Franziska Preuß sitzt nach dem Verfolgungsrennen weinend im Schnee. Kraftlos. Medaillenlos. Illusionslos. Hilfsangebote der Konkurrentinnen zum Aufstehen lehnt sie kopfschüttelnd ab. Nach einer Weile stützt sie sich auf ihre Skistöcke, erhebt sich und lächelt tapfer. Die Szene steht exemplarisch für die Karriere der Biathletin, die am Samstag mit dem olympischen Massenstart zu Ende ging. Die Oberbayerin erstürmte nicht die Gipfel wie einst ihr Vorbild Magdalena Neuner. Sie hatte auch nicht die abgeklärte Coolness ihrer Freundin Laura Dahlmeier. Ihre Laufbahn war ein ständiges Auf und Ab – geprägt vom Hinfallen und Aufraffen.
Emotionaler Empfang durch Familie, Freunde und Team
Diese permanente Achterbahnfahrt, wie es ihr Freund Simon Schempp nannte, kostete Kraft – physisch wie psychisch. Umso erleichterter schien Preuß, als im Antholzer Flockenwirbel der letzte Vorhang fiel. Die gemeinsame Ehrenrunde mit der ebenfalls aufhörenden Dorothea Wierer, der herzliche Empfang durch ihre Familie und Freunde sowie das Spalier der deutschen Mannschaft ließen bei der 31-Jährigen die Tränen kullern. „Es fühlt sich richtig an, hier die Karriere zu beenden“, sagt sie. Der Entschluss sei schon vor den Olympischen Spielen in ihr gereift. Die enttäuschenden Auftritte in Antholz ohne die erhoffte Einzelmedaille bestärkten sie wohl zusätzlich.
Voigt lässt olympische Zukunft offen
Wie schon im 15-km-Einzelwettkampf, in dem sie Vierte wurde, kämpfte Vanessa Voigt auch im 12,5-km-Massenstart lange um eine Medaille. Erst ihr einziger Fehler beim 20. und letzten Schuss warf die Thüringerin aus dem Rennen um die Podestplätze. Den Sieg holte sich die Französin Oceane Michelon vor ihrer Landsfrau Julia Simon und Tereza Vobornikova aus Tschechien. Am Ende reichte es zu Platz sieben. „Jetzt fahre ich mit Bronze aus der Mixed-Staffel und ein bisschen Blech nach Hause“, lautete das Resümee der besten deutschen Biathletin in Antholz.
Ob sie 2030 bei den nächsten Olympischen Winterspielen in den französischen Alpen noch einmal dabei sein wird, ließ die 28-Jährige nach Abschluss der Wettbewerbe offen: „Vielleicht war es sogar mein letztes olympisches Rennen. Vier Jahre sind echt eine lange Zeit.“ Ihr Rücktritt würde nach dem Karriereende von Preuß eine zweite große Lücke in das deutsche Frauenteam reißen.
Gesundheitliche Probleme begleiten die Karriere
Tiefschläge kennt sie wie kaum eine andere. Vor allem mit ihrer Gesundheit hatte sie seit ihrem Weltcup-Debüt 2013 immer zu kämpfen. Wegen hoher Infektanfälligkeit musste Preuß häufig Pausen einlegen oder eine Saison gar vorzeitig abbrechen. Ohne diese Probleme wären zu den 297 Weltcup-Starts und 40 WM-Rennen gewiss noch mehr hinzugekommen. Im Frühjahr 2024 ließ sich „Super-Franzi“ an den Nasennebenhöhlen operieren, um einen Entzündungsherd entfernen zu lassen. Ein Eingriff, der sich lohnte: Im darauffolgenden Winter erlebte sie mit dem Weltmeistertitel in der Verfolgung und dem Triumph im Gesamtweltcup ein traumhaftes Jahr.

Packendes Weltcup-Finale bleibt unvergessen
Unvergessen bleibt das Weltcup-Finale vor einem Jahr in Oslo, bei dem sich die Deutsche mit Lou Jeanmonnot einen dramatischen Showdown lieferte. In der letzten Kurve kam die Französin damals zu Fall. Anstatt zu jubeln, tröstete die siegreiche Preuß die unglückliche Konkurrentin anschließend im Ziel. Eine Geste, die ihren Charakter ziemlich genau beschreibt. Dorothea Wierer formuliert es so: „Franzi ist eine hervorragende Biathletin, aber ein noch besserer Mensch.“ Während die Südtirolerin das letzte Rennen ihrer Karriere als starke Fünfte abschloss und eine Sektdusche von ihrer langjährigen Weggefährtin erhielt, landete Preuß auf dem 28. Platz.
Enttäuschende Resultate bei Olympischen Spielen
Ein Ergebnis, das sie gelassen hinnahm – und das ins Bild dieser zwei olympischen Wochen passte. Ausgerechnet in Antholz, ihrem Lieblingsort im Biathlon-Zirkus, reihte sich eine Enttäuschung an die andere. Beim Auftakt in der Mixed-Staffel hatte sie noch Glück. Mit dem Team gewann sie trotz ihrer Strafrunde Bronze. Doch ihr Nervenflattern beim letzten Stehendschießen zog sich wie ein roter Faden durch die Wettkämpfe. Im Einzel (10.), im Sprint (7.) und in der Verfolgung (6.) vergab sie ihre Medaillenchancen jeweils beim finalen Anschlag. Und im Staffelrennen kostete ihre Strafrunde dem deutschen Quartett Edelmetall. Auch im Massenstart passte nichts zusammen. Dennoch schaffte sie es, „Biathlon noch einmal zu genießen und alles aufzusaugen“.

Franziska Preuß lässt ihre Zukunft offen
Ob Preuß noch einmal beim Weltcup-Finale vom 19. bis 22. März dabei sein wird, lässt sie offen: „Vielleicht fahre ich noch nach Oslo, um mich von allen zu verabschieden und ein bisschen gemeinsam zu feiern. Das werde ich in den nächsten Tagen entscheiden. Aber sicher nicht mehr, um mir die Ski anzuschnallen und eine Startnummer zu tragen“, sagt sie. Auch wie ihr Leben nach dem Sport aussehen wird, weiß sie bisher nicht. Preuß will sich mit der Weichenstellung bewusst Zeit lassen. „Auf meiner Liste stehen drei Sachen, die mir künftig fehlen werden“, meint sie lachend, „und mindestens 15, die mir nicht fehlen werden.“
Vermissen wird Deutschlands Sportlerin des Jahres 2025 vor allem die vielen Freunde, die sie im Sport gefunden hat. Sie habe „eine wahnsinnig spannende Zeit mit ganz vielen besonderen Momenten“ und „ganz vielen tollen Menschen“ erlebt, so Preuß. Der Sport habe sie ihr halbes Leben lang geprägt und gefordert – und ihr unendlich viel gegeben. Nun ist ein neues Kapitel an der Reihe.



