Schätzungen zufolge erkranken in Deutschland etwa 30.000 Menschen pro Jahr neu an einem Hirntumor. Weil Tumoren im Gehirn derzeit noch schwer zu behandeln sind, sind innovative Therapieansätze besonders wichtig.

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Neurologe Prof. Martin Glas ist Spezialist für die Behandlung. Im Interview erklärt er, welche Säulen der Therapie es gibt und welche Rolle klinische Studien dabei spielen, Betroffenen in Zukunft besser helfen zu können.
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Herr Glas, Hirntumoren gehören zu den seltenen Krebserkrankungen, richtig?
Prof. Martin Glas: Das kann man so nicht sagen. Wir haben in Deutschland ungefähr 30.000 Neudiagnosen pro Jahr, wenn man primäre und sekundäre Hirntumoren zusammenzählt. Brustkrebs, um ein Beispiel zu nennen, ist mit rund 70.000 neuen Diagnosen jährlich zwar deutlich häufiger. Aber bei jungen Erwachsenen zwischen 15 und 45 Jahren gehören Hirntumoren zu den drei häufigsten Krebserkrankungen.
Was ist der Unterschied zwischen primären und sekundären Hirntumoren?
Primär nennt man die Tumoren, die ausschließlich im Gehirn entstehen. Als sekundäre Hirntumoren werden Hirnmetastasen bezeichnet: Irgendwo im Körper gibt es einen Haupttumor und Tumorzellen haben ins Gehirn gestreut.
Hirntumoren: Es gibt mehr als 100 verschiedene Arten
Hirntumor – allein das Wort löst Angst aus. Ist jeder Hirntumor tödlich?
Nein. Es gibt mehr als 100 verschiedene Arten von Hirntumoren, und nur etwa 40 Prozent sind bösartig. Die bösartigen Hirntumoren sind allerdings, bis auf wenige Ausnahmen, nicht heilbar.

Was macht die Behandlung von Hirntumoren so herausfordernd?
Das Gehirn ist das komplizierteste Organ, unsere oberste Schaltstelle. Man kann hier nicht grenzenlos Gewebe entfernen, ohne einen bleibenden Schaden zu verursachen. Zum anderen sind Hirntumoren sehr heterogen: Sie unterscheiden sich trotz zum Teil gleicher Bezeichnung in der Art, der Region, der zellulären Zusammensetzung von Patient zu Patient. Und selbst bei einer einzelnen Patientin können im Tumor einzelne Zellen unterschiedlich auf eine Therapie ansprechen. Zeitliche Veränderungen innerhalb des Tumors gibt es auch noch.
Dazu kommt die Blut-Hirn-Schranke: Sie schirmt das zentrale Nervensystem vom restlichen Blutkreislauf ab, wodurch nicht jedes Medikament im Gehirn ankommen kann. Und: Hirntumoren hemmen im Tumor und der Umgebung das Immunsystem. Deshalb funktionieren die modernen Immuntherapie-Ansätze deutlich schlechter als bei anderen Krebsarten.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es dann?
Klassischerweise gibt es vier Therapiesäulen. Die erste Säule ist die Operation, das heißt die Tumorentfernung. Diese ist nicht nur eine Therapiemaßnahme und für die Prognose relevant, es wird dabei auch Gewebe entnommen, das wir zwingend für die Diagnostik benötigen. Die zweite Säule ist die Strahlentherapie, bei der es inzwischen viele neue Ansätze gibt, die dritte die medikamentöse Therapie, was nicht automatisch immer Chemotherapie heißen muss. Für das Glioblastom, den bösartigsten Hirntumor, gibt es seit ungefähr acht Jahren noch eine zusätzliche Behandlung mit sogenannten elektrischen Wechselfeldern.
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Therapie: Herausfinden, welcher Weg vielversprechend ist
Dass Hirntumoren so heterogen sind, erschwert auch die klinische Forschung. Wie können Studien für Hirntumorbetroffene trotzdem funktionieren?
Zum einen über die Definition guter Einschlusskriterien, die immer molekularer werden, um besser Subgruppen zu definieren, und zum anderen über moderne Studienansätze. Ein spannender neuer Ansatz, der kürzlich in abgewandelter Form im Rahmen einer Hirntumorstudie analysiert wurde, ist es, innerhalb einer Studie verschiedene molekulare Subgruppen zuzulassen und jede Gruppe individuell, also personalisiert, zu behandeln.
