardiologische Begleitung sinnvoll sein.