Vor 90 Jahren, am 12. September 1929, fuhr das Luftschiff LZ 127 „Graf Zeppelin“ über Jena

Jena  Der Anblick eines Luftschiffes ist heute sicherlich genauso selten wie von 90 Jahren. Daher würde man auch heute noch gebannt gen Himmel starren, falls sich über Jena einmal solch ein interessanter Flugkörper zeigen würde. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der vom Bodensee stammende Ferdinand von Zeppelin mit seiner Erfindung für Aufsehen gesorgt.

Das Luftschiff „Graf Zeppelin“ über dem Zeisswerk fotografiert von A. Böhme.

Das Luftschiff „Graf Zeppelin“ über dem Zeisswerk fotografiert von A. Böhme.

Foto: Zeiss-Archiv

Der Anblick eines Luftschiffes ist heute sicherlich genauso selten wie von 90 Jahren. Daher würde man auch heute noch gebannt gen Himmel starren, falls sich über Jena einmal solch ein interessanter Flugkörper zeigen würde.

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der vom Bodensee stammende Ferdinand von Zeppelin mit seiner Erfindung für Aufsehen gesorgt. Während des Ersten Weltkrieges kamen Luftschiffe dann verstärkt zum Einsatz, wenngleich ihre Wirkung weit hinter den Erwartungen der Militär blieb. In der Weimarer Republik führte dann Hugo Eckener, ein Wegbegleiter Zeppelins, dessen Werk fort, allerdings nur noch auf dem zivilen Sektor.

Nach dem Versailler Vertrag war es Deutschland verboten, eine Luftwaffe zu besitzen. So kam es, dass in Friedrichshafen wieder Luftschiffe nach der Konstruktionsmethode des Grafen Zeppelin gebaut wurden. Zu den bekanntesten der Nachkriegsproduktion zählt dabei jenes Schiff mit der Typennummer „LZ 127“. Um an den Gründervater der Firma zu erinnern, taufte man es „Graf Zeppelin“. Gebaut wurde es am Bodensee zwischen 1926 und 1928 für die stolze Summe von 4 Millionen Mark. Ein Großteil des Geldes stammte aus privaten Spenden. Die Jungfernfahrt folgte dann am 18. September 1928 über dem größten See Deutschlands. Seiner Zeit zählte „Graf Zeppelin“ zu den modernsten und sicher auch beeindruckendsten Luftgefährten der Welt.

Allein seine Ausmaße lassen erahnen, wie beeindruckend die silberne Riesenzigarre auf die Beobachter damals gewirkt haben muss: Knapp 240 Meter lang, so hoch wie ein siebenstöckiges Haus bei einem Durchmesser von 30,5 Metern und einem Volumen von 105.000 Kubikmetern. Fünf Zwölf-Zylinder Maybach-Motoren mit je 570 PS brachten das Schiff auf eine maximale Geschwindigkeit von beeindruckenden 118 Km/h, wobei meist ein Durchschnitt von 100 Km/h gefahren wurde.

Schon einen Monat nach der Inbetriebnahme folgte die erste größere Fahrt in die USA. Dies diente vor allem dazu, eine Flugroute zwischen Europa und Nordamerika aufzubauen. In New York wurde das Luftschiff und seine Besatzung frenetisch gefeiert. Es folgte eine erfolgreiche Fahrt in den Orient (Frühjahr 1929) bis das scheinbar Unmögliche gewagt wurde, eine Weltfahrt. Von Friedrichshafen ausgehend über die USA nach Tokio und über Russland zurück nach Europa. Im Ganzen legte „Graf Zeppelin“ dabei knapp 50.000 Kilometer in etwas mehr als einem Monat mit Zwischenstopps zurück.

Das Luftschiff erlebte, nicht zuletzt wegen einer weltweiten Pressekampagne einen wahren Hype. Daher verwundert es auch nicht, dass sein Erscheinen mitunter sehnlichst erwartet wurde. In Mitteldeutschland, genauer gesagt im Thüringer Raum war das Luftschiff bisher noch nicht gesichtet worden. Umso gespannter mussten dann die Leser des „Jenaer Volksblattes“ und der „Jenaischen Zeitung“ gewesen sein, als ihnen am 12. September 1929 angekündigt wurde, dass der Zeppelin eventuell auch über der Saalestadt zu sehen sein würde. Die Fahrt ging zunächst am 11. September von Friedrichshafen ins Ruhrgebiet. Für den Rückweg beschloss Kapitän Ernst August Lehmann am folgenden Tag auch Erfurt, Weimar, Apolda und Jena einen Besuch abzustatten.

Doch mit Bestimmtheit konnte das nicht festgelegt werden, vielleicht würde ja das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen? Diese Angst erwies sich allerdings als unbegründet, denn ein strahlend schöner Herbsttag sorgte für ideale Reisebedingungen. Schon um die Mittagszeit zog es deshalb diejenigen auf die Höhen rings um Jena, die an diesem Donnerstag die Zeit dazu hatten. Ein großer Sammelpunkt war der Hainberg (Friedensberg), aber auch auf dem Bismarckturm, dem Landgrafen, dem Jenzig und anderen Bergen hatten sich die Schaulustigen platziert. Gebannt blickte alles gen Norden, egal ob mit oder ohne Feldstecher.

Gegen 12 Uhr verbreitete sich dann die Nachricht, dass das Luftschiff Braunschweig passiert und nun Kurs gen Süden genommen hätte. Nach den Berechnungen müsste der „Graf“ dann also gegen 15 Uhr Jena passieren. Das Warten zögerte sich für die vor Ort Anwesenden beinahe unendlich hinaus. Doch plötzlich verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: „Er muss gleich kommen!“.

Und tatsächlich, etwa kurz vor 15 Uhr erschien die riesenhafte Silhouette des Luftschiffs am nördlichen Horizont von Jena und verschwand darauf wieder. Der Abstecher nach Weimar sorgte kurz für Enttäuschung, da viele Jenenser meinten, das Schiff würde nun doch nicht mehr über die Saalestadt fahren. Doch dann, etwa zehn Minuten nach drei, flog das silbern in der Sonne glänzende Luftschiff mit der Kennung „D-LZ 127“ und der markanten, rot geschrieben Aufschrift „Graf Zeppelin“ vom Mühltal aus über Jena.

Der Hainberg war inzwischen „schwarz vor Menschen“. In der Stadt rannte alles auf die Straßen und reckte den Kopf gen Himmel. Unüberhörbar war die Ankunft des Zeppelins, da alle Kirchenglocken läuteten und bei Carl Zeiss die Sirene ihren schrillen Ton abgab. Über dem Forstweg wurde ein Postpaket mit Briefen zur Weiterbeförderung aus dem Schiff abgeworfen. Nach nur 25 Minuten über Jena verschwand der Zeppelin wieder etwa bei Oßmaritz am Horizont und setzte seine Fahrt via Kahla und Rudolstadt weiter gen Süden fort.

Etwas pathetisch fasst die „Jenaische Zeitung“ den Eindruck zusammen, der wohl vielen Menschen nach dem Ereignis geblieben ist: „Die Feierstunde ist vorüber, der Alltag mit seiner Arbeit fordert wieder sein Recht; das eben Erlebte aber nehmen wir mit.“

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