Der Tumor wird dafür erweitert molekular untersucht und man fragt: Welche individuellen Therapieziele hat dieser Tumor bei diesem Patienten? Dann wird aus den in der Studie verfügbaren Medikamenten ausgewählt. Im Verlauf wird während der Studie statistisch analysiert, welche molekulare Therapie möglicherweise am besten funktioniert, und die Studie angepasst. Durch dieses adaptive Studiendesign kann man früh herausfinden, welcher Weg bei diesen Tumoren am vielversprechendsten ist.
Empfehlen Sie jedem Ihrer Patientinnen und Patienten die Teilnahme an einer Studie?
Grundsätzlich prüfen wir bei jedem Patienten immer die Teilnahme an einer klinischen Studie, da diese natürlich gerade bei unheilbaren Erkrankungen den Zugang zu innovativen Therapien und damit auch eine Chance auf eine bessere Behandlung der Erkrankung bieten kann. Und selbstverständlich brauchen wir auch möglichst viele Studien und viele Teilnehmende, weil wir nur so bei der Behandlung dieser aggressiven Tumoren weiterkommen können.
Klinische Studien sind der Innovationstreiber für medizinischen Fortschritt. Aber man muss bei dieser Vorgehensweise auch immer den Menschen sehen, der vor einem sitzt, und abwägen, was für diese Person in dieser Situation wirklich das individuell Beste ist. Im Einzelfall kann es natürlich sein, dass nicht immer der akademische Mehrwert oder der erhoffte Therapieeffekt einer Studie auch der beste Weg für diesen individuellen Hirntumorbetroffenen darstellt. Das muss dann offen und transparent besprochen werden und ggf. eine individuelle Behandlung außerhalb einer Studie diskutiert werden.
Zur Person: Prof. Martin Glas
Prof. Martin Glas ist Neurologe und Hirntumor-Spezialist. Er leitet seit Februar 2025 als Chefarzt die Klinik für Neurologie und Neuroonkologie am St. Marien Hospital Lünen. Zuvor war er Leiter des Neuroonkologischen Zentrums am Westdeutschen Tumorzentrum, Uniklinik Essen, und etablierte dort eines der größten Hirntumorzentren.
Krebs: Tumorzellen im Gehirn kommunizieren mit gesunden Zellen
Welche Ansätze aus der Forschung sind im Moment am vielversprechendsten?
Aktuell forschen wir an verschiedenen Ansätzen. So etwa an der Impfung gegen Krebs. Nicht als Prophylaxe, sondern als Therapie. Darüber hinaus versuchen wir herauszufinden, wie wir die Blut-Hirn-Schranke öffnen können, damit Medikamente besser in das Gehirn gelangen und wirken können. Und wir haben vor einigen Jahren verstanden, dass Tumorzellen im Gehirn ein Netzwerk bilden, auch mit den gesunden Zellen, und kommunizieren. Aktuell ist die Annahme, dass man den Tumor besser bekämpfen kann, wenn man diese Kommunikation, beziehungsweise dieses Netzwerk, stört. Erforscht wird jetzt, wie man das Netzwerk oder die Kommunikationswege zerstören kann.
Was motiviert Sie, immer weiter an der Heilung von Hirntumoren zu forschen?
Ich möchte einfach dazu beitragen, dass wir unseren Patientinnen und Patienten immer besser helfen können und wir Hirntumoren irgendwann heilen können!
Studien Wirken
Der Schlüssel für medizinischen Fortschritt sind klinische Studien. Die Initiative „Studien Wirken“ (studien-wirken.de) setzt sich gemeinsam mit Patientinnen und Patienten und Vertretern aus Forschung, Versorgung, Politik und forschender Industrie dafür ein, Wissen und Vertrauen zu klinischer Forschung sowie den Studienstandort Deutschland zu stärken. In Arbeitskreisen und mit einem Patientenrat arbeitet sie an besseren Bedingungen für klinische Studien in Deutschland. „Studien Wirken“ ist eine Initiative der FUNKE Mediengruppe, zu der auch diese Redaktion gehört.










