Während die Gesundheitsreform der Bundesregierung Krankenhäuser weiter belasten könnte, klagen Ärzte und Pfleger schon jetzt über die Zustände. Schlagzeilen der vergangenen Monate wirken wie Alarmsignale: In Mecklenburg-Vorpommern wird eine Patientin an der falschen Rippe operiert, in Bremen tauchen Dutzende fehlerhafte Krebsbefunde auf. Solche gravierenden Behandlungsfehler sind selten – aber sie passieren. Und sie markieren nach Ansicht einiger Experten nur die sichtbare Spitze eines größeren Problems.

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Schätzungen des Medizinischen Dienstes zufolge verursachen Behandlungsfehler im deutschen Gesundheitssystem jährlich Kosten in Höhe von rund 15 Milliarden Euro. Neben dem Mangel an Fachkräften sieht Stefan Gronemeyer die Fehlerkultur in der deutschen Medizin als Hauptursache an. Er ist Vorstandsvorsitzender des Medizinischen Dienstes (MD), der die gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen berät und jährlich eine Statistik zu Behandlungsfehlern in Deutschland veröffentlicht.

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Chiara: „Es geht in den kleinen, unsichtbaren Sachen los“

Um Gronemeyers Diagnose nachzugehen, hat diese Redaktion mit einem erfahrenen Chirurgen und einer Krankenpflegerin gesprochen. Was erleben sie in ihrem Alltag? Wie wird mit Fehlern umgegangen – und welche Strukturen begünstigen sie? Vor allem: Was müsste sich ändern, damit Patientinnen und Patienten sich sicherer fühlen?

Chiara Lehmann (Name von der Redaktion geändert) ist 31 Jahre alt und als Pflegekraft im Raum Berlin-Brandenburg tätig. Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie zunächst Vollzeit in der Psychiatrie. Während der Corona-Pandemie wechselte sie in die Zeitarbeit; als Leasing-Kraft springt sie seither in unterschiedlichen Kliniken und Einrichtungen ein. Aus Sorge davor, nicht mehr gebucht zu werden, möchte sie nicht unter ihrem richtigen Namen genannt werden.

„Das, was ich mache, kann ich nur deswegen machen, weil ich‘s mir nicht 40 Stunden und mehr die Woche antun muss“, sagt sie im Gespräch mit dieser Redaktion. Wenn über Missstände im System gesprochen werde, denke man schnell an spektakuläre Szenen: auf der einen Seite der Station ein Sturz, auf der anderen ein Herzinfarkt – und zu wenig Hände für alles gleichzeitig. „Aber es geht ja schon in den kleinen, unsichtbaren Sachen los“, sagt Chiara. Händedesinfektion etwa gerate im Stress zu kurz. Auch die Kommunikation hake.

Auch hier passierten Behandlungsfehler

Problemkind Personalmangel

Sie erinnert sich an eine Situation, die leicht hätte eskalieren können: Eine Pflegehelferin bot an, bei mehreren Patientinnen und Patienten den Blutzucker zu messen – Chiara stimmte zu. Später wollte Chiara einem Mann auf Basis der dokumentierten Werte Insulin verabreichen. Der Patient erklärte jedoch, er habe seine Dosis bereits erhalten – von der Pflegehelferin, die eigentlich nur den Blutzucker messen sollte. „Ich hatte Glück, dass er orientiert war und mir das mitteilen konnte. Wenn er zum Beispiel dement gewesen wäre, dann hätte ich ihm eventuell seine doppelte Dosis Insulin gespritzt, und das kann im schlimmsten Fall tödlich enden.“

In diesem Fall blieb es bei der Beinahe-Panne. Im Krankenhaus könne man im Zweifel auch gegensteuern, sagt sie – aber eben nur, wenn der Fehler rechtzeitig entdeckt wird. Solche Momente begleiteten ihren Arbeitsalltag. Nicht zuletzt, weil Krankenhaus-Mitarbeiter aus Personalmangel ihrer Erfahrung nach oft über ihre eigentlichen Befugnisse hinweg Aufgaben übernehmen.

