Eine Stunde vor dem Anpfiff „Deutschland gegen Curaçao“ sticht die Sonne aus dem wolkenlosen Himmel. 32 Grad Celsius. Backofenhitze. Blaue und gelbe Trikots des Teams von Curaçao tröpfeln ins Zentrum. Ein Rinnsal, aus dem unmöglich eine Welle werden kann. Einige deutsche Fans sind darunter auszumachen. Und orange Trikots der Niederlande. Aber wo sind die heimischen Menschenmassen, die zum ersten Spiel ihres Landes bei einer Fußball-WM tausendfach zur Fanmeile pilgern sollten?
Der riesige Parkplatz vor dem größten Bildschirm der Stadt sollte ein zentraler Treffpunkt sein. Doch schnell wird klar: Der Parkplatz bleibt Parkplatz. Während des Spiels schauen mehr Autoscheinwerfer auf die Leinwand als Augenpaare. Menschen quetschen sich vor und zwischen die Blechkarossen und genießen die gute Übertragungsqualität des völlig falsch platzierten Monitors. Überhaupt gibt es nicht den einen zentralen Platz auf der Insel, keine Fanmeile, wie wir sie aus Europa kennen. Keine geschlossene Front von unzähligen Fans. Eher kleine Widerstandsnester. Sie verteilen sich in allen Kneipen und Bars der Innenstadt.

Sechsmonatige Vorfreude auf die Fußball-WM
Angesichts dessen, dass die Insel seit sechs Monaten eine riesige Welle macht, erscheint das irgendwie unverständlich. Zumal Curaçao sehr wohl in der Lage ist, Großveranstaltungen zu organisieren und abzuhalten. Karneval und die wichtigen Jahres- und Feiertage des Landes belegen dies Jahr für Jahr erneut. Die einheimischen Fans scheinen nichts zu vermissen. Für sie ist es die erste Fußball-WM mit einem persönlichen Bezug. Da fehlt noch jede Vergleichsmöglichkeit.
Dann geht endlich los, worauf seit über einem halben Jahr hingefiebert wird. Der erste Anstoß. Der erste Ballkontakt. Jeder Ballbesitz. Alles wird bejubelt und begeistert kommentiert. Aber die fröhliche Leichtigkeit wandelt sich zunehmend in stillschweigende Anteilnahme des Geschehens. Bald kommen die einzigen vernehmbaren Geräusche nur noch aus den Lautsprechern der Übertragungsgeräte. Das Auftaktmatch mutiert zu karibischen Passionsfestspielen. Die Zuschauer wohnen der Kreuzigung ihres Teams bei. Sie leiden mit. Kein Unmut, kein Schimpfen. Stumme Solidarität mit denen, die die Farben der Insel auf dem Platz tapfer vertreten.

Erst der Abpfiff beendet die Ruhe. Die Menschen erheben sich. Sie applaudieren. Standing Ovations für ihre Spieler. Für sich selbst. Für ihre Heimat. Wahre Größe erwächst erst aus Niederlagen und wie man mit ihnen umgeht. Curaçao schaut den Großen nicht mehr beim Fußballspielen zu. Sie gehören nun selbst zum erlesenen Zirkel. Das ist unveränderbar. Und es wiegt schwer für ein Land, das kaum wahrgenommen wird. Zudem haben sie ihr erstes WM-Tor geschossen.
Auch Fußball-Fans durchlaufen eine Lernkurve
Am Tag danach herrscht eine Art Katerstimmung. Das 1:7 hat der etwas kindlichen Begeisterung einen Knacks verpasst. Wenn Vorfreude auf Realität trifft, hat die Hoffnung eben Urlaub. Tatsachen ersetzten Spekulationen. Der Schmerz wirkt zwar nach, aber die Reaktionen auf das Spiel selbst sind eher rational als gefühlsbetont. Jeder Einheimische, den man anspricht, wusste, dass ihr Team keine Chance gegen die Deutschen hatte. Dass sich das in einem solchen Ergebnis manifestierte, überraschte allerdings auch die meisten. Gelegentlich hört man, dass das Ergebnis nicht so hoch hätte ausfallen müssen.
Doch ebenso ist jeder der Ansicht, dass diese Erfahrung wichtig war. Für die Spieler. Und auch Fans durchlaufen eine Lernkurve. Die 70-jährige Ilva gesteht, dass sie erst durch die Qualifizierung angefangen habe, sich für Fußball zu interessieren. Inzwischen versteht sie die Regeln des Spiels. Die Niederlage Curaçaos findet sie begründet in der geringeren Erfahrung der Spieler als gemeinsames Team. Die Deutschen hingegen spielten ja schon ewig vorn mit. Sie analysiert das nüchtern. Auch bei ihr keine Enttäuschung, keine Verbitterung. Eher abgeklärt. Wie eine neugierige Forscherin, die eine unbekannte Pflanze unter dem Mikroskop betrachtet.
Ärger über niederländische Kommentatoren
Auch Hotelmanagerin Dalies respektiert den Leistungsunterschied, der im Spiel zutage trat. Ihr stößt etwas anderes auf. Die Übertragung, die sie verfolgt habe, wurde von niederländischen Sportmoderatoren kommentiert. Und die hätten sich teilweise despektierlich gegenüber Curaçao geäußert. Statt die Anstrengungen und den Kampfgeist der Mannschaft zu würdigen, hätten sie sich lediglich zu Äußerungen hinreißen lassen, dass Curaçao froh sein könne, überhaupt im Turnier mitzumachen. Allein dafür sollten sie dankbar sein. Solche Randbemerkungen, in denen die Einheimischen augenblicklich den überheblichen Ton der ehemaligen Kolonisatoren identifizieren, wirken wie ein Holzhammer auf die unschuldigen Fußballerseelen der Inselbewohner.
Kellnerin Stephanie klärt das Rätsel um das fehlende Public Viewing im Zentrum der Stadt auf. Tatsächlich wurde in der Nähe des Flughafens, einige Kilometer außerhalb, eine große Halle zur Verfügung gestellt, in der sich während des Spiels die größte Ansammlung der Fans einfand. Sie beklagt, dass Curaçao mit Tahith Chong nur einen guten Stürmer habe, der ohne ausreichende Unterstützung nicht sehr viel ausrichten könne.

Neue Hoffnung am Samstag gegen Ecuador
Stephanie verließ die Übertragung nach dem vierten Tor. „Ab da habe ich es nicht mehr ausgehalten“, sagt die gebürtige Curaçaose. Inzwischen lächelt sie wieder. Am Samstag, 20. Juni, wird sie aber wieder dabei sein. Diesmal am Parkplatz mitten im Zentrum von Willemstad. Dann wird im Herzen der Insel doch eine Fanmeile sein. Abends um 20 Uhr geht es gegen Ecuador. „Der schwerste Gegner der Runde ist gespielt. Ab jetzt kann es nur einfacher werden.“
Es sieht ganz so aus, als lerne man nun auch auf Curaçao: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Nach der Enttäuschung ist vor der Hoffnung.


