Die Schlussminuten liefen am Dienstagabend (Ortszeit) im zweiten Play-off-Spiel zwischen den Buffalo Sabres und den Boston Bruins in Nordamerikas Eishockey-Profiliga NHL. Es war laut in der mit mehr als 19.000 Fans ausverkauften Arena, denn die Gastgeber aus Buffalo hatten innerhalb von 74 Sekunden zwei Tore geschossen, lagen nur noch 2:4 zurück. Und es waren noch knapp fünf Minuten zu spielen.
Marco Sturm stand trotzdem gelassen hinter der Bruins-Bande, zeigte keinerlei Emotionen. Andere Trainer würden mit ihren Händen wild umherfuchteln oder rumschreien. Und wer würde Sturm nicht verstehen, wenn er genau dies nun auch machen würde? Schließlich hatte sein Bostoner Team zwei Tage zuvor im ersten Spiel dieser Serie bis acht Minuten vor Schluss 2:0 geführt und trotzdem noch 3:4 verloren.
Sturm schrieb deutsche Sportgeschichte in den USA
Sturm nahm eine Auszeit, um so den Spiel- und Euphoriefluss der Sabres zu unterbrechen. Mit ruhigen Anweisungen erinnerte er sein Team daran, so konzentriert zu spielen, wie in den vorherigen 55 Minuten. Die Worte wirkten, Boston gewann 4:2. Es war der erste Play-off-Sieg eines deutschen Cheftrainers in der stärksten Eishockey-Liga der Welt. Die beeindruckende Premieren-Saison des Marco Johann Sturm geht weiter und ist um ein Kapitel reicher. Weiter geht es in der Nacht zu Freitag, dann in Boston.
Wenige Tage zuvor saß der 47-Jährige in seinem Büro in der Bruins-Trainingsstätte am westlichen Stadtrand von Boston. Sturm bilanzierte die Vorrunde und sprach über die anstehenden Play-offs. „Ich bin natürlich sehr stolz, was ich dieses Jahr erreicht habe, denn ich wusste selber nicht, wo die Reise als Cheftrainer-Neuling für mich hingeht“, sagte er im Gespräch mit dieser Redaktion.

Am 5. Juni 2025 hatte Sturm in Boston seinen Vertrag als neuer Cheftrainer von Amerikas ältestem NHL-Klub unterschrieben. Seine Signatur war zugleich deutsche Sportgeschichte. Denn Sturm wurde der erste deutsche Head Coach in einer der vier großen nordamerikanischen Profiligen American Football, Basketball, Eishockey und Baseball.
Die größte Überraschung der NHL-Spielzeit
Der gebürtige Dingolfinger sollte bei den tief gefallenen Bruins, die gerade ihre schlechteste Saison der vergangenen 18 Jahre gespielt hatten, langfristig etwas aufbauen und wollte vor allem die DNA implementieren, die er noch aus seiner Zeit als Spieler (2005 bis 2010) in Boston kannte. Sprich: hartes, körperbetontes Eishockey. Außerdem, so Sturm, sollten die Fans bei den Heimspielen wieder das Gefühl haben, dass da ein Team auf dem Eis stehe, das alles gebe.
Dass der frühere deutsche Nationaltrainer gleich in seiner ersten Saison die Bruins aus dem Ligakeller hinaus und in die Play-offs führte, dass die Mannschaft sagenhafte 24 Punkte mehr holte als in der Vorsaison, ist eine der wohl größten Überraschungen dieser Spielzeit. „Er hat einen richtig guten Job gemacht“, betonte Bruins-Manager Don Sweeney. Egal ob Siegesserie oder mehrere Niederlagen nacheinander, Sturms Ansatz und Einstellung in der täglichen Arbeit hätten ihn stets überzeugt, so Sweeney weiter.
Der TV-Sender NESN, der die Bruins-Spiele überträgt, attestierte dem deutschen Debütanten, „fantastische Arbeit“ geleistet zu haben. Und im bekannten Podcast „Spittin’ chiclets“ brachte der ehemalige NHL-Profi Ryan Whitney Sturm aufgrund der „phänomenalen Saison“ sogar als Trainer des Jahres ins Gespräch.
Langer, steiniger und lehrreicher Weg für Sturm
Sturm selbst schiebt all das derzeit beiseite. Sein voller Fokus liegt auf den Play-offs. Denn wenn man die erreiche, dann wisse man, warum man Eishockey spiele, sagt er. Das habe er schon als Spieler so empfunden und das sehe er jetzt als Trainer genauso. „Du wirst für die harte Arbeit belohnt, du lernst so viel, wenn du solche Spiele absolvierst. Es gibt einfach nichts Schöneres“, betont Sturm.
Er will die K.o.-Runde genießen. Es war schließlich ein langer, steiniger und auch lehrreicher Weg in die Play-offs. Und die Öffentlichkeit konnte alles genau verfolgen, denn das Vereins-TV war stets mit den Kameras dabei. Sturm wusste dies, es war genau so in seinem Vertrag festgehalten. Egal ob Training, Kabinenansprache, Reisen – alles wird von einem Kamerateam begleitet. Anfangs habe er gedacht, dass dies „wahrscheinlich nicht einfach“ werde, so Sturm. Aber mittlerweile nehme er die Kamera „gar nicht mehr wahr“. Und in Zeiten von Sozialen Medien gehöre sowas „einfach mit zum Geschäft“. Demnächst werden die Bruins-Fans also sehen, was Sturm seinem Team nach dem 4:2-Erfolg in Buffalo gesagt – und ob er seinen ersten Play-off-Sieg als Cheftrainer eventuell ein bisschen gefeiert hat.