Ein weiteres Dauerproblem sei die Dokumentation. Idealerweise werde jede Behandlung detailliert festgehalten. In der Realität, so Chiara, stehe das Team oft vor der Entscheidung, ob man eine dringend nötige Maßnahme zuerst ausführt oder diese sauber dokumentiert. „Will ich jetzt, dass der Patient trocken und sauber ist und seine Medikamente bekommt, oder will ich das dokumentieren?“ Überstunden für den Papierkram würden in vielen Häusern nicht bezahlt.

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Fehlende Dokumentation: „Sachen tagelang unbeachtet und unbehandelt“

Gerade in der Zeitarbeit verschärft das die Lage: Wer regelmäßig die Einrichtung wechselt, ist auf verlässliche Unterlagen angewiesen. Chiara beschreibt, wie sie viel Zeit damit verbringt, Sachverhalte zu klären, Zuständigkeiten zu erfragen und Lücken zu schließen. Wegen unvollständiger Dokumentation und unklarer Prozesse blieben manche „Sachen tagelang unbeachtet und unbehandelt“.

Diese Bruchstellen sieht auch Stefan Gronemeyer als systemisch an. Die meisten Fehler entstünden an Schnittstellen, sagt der Vorstandsvorsitzende des Medizinischen Dienstes im Gespräch: „Also bei Verlegungen von der einen Station in eine andere. Von der Intensivstation auf die Normalstation oder von der Normalstation nach Hause. Das sind alles kritische Punkte, wo häufig Fehler auftreten, weil die Kommunikation einfach nicht sichergestellt ist.“

Deutschland im internationalen Vergleich „nicht weit vorne“

Der MD fordert eine „echte Fehlerkultur“. Im internationalen Vergleich stehe Deutschland dabei „nicht besonders weit vorne“, so Gronemeyer; Prävention werde „vollkommen vernachlässigt“. Er verweist auf fehlende Grundlagen: „Wir haben in Deutschland keinen nationalen Aktionsplan für Patientensicherheit, wie das in vielen anderen Staaten der Fall ist. Wir haben keine systematische Erfassung der Schäden, die durch Behandlungsfehler entstehen, wie das in anderen Ländern der Fall ist.“ Seit Jahren zeigten die Statistiken ähnliche Muster: „Es wird nicht daraus gelernt.“

Albrecht Stier
Prof. Dr. Albrecht Stier war 17 Jahre Chefarzt für Viszeralchirurgie und Onkologe am Helios-Klinikum Erfurt.© Hanno Müller | Hanno Müller

Auch rechtlich gibt es Lücken: Eine Pflicht, Patientinnen und Patienten unaufgefordert über Behandlungsfehler zu informieren, existiert in Deutschland nicht – nur, wenn die Gesundheit des Patienten aktiv gefährdet ist oder der Patient selbst nachfragt.

Dass eine offene Kommunikation den Klinikalltag erleichtert, zeigt die Erfahrung von Albrecht Stier. Der renommierte Chirurg, bis zu seinem Ruhestand 17 Jahre Chefarzt der Erfurter Helios-Klinik, engagiert sich in der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und im Aktionsbündnis Patientensicherheit. „Das Erstaunliche – und das musste ich selbst über viele Jahre lernen – ist: Je offener Sie mit einem Patienten über mögliche Risiken kommunizieren, desto verständnisvoller reagiert er“, sagt Stier. „Den Patienten ist auch klar, dass nicht alles immer 100‑prozentig glattlaufen kann. In den meisten Fällen tut es das aber.“

Albrecht Stier führte Maßnahmen für Patientensicherheit ein

Behandlungsfehler träfen vor allem die Betroffenen hart, so Stier, seien aber auch für Ärztinnen und Ärzte emotional belastend. In Erfurt hat Albrecht Stier daher ein Bündel an Maßnahmen eingeführt. Patientensicherheit sei eine Frage des Qualitätsmanagements – und das müsse „Top-Down“ kommen: „Der Chef muss das einfordern.“

Im Klinikalltag könne es jederzeit zu Ausnahmesituationen kommen, doch die Versorgungsqualität dürfe darunter nicht leiden. Standards müssten verinnerlicht sein: „Wie ein Fußballspieler, der das Elfmeterschießen trainieren muss, damit er auch die Nerven behält, wenn das Stadion voll ist und alle brüllen. So muss der Arzt in jeder Situation wissen, was der Standard ist, auf den er sich zurückziehen kann.“

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Gesundheitssystem „set up for failure“

Zu diesen Standards zählen Checklisten, das Team-Time-Out vor Operationen, das Vier-Augen-Prinzip sowie strukturierte Übergaben, etwa beim Schichtwechsel oder nach einem Eingriff auf dem Weg zurück auf die Station. In Erfurt etablierte Stier zudem regelmäßige „M-und-M-Runden“ (Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen): „Dabei geht es darum, dass alle Dinge angesprochen werden können: Patienten, bei denen es vermeintlich nicht so gut gelaufen ist oder wo sich eventuell etwas unerwartet entwickelt hat. Auch Todesfälle wurden besprochen.“

Zunächst sei das „skeptisch beäugt“ worden, erinnert er sich. Kolleginnen und Kollegen hätten Restriktionen oder Schuldzuweisungen befürchtet. Später habe sich gezeigt, dass es vor allem um Prävention gehe – darum, Wiederholungen zu vermeiden. Nach einigen Monaten seien die Runden „zum Selbstläufer“ geworden. „Bis das in allen Einrichtungen Standard ist, kann es noch dauern. Aber wir sind auf einem guten Weg“, sagt Stier.

Chiara wiederum berichtet, dass sie gute Erfahrungen damit gemacht habe, eigene Fehler offen im Team zu besprechen. Schwieriger sei oft, Kolleginnen und Kollegen proaktiv auf mögliche Fehler hinzuweisen, ohne Vorwürfe zu erheben. Doch so wichtig Kommunikation sei: „Das ganze System ist ‚set up for failure‘ (zu Deutsch: ‚zum Scheitern verurteilt‘). Keine Teamarbeit, kein guter Wille kann diesen Widerspruch ausgleichen.“ Widerspruch meint sie so: Gute Behandlung sei individuell und zeitaufwendig, das Gesundheitswesen aber marktwirtschaftlich organisiert. Wo Ressourcen knapp gehalten werden, steigt die Belastung – die Fehleranfälligkeit wächst, zusätzliche Korrekturarbeit kommt obendrauf. Ein Teufelskreis.

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Zustände teilweise „katastrophal“

Die Zustände, die sie erlebt, schwanken. Manche Stationen funktionieren leidlich gut, andere seien „katastrophal“. Einmal verweigerte sie den letzten von vier geplanten Einsatztagen: „Ich war damals für vier Tage auf einer Station eingeplant. Es wurde jeden Tag schlimmer. Jeder Tag war es Russisch Roulette, ob in meinem Bereich jemand stirbt oder nicht. Deshalb habe ich den Dienst am letzten Tag abgelehnt.“ Die Verantwortung für Menschenleben habe sie unter diesen Umständen nicht mehr tragen können. „Das ist es nämlich: Es geht immer so lange gut, bis es eben nicht mehr gut geht.“ Viele kehrten dem Beruf den Rücken, beobachtet sie – „oder – was ich manchmal fast schon schlimmer finde – sie bleiben drin“.

Für Chiara führt deshalb kein Weg an einem grundlegenden Umbau vorbei: Das System müsse „auf den Kopf gestellt werden“, und zwar anders, als es der Bundesregierung vorschwebt. Das im April dieses Jahres auf den Weg gebrachte Sparpaket für Milliarden-Entlastungen der gesetzlichen Krankenkassen soll Beitragserhöhungen verhindern. Laut einer Auswertung des Deutschen Institute for Health Care Business könnte das geplante Gesetz jedoch massive Folgen für Krankenhäuser haben. Den Kliniken drohen laut der Studie Personalabbau oder Standortschließungen.

„Fehler und Folgeschäden kosten die Gesellschaft mehr Geld als eine anständige Versorgung von Anfang an“, sagt Chiara abschließend. Die strukturellen Ursachen – Überlastung und Personalmangel – zu beseitigen, sei Aufgabe der Politikerinnen und Politiker. Und das seien häufig Menschen, die die Folgen nicht unmittelbar spürten, so Chiara. „Wir schreien am Abgrund und keiner hört zu. Keiner will es hören.“